Integration der Asylbewerber vom zweiten Tag an

Weil nur wenige Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene arbeiten, stehen hohe Sozialhilfekosten an. In Berner Asylzentren läuft ein Projekt, um Gegensteuer zu geben.

Die Schreinerei ist eine von zehn Arbeitsgruppen im Asylzentrum in Lyss.

Die Schreinerei ist eine von zehn Arbeitsgruppen im Asylzentrum in Lyss. Bild: Adrian Moser

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Über einem der Nebengebäude beim Asylzentrum in Lyss steht in grossen Lettern Schreinerei. Drei junge Männer arbeiten dort unter der Anleitung von Zentrumsmitarbeiter Naim Thaci an einem Blumenhochbeet. Schüchtern beantworten die Männer aus Eritrea und Afghanistan die Frage, was sie in ihren Herkunftsländern gemacht haben. «Farmer», sagt einer. Ein anderer gibt an, im Garten gearbeitet zu haben, der dritte war Student.

Trotz spärlicher Deutschkenntnisse arbeiten die Asylsuchenden erfolgreich an ihren Projekten. Thaci demonstriert einen raffinierten Zeitungsständer, welcher der Zentrumsleiter David Zaugg, ein gelernter Schreiner, entworfen hat. Der Zeitungsständer und andere Produkte aus dem Asylzentrum in Lyss sollen in Läden und auf Märkten verkauft werden. Die Schreinerei ist nur eine von zehn Arbeitsgruppen, daneben gibt es eine Gärtnerei, eine Manufaktur, einen Kinderhort, eine Baugruppe oder eine Velowerkstatt.

«Jede Phase ist ein Aufstieg»

In diesen Werkstätten arbeitet, wer bereits die erste Phase des neuen Integrations- und Rückkehrhilfeprojekts In-Limbo durchlaufen hat. Am zweiten Tag nach der Ankunft im Asylzentrum können die Flüchtlinge alltägliche Arbeiten im Zentrum erledigen. Das ist auch andernorts üblich, aber in Lyss arbeiten die Leute in festen Gruppen und müssen sich für drei Monate verpflichten. In einem dritten Teil ist schliesslich die Teilnahme an externen Beschäftigungsprogrammen vorgesehen. «Jede Phase ist ein Aufstieg», sagt Markus Schneider. Zuerst müsse man sich bewähren, später könne man davon profitieren. «Damit wollen wir ihnen unsere Bildungskultur näherbringen», sagt er.

Aber auch Tugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sollen sich die Leute so aneignen. Schneider hat im Asylzentrum Büren geholfen, In-Limbo zu entwickeln. Nun soll das Projekt nach und nach in allen Zentren eingeführt werden, die von der Asylorganisation Asyl Biel und Region (ABR) betrieben werden. Vorerst kommt In-Limbo in Lyss und Enggistein bei Worb zur Anwendung.

Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt ist eine grosse Herausforderung, auch für den Kanton Bern. Lange wies Bern im Vergleich mit anderen Kantonen eine unterdurchschnittliche Erwerbsquote auf. Das führte dazu, dass Bern weniger Bundesgelder erhielt, weil die Beiträge von der Erwerbsquote abhängig gemacht wurden.

Der finanzielle Anreiz liege für die Kantone aber nicht darin, sondern dass die Sozialhilfekosten sinken würden, wenn mehr Personen ein Einkommen hätten, sagt Manuel Haas, Integrationsdelegierter des Kantons. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe warnt in diesem Zusammenhang schon lange vor einer Kostenexplosion.

Ein langer Weg für Analphabeten

Mittlerweile hat der Kanton Bern etwas aufgeholt und weist eine durchschnittliche Erwerbsquote auf. Dies allerdings vor dem Hintergrund, dass die Erwerbsquoten generell tief sind und bei den vorläufig Aufgenommenen noch gesunken sind. Nur knapp jeder dritte vorläufig Aufgenommene arbeitet, bei den anerkannten Flüchtlingen sind es mit rund 20 Prozent noch weniger. Dies unterstehe der Logik, dass relativ viele Leute mit positiven Asylentscheiden noch nicht lange hier seien, sagt Haas.

Die Asylzahlen waren insbesondere 2015 stark angestiegen und seit 2014 endeten weit über die Hälfte der Asylverfahren mit einer vorläufigen Aufnahme oder einer Anerkennung als Flüchtling. Haas nennt die Gründe, warum Flüchtlinge nur schwer in den Arbeitsmarkt zu integrieren sind. «Was sie mitbringen, entspricht oft nicht den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts.» Für Analphabeten sei der Weg in die Erwerbstätigkeit lang.

Bei einem Teil sei die Integration generell schwierig, weil sie traumatisiert oder bereits älter seien. «Auf dem Arbeitsmarkt sind Jobs für niedrig Qualifizierte zudem Mangelware», sagt er. Deshalb bestehe die Tendenz, auch vorläufig Aufgenommene auszubilden, damit ein Teil qualifizierte Berufe ergreifen könne. «Am besten sind Arbeitsplätze, die bei der nächsten Digitalisierung nicht wieder abgeschafft werden.»

Auch als Rückkehrhilfe gedacht

Im Bereich Ausbildung haben Bund und Kanton in den letzten Jahren einige Angebote geschaffen. Der Kanton Bern hat etwa die Brückenangebote für Jugendliche ausgebaut und der Bund hat die Flüchtlingsvorlehre lanciert.

Die Wissensvermittlung in den Werkstätten des Lysser Asylzentrums übernehmen Profis. «Ein Velomechaniker aus dem Ort nimmt die Flüchtlinge zu sich in den Kurs», sagt Manuel Schmid, der für die Einführung von In-Limbo in Lyss verantwortlich ist. Nach jeder Phase gibt es Austrittsgespräche mit den Asylsuchenden, über das Erreichte wird ein Dossier geführt. «Die Leute sollen gegenüber den Arbeitgebern etwas in der Hand haben», sagt Schmid. Ziel ist, dass sie eine Ausbildung in Angriff nehmen können oder direkt in den Arbeitsmarkt einsteigen.

Mehrkosten entstehen laut Philipp Rentsch, Geschäftsleiter von ABR, in der Entwicklungs- und Einführungsphase. Langfristig soll In-Limbo kostenneutral sein, denn während die Leute in den Beschäftigungs- und Integrationsprogrammen seien, falle weniger Betreuungsaufwand an. «Es ist eine ausgesprochen gute Sache, die zum Standard werden könnte», sagt der Integrationsdelegierte Haas. Auch weil das Programm unabhängig davon aufgebaut sei, ob jemand im Land bleiben könne oder nicht. Wenn jemand das Imkern erlerne, sei dies zusammen mit der finanziellen Rückkehrhilfe ein gutes Kapital für ein Start-up im Herkunftsland, sagt Schmid. (Der Bund)

Erstellt: 19.06.2017, 07:31 Uhr

Integration: Starke Linke hilft

Die Kantone weisen unterschiedliche Erwerbsquoten auf. Kleine Kantone, die wenig Asylsuchende aufnehmen, weisen oft viel höhere Erwerbsquoten auf. Aber auch Zürich als grösster Kanton kann bei der Arbeitsintegration mehr Erfolge vorweisen als Bern. Die Gründe dafür hat Fritz Sager, Dozent am Kompetenzzentrum für Public Management der Universität Bern, untersucht. Er kommt in seiner Studie zum Schluss, dass die Zusammensetzung der Kantonsregierungen eine entscheidende Rolle spielt. Schlechte Integration gehe einher mit dem Fehlen einer starken politischen Linken.

Nur im Kanton Bern – welcher im Untersuchungszeitraum eine linke Regierungsmehrheit hatte – treffe dies nicht zu. In diesem Spezialfall habe sich die Blockierung zwischen der linken Regierung und dem bürgerlichen Parlament negativ ausgewirkt. Kürzlich liess Bundesrätin Simonetta Sommaruga (SP) in einer Ratsdebatte durchblicken, dass die Anstrengungen der Kantone höher sein könnten. Zumindest intensivierten die Kantone ihre Integrationsmassnahmen erst kurz bevor die Flüchtlinge aus der Zuständigkeit des Bundes fallen würden, hielt sie fest. (ba)

Bundesasylzentrum Kappelen-Lyss: Lokale Asylorganisation verliert Zentrum an ORS

Asyl Biel und Region (ABR) hat sich um das Bundesasylzentrum beworben – ohne Erfolg. Seit bald 20 Jahren führt die Organisation ABR an der Grenze zu Lyss ein Asylzentrum. Ende Jahr muss ABR dieses Asylzentrum aber aufgeben, weil an diesem Standort ein Bundesasylzentrum eingerichtet wird. «Das Bundeszentrum ist gesetzt», sagt Philipp Rentsch, Geschäftsführer von ABR. Doch kampflos aufgeben will er den langjährigen Standort nicht. ABR hat sich deshalb an das Staatssekretariat für Migration (SEM) gewandt und sich für eine allfällige betriebliche Übergangslösung beworben.

Die Idee: Auch während des Umbaus der Liegenschaft zu einem Bundesasylzentrum sollen dort Asylsuchende untergebracht werden. ABR würde gerne am Standort bleiben, um sich danach aus einer besseren Position für den Betrieb des Bundesasylzentrums zu bewerben. «Wir sind gut verankert in der Region», sagt Rentsch. Zudem habe man dem Bund mit dem neuen Integrations- und Rückkehrhilfeprojekt In-Limbo (siehe oben) etwas zu bieten.

In Lyss will der Bund ein Warte- und Ausreisezentrum aufbauen, wo vorwiegend Asylsuchende leben werden, die das Land voraussichtlich wieder verlassen müssen. In-Limbo funktioniere unabhängig vom Status, Leute, die kein Asyl erhielten, könnten etwas lernen, das sie im Herkunftsland als Geschäftsidee umsetzen könnten.

Neuausschreibung erfolgt 2019

Die gute Zusammenarbeit auf lokaler Ebene bestätigt der Gemeindepräsident von Lyss, Andreas Hegg (FDP). «Wir haben ein gutes Verhältnis mit ABR», sagt er. Die Leute hätten viel Erfahrung.

Aus den Antworten des SEM geht aber hervor, dass ABR seinen Standort in Lyss verlieren wird. Noch sei nicht klar, ob es eine betriebliche Übergangslösung geben wird. Falls doch, würde wohl die Firma ORS Service AG zum Zug kommen. Nach einer öffentlichen Ausschreibung 2012 hat der Bund mit der ORS einen Rahmenvertrag abgeschlossen. Sie betreibt mit Ausnahme von einigen Zentren in den Kantonen Zürich, Thurgau und Zug alle Bundesasylzentren in der Schweiz. Der Rahmenvertrag läuft zwar 2017 aus, kann aber bis Ende 2019 verlängert werden.

Von dieser Möglichkeit wird der Bund wahrscheinlich Gebrauch machen. «Sofern die Rahmenverträge verlängert werden, wird die Neuausschreibung 2019 erfolgen», heisst es beim SEM. Die Dominanz von ORS im Asylwesen sorgte immer wieder für Kritik. Nun wird ORS auch auf Bundesebene wieder zum Thema. Der grüne Nationalrat Balthasar Glättli hat diese Woche eine Interpellation eingereicht, er fordert mehr Transparenz bei der Vergabe von Betreuungsaufträgen. (ba)

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