«Jugendliche sollen Spass haben an ihrer Leistung»

Lernen ist wichtig. Aber noch wichtiger ist, was Kinder beim Lernen lernen, sagt Schulpionier Andreas Müller.

Der Reformpädagoge Andreas Müller ist Leiter des Instituts Beatenberg.

Der Reformpädagoge Andreas Müller ist Leiter des Instituts Beatenberg. Bild: Manu Friederich

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Herr Müller, Sie sagen, in der Schule gehe es nicht um Deutsch und Mathematik. Worum geht es denn?
Zu viele Lehrer verstehen sich als Fachlehrer. Sie kommen in die Schule, unterrichten ihr Fach und gehen wieder nach Hause. Die meisten Schüler haben aber wenig von dieser Art von Unterricht. Denn der Mensch lernt, was er tut. Die beste Form von Unterricht ist daher eine Kombination von Verhaltenstraining und Mathematik. Fächer wie Mathematik sind auch eine Möglichkeit, möglichst gute Gewohnheiten und Verhaltensmuster aufzubauen.

Dann spielen Inhalte keine Rolle?
Das kann man so nicht sagen. Aber es ist eine Tatsache, dass den meisten Menschen kaum Fachliches von ihrer Schulzeit in Erinnerung geblieben ist. Und wenn sich jemand doch an etwas erinnert, basiert dies eher auf Zufall. Vielleicht erinnert man sich an eine Sequenz über Singvögel, weil der Kollege ein Hobbyornithologe war.

Die Lehrmeister klagen, dass die Zeugnisse nichts über die Fähigkeiten der Jugendlichen aussagen. Es braucht doch Fachwissen?
Natürlich braucht es Fachkompetenzen. Zwanzig Prozent der Schulabgänger in der Schweiz sind funktionale Analphabeten. Dabei sind sie aber in ihrer Schulzeit in den Genuss von rund 1800 Lektionen Deutschunterricht gekommen. Das zeigt, dass irgendetwas an der Art des Unterrichts nicht stimmen kann.

Für viele Jugendliche ist die Schule halt eine lästige Pflicht.
Das ist aber nicht gottgegeben. Es kommt darauf an, wie man den Stoff den Schülern näherbringt. Lehrt man «literarische Gattungen» vom Pult aus. Oder sagt man den Schülern, sie sollen selber literarische Gattungen auf möglichst coole Art präsentieren.

Sie überlisten die Schüler, damit sie den Stoff «nebenbei» aufnehmen.
Sie nehmen ihn nicht nebenbei auf. Sie müssen sich mit dem Thema auseinandersetzen, um – zum Beispiel – eine gute Präsentation zu erstellen. Einer meiner Schüler hat die Gattungen als Gattungen präsentiert: Lyrik als Gedicht, Drama als Theaterstück. Was die Schüler lernen, ist das eine. Aber noch wichtiger ist, was die Schüler beim Lernen lernen.

In Ihrem Beispiel lernen Sie, wie man eine Präsentation macht.
Wenn Sie daran Spass haben, spricht nichts dagegen. Die Schule muss nicht Spass machen. Aber die Jugendlichen sollen Spass haben an dem, was sie tun. Es ist ein gutes Gefühl, sich so weit mit einem Thema auseinandergesetzt zu haben, dass man es anderen vermitteln kann. Das Thema ist dabei sekundär.

Daher hat Ihre Schule keine Noten?
Genau. An unserer Schule sind wir der Auffassung, dass Jugendliche sich möglichst oft als kompetent erleben sollten.

Auch die Wirtschaft misstraut Schulnoten und führt mittlerweile selbst Eignungsprüfungen durch.
Ja, Noten sind Willkür. Das Urteil über den Leistungsstand ist Aufgabe der aufnehmenden Institutionen und nicht der abgebenden. Auftrag der Schule ist es, die Anschlussfähigkeit sicherzustellen.

Dann sehen Sie die Eignungstests der Wirtschaft positiv?
Grundsätzlich ja, aber auch hier brauchte es eine Individualisierung. Schüler-Portfolios zum Beispiel sind eine Alternative zu Zeugnissen und Eignungstests. Es sind eine Art Ausweisdossiers, welche die Entwicklungsverläufe eines Lehranwärters sichtbar machen. Nur so ist ersichtlich, was ein Jugendlicher wirklich weiss und kann.

Das klingt nach sehr viel Aufwand für alle Beteiligten.
Der Umgang mit Portfolios mag anstrengend sein, aber er lohnt sich. Beim Eintritt in unsere Schule machen wir eine Standortbestimmung über das Wissen und die Fähigkeiten eines Jugendlichen. Dann gucken wir, welches die Anforderungen einer weiterführenden Ausbildung sind. Schliesslich übertragen wir die Ergebnisse der Standortbestimmung und die gewünschten Ausbildungsziele auf sogenannte Kompetenzraster. Diese stellen eine Art Landkarte dar und beschreiben, was ein Schüler können könnte. Kompetenzraster geben Antwort auf die Fragen: Was habe ich erreicht? Was sind die nächsten Schritte? Jeder Schüler entwickelt sich unterschiedlich schnell zu unterschiedlichen Zielen hin.

Heute reden alle von Kompetenzen statt von Wissen. Aber Kompetenz setzt doch Wissen voraus.
Natürlich. Aber die Organisation des schulischen Wissens in Fächern wurde Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt. Seither hat sich die Welt verändert.

Sie lehnen Frontalunterricht ab?
Nein, an unserer Schule gibt es ihn in den sogenannten Fachateliers. Diese Stunden finden in Niveaugruppen statt und werden stark vom Lerncoach gesteuert. Die Vertiefung in Form von Aufträgen an die Schüler in altersgemischten Lernteams ist aber das Kernstück der Schule. In den Lernteams herrscht Grossraumbüroatmosphäre, allerdings mit einer Flüsterkultur. Bei der Arbeit an ihren individuellen Verbindlichkeiten tauschen sich die Schüler mit ihren Kollegen oder den Lehrcoaches aus. So hat jeder Schüler seine eigene Schule in der Schule.

Der Begriff «Selektion» kommt bei Ihnen offenbar nicht vor.
Die Schüler messen sich bei uns nicht mit den anderen, sondern mit sich selber. Bei der Arbeit mit Komptenzrastern können sie ihre Entwicklungsverläufe verfolgen. Das spornt sie an, besser werden zu wollen.

Sie haben in Ihrer Institution Schüler, die durch die Maschen des Systems gefallen sind. Da dürfte doch die Selbstdisziplin ein Problem sein?
Durch die altersgemischten Lernteams ist es ja nicht so, dass jedes Jahr mit neuen Klassen wieder eine neue Lernkultur aufgebaut werden muss. Neue Schüler übernehmen die bestehende Lernkultur in den Teams.

Wo bleibt denn der Wettbewerb? Kinder messen sich doch gerne untereinander?
Hinter dem Wettbewerbsgedanken in der Schule steckt die Idee, dass alle in jedem Fach denselben Anforderungen genügen sollten. An unserer Schule verfolgt aber jeder Schüler individuelle Anforderungen. In den Lernteams ist bekannt, welcher Schüler in welchem Fach gut ist. «Peer Tutoring» ist daher wichtig. Davon profitiert auch der Befragte. Wenn ein Schüler von Kollegen gefragt wird, stärkt dies sein Selbstbewusstsein. Da braucht es keine Noten.

Aber Kinder sind doch auch stolz, wenn sie eine bessere Mathematiknote haben als der Kollege?
Wettbewerb ist gut. Die Frage ist aber, mit wem ich mich vergleiche. Wer an den Engadiner Skimarathon geht und so gut sein will wie Dario Cologna, lässt es besser sein. Wenn er aber sein eigenes Resultat vom Vorjahr übertreffen möchte, sollte er am Lauf teilnehmen.

Sie kritisieren in Ihrem neuen Buch die «Post-68er» in der Schule, plädieren aber für eine Abschaffung der Noten. Das ist widersprüchlich.
Man muss in der Schuldiskussion Abschied nehmen von den Headlines. Mal wird mehr Disziplin verlangt, mal weniger. Aber was man unter Disziplin versteht, wird oft nicht geklärt. Im Rahmen der «Post-68er-Welle» in der Schule wurde etwa der Begriff «Erziehung» aus der Schule verbannt. Das ist stossend. «Erziehung» bedeutet die pädagogische Einflussnahme auf das Verhalten und die Entwicklung von Heranwachsenden. Genau das ist die Aufgabe von Lehrpersonen.

Der Charakter bildet sich im Elternhaus. Die Schule kommt zu spät.
Gemäss neuesten Erkenntnissen sind die Peers und das Umfeld in der Schule aber ebenfalls sehr wichtig.

Sie legen Wert auf Umgangsformen. Wer zu Hause nie gelernt hat, Danke zu sagen, dürfte es in der Schule kaum mehr lernen.
Nein. Das Problem ist eher bei den Lehrern, die sich nicht als Erzieher verstehen. Wer nur Mathematik unterrichtet, wird den Schülern nicht gerecht. Der fachliche Erfolg ist das Ergebnis mentaler, sozialer und körperlicher Fitness. Wer als Lehrer will, dass ein Schüler mit Widerständen Erfolg hat, muss mental und nicht fachlich ansetzen. Aber es ist eben einfacher, den Dreisatz zu erklären, als mit den Jugendlichen über ihre Widerstände zu reden.

Dafür fehlen im Schulalltag aber die personellen Ressourcen. Wie wollen Sie in Klassen mit 25 Jugendlichen jedem gerecht werden?
Auch hier sehe ich das Problem an einem anderen Ort. Das Arbeitsmodell der heutigen Schulen ist nach den Bedürfnissen der Lehrpersonen organisiert. Wer gibt in welchem Raum zu welcher Zeit welches Fach? Wir gehen aber vom Schüler aus. Was braucht er, damit er Erfolg hat? Das setzt andere Arbeitszeitmodelle wie etwa das Präsenzmodell voraus. Die Lehrer kommen am Morgen und gehen am Abend. Heute ist der Lehrerberuf aber zum Teilzeitberuf geworden. Klar, die Einführung des Präsenzmodells ist eine grosse Investition. Sie wird aber auch einen Return on Investment bringen. Die Gesellschaft sollte sich diese Investition leisten.

«Früher gab es kein Internet, dafür aufgeschürfte Knie und schmutzige Fingernägel», lautet eine Ihrer Aussagen. War früher alles besser?
Nein, keineswegs. Ich wollte damit etwas anderes sagen: Früher stand auf jedem Pausenplatz eine Kletterstange. Die wurden inzwischen alle weggeräumt. Wir leben in einer Gesellschaft, die jedes Risiko minimieren will. Die absolute Form der Risikominimierung ist der Tod. Irgendwo hat die Risikominimierung ihre Grenzen. Es darf doch nicht sein, dass wir eine Generation von kranken Kindern heranziehen, die nicht mehr fähig ist, auf Stangen und Bäume zu klettern. Entwicklung braucht Herausforderung. Daher sollte man die Gelegenheiten dazu nicht eliminieren. Wir haben eine Tendenz zur Überreglementierung, die das Denken behindert.

Sie sehen Überreglementierung auch beim Lehrplan 21. Dieser sei ein «Ausfluss der fürsorglichen Belagerung» in allen Lebensbereichen.
Es ist zu begrüssen, dass fortan nicht mehr nacktes Wissen zählt, sondern Können. Es ist aber zu befürchten, dass der Lehrplan 21 nicht konsequent umgesetzt werden kann. Es kann ja nicht darum gehen, Kompetenzen «abzuhaken». An einer Veranstaltung sagte einmal ein Grundschullehrer, er müsste im ersten Schuljahr 287 Kompetenzen mit den Kindern «durchnehmen». Er wisse noch nicht, ob er das schaffe. Dieser Lehrer hat den Begriff «Inhalt» einfach durch den Begriff «Kompetenz» ersetzt.

Also ist der Lehrplan 21 gar nicht umsetzbar in unserem Schulsystem?
Das ist zu befürchten. Aber vielleicht trägt er zum Überdenken bestimmter Grundmuster bei. Der Umgang mit Vielfalt wird für die Schulen zum zentralen Thema. Der Lehrerberuf ändert sich, weil sich die Schüler verändern. Wenn der Lehrplan 21 dazu führt, dass sich die Schulen überlegen, was eigentlich ihre Aufgabe ist, kann er etwas bewirken.

Der Einsatz der neuen Medien an der Schule wird heftig diskutiert. Warum ist das für Sie kein Thema?
Für mich hat Medienmündigkeit die viel grössere Bedeutung als Medienkompetenz. Das Handy benutzen kann jeder. Das Weglegen ist das Problem. Wir können das Lernen nicht an ein Medium outsourcen. Es ist gut, wenn die Jugendlichen wissen, wie sie zu ihren Informationen kommen. Aber für eine erfolgreiche Suche braucht es Wissen. Wer glaubt, dass Jugendliche mit einem iPad vor der Nase fleissiger den Dreisatz lernen, irrt.

In Deutschland wird Ihnen vorgeworfen, Sie stellten die Schule als soziales Paradies dar. Zudem machten Sie in Baden-Württemberg ein gutes Geschäft.
Wir haben uns nie auf dem Markt angeboten. Wir bilden Fachberater für neue Schulformen in Baden-Württemberg aus. Als Rot-Grün dort an die Macht kam, wurde umgehend eine Änderung des Schulsystems in Angriff genommen. Aber die Diskrepanz zwischen den politischen Sonntagsreden und der schulischen Realität ist eben gross.

Ihre Schule ist zu einem Exportschlager geworden?
Na ja. Vor einiger Zeit teilte uns das Kultusministerium Baden-Württembergs mit, dass es nun die Kompetenzraster und Lernweglisten für das fünfte und sechste Schuljahr erstellt habe. Im Mail war ein Link angefügt, und ich wies mein Sekretariat an, das Raster auszudrucken. Das hätte ich lassen sollen, denn das Ganze umfasst über 1000 Seiten.

Sie werden missverstanden?
Ja, leider passiert dies oft. Gemeinschaftsschulen werden oft aus politischen Motiven oder zur Standortsicherung eingeführt. Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Modell findet dabei kaum statt. (Der Bund)

Erstellt: 06.05.2017, 09:11 Uhr

Andreas Müller

Der Leiter des Instituts Beatenberg studierte angewandte Psychologie mit Schwerpunkt Berufsberatung. Nach dem Studium schlug er zunächst eine journalistische Laufbahn ein. In den letzten zwei Jahrzehnten hat Müller aus dem einstigen Alpeninternat eine der innovativsten Modellschulen im deutschen Sprachraum gemacht. Am Institut Beatenberg werden rund 50 Kinder auf Sekundarschulstufe ausgebildet. Sie wurden meist von Gemeinden oder Kantonen «zugewiesen». Müller ist Autor pädagogischer Werke, darunter der Bestseller «Die Schule schwänzt das Lernen». In diesen Tagen erscheint sein neues Buch «Zwäg. Worauf es in der Schule wirklich ankommt». (bob)

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