«Im Extremfall fällt häusliche Gewalt unter den Tisch»

Kriminologin Nadja Capus findet es problematisch, dass die Polizei Bereiche ihrer Arbeit verschweigt. Es bestehe die Gefahr, dass die Sensibilisierung für Delikte im Privaten Raum abnehme.

Was geschieht hinter geschlossenen Rollos? Delikte im privaten Bereich bleiben oft im Dunkeln.

Was geschieht hinter geschlossenen Rollos? Delikte im privaten Bereich bleiben oft im Dunkeln.

(Bild: Keystone)

Hanna Jordi

Straftaten geschehen nicht nur, sie sind auch stets Thema in privaten Gesprächen und in der medialen Berichterstattung. Welche Funktion hat es, wenn die Polizei über Delikte berichtet?
Nadja Capus: Da sind verschiedene Funktionen im Spiel: etwa Sensibilisierung und Prävention. Von Bedeutung ist sicher auch die politische. Schliesslich stellt sich immer wieder die Frage: Wer erhält wie viele Ressourcen von der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellt? Als Behörde, über deren Ausstattung in politischen Prozessen entschieden wird, will die Polizei natürlich mitgestalten, wie sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Ist die Kommunikation der Berner Polizei aus Ihrer Sicht typisch?
Ja. Sie spiegelt das wider, was andere polizeiliche Medienstellen auch tun: Zeugenaufrufe platzieren, Erfolge vermelden, keine Nachahmung provozieren. Zum Beispiel hat es sich durchgesetzt, dass über Suizide nicht berichtet wird: Man will keine Nachahmer stiften. Auch in Bern wird das so gehandhabt.

Der Verzicht auf eine Meldung hat auch andere Gründe. Dass über häusliche Gewalt nicht berichtet wird, begründet die Polizei mit dem Opferschutz. Ist das schlüssig?
Bedingt. Ich bin mir sehr sicher, dass die Polizei Wege fände, um über einen Fall zu berichten, ohne dass sich Opfer und Täter ausfindig machen liessen. Etwa, indem nur ein Quartier, nicht aber ein Strassenname genannt würde. So aber stellen wir fest: Häusliche Gewalt findet in der Kommunikation der Polizei fast gar nicht statt, obwohl sich häusliche Gewalt in der Gesellschaft sehr oft manifestiert. Hier sehe ich eine Problematik.

Welche?
Mit ihrer Kommunikation prägt die Polizei Normvorstellungen mit: Was wird als kriminell wahrgenommen, was nicht? Im Extremfall kann häusliche Gewalt in der öffentlichen Wahrnehmung unter den Tisch fallen. Opfer sind sich nicht mehr sicher, ob sie wirklich Opfer sind, und Nachbarn unterlassen den Anruf bei der Polizei, weil sie sie nicht dafür halten. Dabei ist die Polizei gerade im privaten Bereich auf den Meldereflex von Betroffenen oder Dritten angewiesen, um überhaupt aktiv zu werden.

Sehr aktiv ist die Polizei bei der Kommunikation von Unfällen, hier bestehe ein öffentliches Interesse. Stimmen Sie dem zu?
Wenn ein Unfall zu einem kilometerlangen Stau führt, ist das sicher richtig. Problematisch erscheint mir die Definition dann, wenn öffentliches Interesse mit öffentlichem Raum gleichgesetzt wird. Sind Sexualdelikte weniger von öffentlichem Interesse, weil sie weniger öffentlich stattfinden? Natürlich muss gesagt sein, dass die Kommunikatoren bei der Polizei gelernt haben, sich am Newsverständnis der Redaktionen zu orientieren. Sie wissen, dass Verkehrsunfälle oft verbreitet werden, also «gut laufen».

«Gerade im privaten Bereich ist die Polizei auf den Meldereflex von Dritten angewiesen.»Nadja Capus

Fahren Bernerinnen und Berner vorsichtiger als die Bewohner eines Landstrichs, in dem Unfälle weniger oft kommuniziert werden?
Inwiefern die Kommunikationsarbeit Präventionscharakter hat, müsste man untersuchen. In den letzten Jahren hat sich die öffentliche Haltung gegenüber Fehlverhalten im Verkehr grundsätzlich gewandelt. Wir reden davon, dass sich die Punitivität verändert hat, also das Empfinden darüber, was hart bestraft werden soll und was nicht. Raserdelikte rücken zunehmend in die Nähe der vorsätzlichen Tötung, obwohl davon wohl kaum ausgegangen werden kann. Entsprechend hat sich auch die Rechtsprechung verschärft. Hier wird – durch eine komplexe Dynamik – ein gemeinsames Verständnis von «schweren» und «leichten» Vergehen herausgebildet.

Was sind «leichte» Vergehen?
Denken Sie nur an Ladendiebstahl oder Schwarzfahren. Hier spricht man von Massendelikten: Sie sind ubiquitär, fast jeder tut sie einmal, manche gar regelmässig. Diese Taten tauchen kaum je in Polizeimitteilungen auf. Dabei wäre die Information über Schwarzfahrer, die ihre Busse nicht zahlen, von öffentlichem Interesse – immerhin werden ihretwegen die Billette teurer.

Die Einbruchsmeldungen sind von öffentlichem Interesse. Sie bringen die Leute dazu, ihre Türen zu verriegeln.
Das ist nicht so einfach. Der Grat zwischen Prävention und der Vermittlung eines Unsicherheitsgefühls ist schmal. Im Extremfall erhalten Bürger den Eindruck, sie müssten sich selbst vor Kriminalität schützen. Ende der 90er-Jahre bildeten sich in der Schweiz in Gemeinden im Luzernischen und in Baselland Bürgerwehren aus, die gegen Einbrecher patrouillierten. Sie hatten die «Seid wachsam»-Botschaft verinnerlicht – ungeachtet der Tatsache, dass die Einbruchstatistik seit Jahren rückläufig war.

Dann raten Sie der Polizei zu mehr Zurückhaltung bei der Kommunikation?
Nein. Gerade in Bereichen, in denen die Polizei auf Meldungen durch Dritte angewiesen ist, wäre mehr Kommunikation wünschenswert. Etwa im Bereich des Menschenhandels, sei es im Rotlichtmilieu oder bei ausbeuterischen Arbeitsverträgen. Freier, Kunden oder Nachbarn sollten sich bemüssigt fühlen, einem Verdacht Ausdruck zu verleihen. Denn bis eine Routinekontrolle der Polizei Verstösse ans Licht bringt, kann es dauern.

Welche Empfehlung haben Sie für die Berner Polizei?
Es ist eine schwierige Aufgabe, welche die Polizei hier meistert. Ich kann ihr nur raten, sich ihre gesellschaftliche Funktion immer wieder vor Augen zu führen. Das heisst: sich nicht von den Medien oder der Politik instrumentalisieren zu lassen und auch «unpopulären» Delikten Platz einzuräumen.

DerBund.ch/Newsnet

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