«Im nächsten Leben möchte ich ein Mönch sein»

Die Berner Profi-Boxerin Aniya Seki über Entsagung, die Angst vor dem Match und ihren Kampf gegen die Bulimie.

Zum Boxen kam Aniya Seki erst nach einem Aufenthalt im indischen Dharamsala, dem Exilort des Dalai Lama.

Zum Boxen kam Aniya Seki erst nach einem Aufenthalt im indischen Dharamsala, dem Exilort des Dalai Lama. Bild: Adrian Moser

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Frau Seki, Sie bezeichnen sich als ängstlichen Menschen. Wie meinen Sie das?
Ich würde nicht spät nachts zu Fuss allein durch die Stadt nach Hause gehen. In solchen Dingen bin ich ängstlich.

Sie sagten einmal, Sie sterben fast vor Angst vor einem Boxmatch?
Das ist immer nur kurz vorher.

Haben Sie Angst vor Schmerzen?
Nein. Es sind eher existenzielle Ängste. Als Boxerin ist man auf sich gestellt. Wenn ich einmal verliere und nicht mehr trainiere, ist das allen egal.

Eine Niederlage beim Boxen muss aber ebenfalls schlimm sein.
Wenn ich kämpfe und gut boxe, ist Verlieren für mich heute nicht mehr schlimm. Aber ich bin extrem nervös vor dem Match, weil ich nicht weiss, was mich erwartet. In diesem Moment wird mir bewusst, dass Boxen eine Leidenschaft ist, die Konsequenzen haben kann.

Je hübscher eine Frau ist, desto mehr Leute helfen ihr.

Sie wollen Weltmeisterin WBC werden. Ist es das, was Sie antreibt?
Mich reizt es, mich zu messen mit einer Gegnerin. Mich reizt nicht das Geld.

Ist der WM-Titel nicht eher Bürde? Sie tragen das Risiko für die nächsten Kämpfe ja selber?
Der Titel ist sicher nicht nur Segen. Ich habe mal eine Titelverteidigung gegen die Mexikanerin Judith Rodriguez verloren.

Sie haben sich abgedreht und den Kampf aufgegeben.
Ja. Weil ich keinen Bock mehr hatte.

Judith Rodriguez war Ihre Freundin, Wie kommt man auf die Idee, gegen eine Freundin zu kämpfen?
Ich habe nach einer Krise einige Zeit in Mexiko trainiert. Dabei habe ich bei ihrer Familie gelebt. Ich war wie ein Kind der Familie. Judith hat mich gebeten, sie in die Schweiz zu einem Match einzuladen. So ist es zu diesem Kampf gekommen.

Hatten Sie Skrupel, richtig zuzuschlagen?
Ich war wohl eher überrascht, dass sie diese Skrupel nicht hatte. Ich war wie gelähmt, gar nicht präsent. Ich weiss nur noch, was für ein aggressives Gesicht sie hatte und wie sie bei den Schlägen jeweils weit ausholte. Sie wollte mich k. o. schlagen, nichts anderes.

Sind Sie zu lieb fürs Boxen?
Damals war ich wohl zu lieb.

Sie gaben ihr eine Chance, um aus Mexiko rauszukommen und sie wollte Sie «zum Dank» k. o. schlagen?
Sie wollte gewinnen. Ich bin nicht Buddhistin, aber ich habe mich intensiv mit dem Buddhismus befasst. Es kommt alles wieder zurück im Leben. Im März 2015 habe ich den Titel wieder geholt. Sie konnte mit dem Titel etwas Geld verdienen in Mexiko und ihrer Familie helfen, der ich so viel verdanke. Das ist gut so.

Hat Sie dieser Kampf verändert?
Das Boxen als solches hat mich verändert. Heute bin ich eine Boxerin.

Was waren Sie denn vorher?
Ich komme von weit her. Ich bin im Alter von 13 Jahren an Bulimie erkrankt. Es gab viele Aufs und Abs. Das Boxen gab mir wieder Halt.

Vor der Lehre als Modeverkäuferin gingen Sie neun Monate ins Exil des Dalai Lama nach Dharamsala. Sie wären am Ende Ihres Aufenthaltes am liebsten Mönch geworden.
Das ist immer noch so. Im nächsten Leben möchte ich ein Mönch sein.

Gibt es denn überhaupt einen grossen Unterschied zwischen Boxerin und Mönch?
In Bezug auf Entsagung und Konzentration gibt es schon Ähnlichkeiten. Aber die Erfüllung ist eine ganz andere: Boxer wollen Erfolg haben. Der Erfolg ist weltlich und wird irgendwann wieder aufhören.

Ist die Konzentration im Boxmatch nicht auch eine Art Meditation?
Natürlich. Aber das Schöne am Mönchsein ist, dass man ein Leben lang auf etwas hinarbeitet, das Sinn macht. Man meditiert und wird sich bewusst, dass man irgendwann sterben wird. Man bereitet sich vor auf den Tod, indem man den Geist zu zähmen versucht. Mein Geist als Boxerin ist total schusselig. Wenn ich hätte wählen können, wäre ich Mönch geworden.

Warum sind Sie denn nicht in Dharamsala geblieben?
Ich hätte mir die Haare rasieren, alles abgeben und Nonne werden müssen. Dafür fehlte mir aber der Mut.

Es gab einige Krisen in Ihrer Karriere. Es macht den Anschein, Sie boxten früher gegen sich selber.
Das habe ich heute gar nicht mehr nötig. Ich habe keine Durchhänger mehr. Ich stehe jeden Morgen auf und gehe ins Training, auch wenn ich kaputt bin oder am Vorabend eine Niederlage erlitten habe.

Wie kamen Sie überhaupt zum Boxen?
Ich habe den Boxtrainer Bruno Arati auf der Strasse angesprochen und ihn gefragt, ob ich mal im Boxkeller ein Probetraining absolvieren könne. Nach drei Wochen Fitness-Boxen schickte er mich bereits in den ersten Match. Ich hatte bis dahin keine fundierte Boxausbildung genossen. Das kam erst später.

Sie sind in den Boxsport reingeschlittert?
Manchmal habe ich eine Idee und die setze ich gleich um. Ich habe damals Karate gemacht und hatte von Bruno gehört. Bei mir ist es oft so, dass am Anfang einer Idee Menschen stehen.

Was bedeutet Ihnen Bruno Arati?
Bruno verdanke ich sehr viel. Er ist mein Trainer und wird es immer sein. Aber ich trainiere nicht mehr nur mit ihm. Jetzt habe ich zusätzlich einen Kubaner an meiner Seite. Die kubanische Philosophie des Boxens gefällt mir: Sie spielen mit dem Gegner. Boxen ist für mich eine Kunst, keine reine Frage der Kraft.

In Ihrem zweiten Profi-Match ging die Deutsche Nicole Hauenstein wie eine Furie auf Sie los. In der ersten Runde wurde der Kampf abgebrochen. Wollten Sie damals aufhören?
Nein, im Gegenteil. Dieser Match war der Grund, warum ich weitergemacht habe. Am nächsten Tag war ich schon wieder im Training. Ich habe da überhaupt erst realisiert, dass eine Frau hart zuschlagen kann, und ich wollte das auch lernen.

Dafür war ein Paukenschlag nötig?
Ja. Das hat mich wachgerüttelt, und die Stunden bei einer Therapeutin, die zum Glück eine Ahnung vom Boxen hatte. Sie hatte mich gefragt, in welcher Kleidung ich denn an die Matchs gehe. Ich sagte, in viel zu engen alten Boxhosen. Ich habe damals im gleichen Boxstall trainiert wie Nicole Boss. Ich habe sie bewundert. Sie trug an ihren Kämpfen stets ein tolles Boxkleidchen aus den USA. Die Therapeutin sagte mir, ich solle mir umgehend auch ein Boxkleid besorgen.

In den nächsten 18 Kämpfen im neuen Boxkleidchen gab es keine Niederlage mehr.
Genau. Ich habe immer zu anderen aufgeschaut. Meine Therapeutin hat mich gelehrt, bei mir zu bleiben.

Sie haben ein Jahr im Berliner Sauerland-Boxstall trainiert, neben Weltmeistern wie Arthur Abraham oder Jack Culcay. Was haben Sie gelernt?
Die Grundschule des Boxens. Und die Disziplin. Disziplin beim Training, Disziplin an den Matchs und in den Gedanken. Es gab kein Pardon. Das Klare und Gerade im deutschen Boxen gefällt mir.

Haben Sie den deutschen Geist nach Bern gebracht?
Mein Idol Pablo Hernandez kam mit nach Bern, um mich zu trainieren. Interessanterweise sind die kubanischen Boxer ähnlich fokussiert wie die deutschen. Ich war sicherlich boxerisch noch nie so stark wie heute. Ich bin überlegter, ruhiger und stehe mit beiden Beinen auf dem Boden.

Dieser Sport gibt einem Stärke. Man kann Ängste überwinden. 

Sie leiden unter Bulimie. Wie ist Boxen da überhaupt möglich?
Momentan habe ich die Krankheit gut im Griff, obwohl man davon nie ganz geheilt ist. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Ich weiss auch, wann ich gefährdet bin, rückfällig zu werden. Wenn ich zum Beispiel in einem Restaurant zu viele leckere Sachen esse, dann muss ich aufpassen. Deshalb esse ich meist nur einen Salat.

Mit Salat allein bestreiten Sie aber keinen 10-Runden-Kampf.
Für das Training und für die Kämpfe brauche ich die Nahrung, das ist klar. Und ich kenne meinen Körper mittlerweile gut genug, um zu wissen, was mir guttut und was nicht. Ich mag keine strikten Ernährungspläne oder all die Pülverchen, die andere Sportler zu sich nehmen. Ich esse das, worauf ich Lust habe. Gerade weil ich aus der Bulimie und Magersucht herausgekommen bin, möchte ich mich nicht neuen Ernährungsregeln unterwerfen.

Kennen Sie die Ursache Ihrer Erkrankung?
Man muss sich das als riesige Anspannung vorstellen, als einen Überdruck, der im Körper oder in der Seele herrscht. Es gibt Menschen, die sich selbst verletzen, damit dieser Druck nachlässt. Verständlicher wird es, wenn man es mit anderen Süchten vergleicht. Ein Raucher kommt erst zur Ruhe, wenn er sich einen Glimmstängel anzünden kann. Oder es gibt Leute, bei denen sich während eines Tages so viel aufstaut, dass sie am Abend zur Flasche greifen, um wieder runterzukommen. So ähnlich war das mit dem Erbrechen. Man lässt etwas ab. Schlechte Energie, Stress oder eben zu viel Essen.

Gab es ein Schlüsselereignis dafür?
Es begann in meiner Jugend. Meine Mutter zog mit einem Freund zusammen. Da habe ich einfach aufgehört zu essen. Es war eine Art Hilfeschrei.

Der Boxsport ist ein von Männern dominiertes Milieu. Wird das Frauenboxen stiefmütterlich behandelt?
Frauenboxen ist sehr ungerecht. Wir kämpfen in einer Männerwelt. Je hübscher eine Frau ist, desto mehr Leute helfen ihr. Wenn jemand ausserordentlich hübsch ist und sich auch so präsentiert, findet sie eher einen Manager oder Sponsor. Es gibt auch welche, die versuchen, mit den Boxerinnen ins Bett zu gehen. Mit der Zeit kristallisiert sich aber trotzdem heraus, wer gut ist und wer nicht.

Wurden Sie mit solchen Avancen konfrontiert?
Ich nicht. Aber man tauscht sich in der Szene aus.

Sie sind nun 37. Im letzten Jahr haben Sie nur zweimal geboxt. Haben Sie wegen des Alters die Kadenz etwas gedrosselt?
Ich habe 36 Profi-Kämpfe bestritten, was für eine Frau überdurchschnittlich viel ist. Heute ist mir wichtig, mir zwischen den Kämpfen Zeit zu lassen, damit Hirn und Körper sich erholen können. Machen wir uns nichts vor: Jeder Boxer spürt nach einem Kampf, dass er getroffen wurde, dass das Gehirn kleinen Erschütterungen ausgesetzt war. Deshalb sind diese Pausen wichtig. Und es gibt ja auch ein Leben nach dem Boxen.

Haben Sie Angst vor dem Leben nach dem Boxen?
Nein. Das Boxen kann nicht der Sinn eines Lebens sein. Da gibt es etwas Tieferes. Das Boxen ist momentan mein Halt. Und da wird wieder etwas anderes folgen. Doch dieser Sport gibt einem eine Stärke. Man kann mit ihm Ängste überwinden, und man kann sich selber beweisen, dass man etwas schaffen kann.

Sie haben begonnen, mit Parkinson-Kranken zu trainieren. Wie kann Boxen therapeutisch wirken?
Es gibt viele Boxer mit Parkinson. Und es klingt vielleicht paradox, einer Krankheit mit einem Sport zu begegnen, der im Verdacht steht, diese auszulösen. Aber es geht in einer solchen Therapie um Beweglichkeit und Kraft. Es geht darum, dass man auf jeden Patienten individuell eingeht. Eine Gemeinsamkeit von Parkinson-Patienten ist, dass die Bewegungen immer kleiner werden. In meiner Therapie machen wir grosse Bewegungen.

Wovon leben Sie heute?
Ich leite diese Trainings und führe ein bescheidenes Leben. Wenn ich sehe, was andere Frauen in meinem Alter alles haben – Kinder, Mann, ein Zuhause, ein Auto – und wenn ich sehe, was sie sich alles leisten können, dann denke ich manchmal schon, dass ich noch nicht viel erreicht habe. Doch mein Luxus ist es, boxen zu dürfen. Ich freue mich jeden Tag aufs Training. Boxen, wie ich es jetzt praktiziere, ist Rhythmus, es ist wie Tanzen. Ich könnte das noch 100 Jahre lang ausüben und es würde sich nicht abnutzen.

Wie ist es, als 37-Jährige gegen eine motivierte 20-Jährige anzutreten?
Motivation allein hilft einem im Boxen nichts. Eine gute Boxerin bist du nur, wenn du dich selber kennst, wenn du eine Sicherheit ausstrahlst und dir deiner Grenzen und Fähigkeiten bewusst bist.

Würden Sie einer jungen Frau empfehlen, als Profi zu boxen?
Wenn ich meinen Weg mit all den Entbehrungen, all dem vergossenen Herzblut und den erlittenen Rückschlägen betrachte, dann würde ich ihr eher empfehlen einen guten Beruf zu erlernen und nebenbei zu boxen. (Der Bund)

Erstellt: 04.03.2017, 08:16 Uhr

Aniya Seki

Aniya Seki ist zurzeit die beste Boxerin der Schweiz. Die Tochter einer Schweizerin und eines Japaners wuchs die ersten vier Lebensjahre in Japan auf. Nach der Schule absolvierte sie eine Lehre in einem Berner Modegeschäft und eine Zusatzausbildung als Visagistin. Zum Boxen kam sie nach einem Aufenthalt im indischen Dharamsala, dem Exilort des Dalai Lama. Ihren ersten Profi-Match bestritt sie 2008.

Seki war Weltmeisterin zweier kleinerer Boxverbände und ist Silverbelt-Trägerin des World Boxing Council (WBC). Aniya Seki ist ein Kapitel im Buch «Das halbe Leben. Junge Frauen erzählen» von Susanna Schwager gewidmet, das dieser Tage im Wörterseh-Verlag erscheint.

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