«Ich wurde immer wieder unterschätzt»

Evi Allemann ist die Regierungsratskandidatin der SP. Im Kanton Bern gebe es auch mit einer bürgerlichen Mehrheit Platz für linke Politik.

Persönlich ist die 39-Jährige Evi Allemann nicht abgeneigt, Polizeidirektorin zu werden.

Persönlich ist die 39-Jährige Evi Allemann nicht abgeneigt, Polizeidirektorin zu werden. Bild: Manu Friederich

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Evi Allemann, Sie wurden am Samstag als Regierungsratskandidatin der SP nominiert. Sie können das Politisieren offenbar nicht lassen.
Ich bin ein durch und durch politischer Mensch. Ich mache Politik aus Leidenschaft. Deshalb freue ich mich nun auf den Wahlkampf. Und natürlich auch auf das Amt – wenn ich denn gewählt werde.

Die Chancen stehen sehr gut.
Grundsätzlich sollte man nie mit zu grosser Sicherheit in eine Wahlkampagne steigen. Eine Wahl ist stets erst am Wahltag sicher. Deshalb werde ich mit vollem Elan Wahlkampf betreiben. Als Regierungsratskandidatin stehe ich zudem in der Pflicht, für meine Partei für die Grossratswahlen zu mobilisieren.

Aber Sie gehen mit mir einig, dass die Ausgangslage eine sehr gute ist.
Ja. Auch wenn die Ausgangslage noch nicht definitiv klar ist.

Sie waren 20 Jahre lang als Parlamentarierin tätig. Welches sind die grössten Veränderungen, die ein Exekutivamt mit sich bringt?
Die Verantwortung, die man auf sich nimmt, ist ungleich grösser. Man führt einerseits eine Direktion, hat Verantwortung für die Mitarbeitenden. Andererseits trägt man im Regierungsgremium die politische Gesamtverantwortung für den Kanton mit. Dabei ist man zwar eines der Aushängeschilder der eigenen Partei, muss aber gleichzeitig eine glaubwürdige Politik machen, die nicht nur der eigenen Partei, sondern den Interessen der gesamten Bevölkerung gerecht wird. Und dies alles als Teil eines Gremiums, in dem einem kaum je alle Entscheide passen.

Es sind also andere Fähigkeiten gefragt als in einem Parlament. Wissen Sie das einfach, dass Sie über solche verfügen – oder hegen Sie da auch Zweifel?
Das habe ich mir reiflich überlegt. Wenn ich mir etwas nicht zutraue, dann mache ich es auch nicht. Aber ich traue mir die Regierungsarbeit zu. Ich war ja nicht nur Parlamentarierin. Ich präsidiere unter anderem den Schweizerischen Verkehrsclub oder bin Verwaltungsrätin bei Bernmobil. In diesen Ämtern wird schnell klar, ob man in entscheidenden Momenten bereit und fähig ist, Verantwortung zu übernehmen. In den parlamentarischen Kommissionen habe ich zudem gelernt, über die Parteigrenze hinaus zu verhandeln und Kompromisse zu erarbeiten.

Manche sagen, Sie hätten zwar einen Namen, doch ob Sie als Regierungsrätin geeignet seien, wisse man erst nach der Wahl. Stört Sie das?
Das darf mich nicht stören – das trifft doch auf alle neuen Kandidaturen zu. Es ist oft ein Vorteil, unterschätzt zu werden. Das wurde ich schon mehrfach – stets habe ich danach das Gegenteil bewiesen.

Die Bürgerlichen stellen die Regierungsmehrheit. Haben Sie denn Lust, in einem Gremium zu sitzen, in dem die Mehrheitsmeinung stark von der eigenen abweicht?
Wir versuchen, die rot-grüne Mehrheit bei den Wahlen im kommenden März zurückzugewinnen.

Das wird schwierig werden.
Das stimmt. Es ist aber durchaus möglich. Doch gerade wenn dies nicht gelingen sollte, ist es wichtig, dass es starke Persönlichkeiten gibt, welche die sozialdemokratische Sichtweise einbringen und in den eigenen Direktionen Akzente setzen. Wenn man in der Minderheitsposition ist, muss man den eigenen Spielraum umso konsequenter nützen.

Wie tut man das?
Etwa, indem man sich in den zentralen Dossiers aktiv einbringt – gerade auch, wenn diese nicht in der eigenen Direktion angesiedelt sind. Man muss bis zuletzt mit sachlichen Argumenten kämpfen und versuchen, eigene Akzente zu setzen oder das Schlimmste zu verhindern. Dieses Verhandeln unter schwierigen Umständen fasziniert mich an der Politik; daraus schöpfe ich meine Motivation.

Die bernische SP wirkte zuletzt aber eher passiv.
Wir müssen unser Anliegen vernehmbar kundtun. Nur zu reagieren, wäre also falsch. Doch das tun wir auch nicht. In Zeiten, in denen man in der Minderheit politisiert, ist man aber oft gezwungen, Gegensteuer zu geben – etwa über Referenden. Dass wir mehr können, als Nein zu sagen, und regierungsfähig sind, haben wir mehrfach bewiesen. Wir wollen den Kanton vorwärtsbringen.

Wo und wie denn?
Etwa im Bereich der Digitalisierung.

Was plant die SP da konkret?
Viele haben verständlicherweise grosse Angst vor den Veränderungen durch die Digitalisierung. Im Verkehrsbereich beispielsweise könnten Chauffeure dereinst von Maschinen verdrängt werden. Gleichzeitig entstehen so neue Arbeitsplätze, etwa in den Leitstellen, in der Informatik. Dies aber nur dann, wenn die Politik aktiv gestaltet, denn sonst drängen internationale Technologieunternehmen in die Lücke. Auch muss das Personal frühzeitig ausgebildet und umgeschult werden. Hier ist unser duales Bildungssystem gefordert.

Sie sprechen von Bildung, von Wirtschaft. In welche Direktion zieht es Sie?
Ich kandidiere nicht für eine Direktion, sondern für die Regierung als Gremium.

Man hat doch gewisse Präferenzen. Sie sind VCS-Präsidentin, die wichtige Direktion für Bau, Verkehr und Energie wird frei. Das würde doch passen.
Das wäre sicher spannend. Ich habe aber auch viele Jahre lang Sicherheitspolitik gemacht.

Sie könnten sich auch vorstellen, die viel weniger wichtige Polizei- und Militärdirektion zu übernehmen, die zudem bald noch die Aufsicht über das Asylwesen verliert?
Auf jeden Fall. Ich könnte mich mit allen Direktionen anfreunden. Ich beschäftige mich nicht nur mit einem Thema.

Sie sind seit 2003 nicht mehr in der Kantonspolitik aktiv. Wie haben Sie das Geschehen seither verfolgt?
Ich habe mich nie ganz von der kantonalen Ebene abgewendet. Als Präsidentin des kantonalen Mieterverbandes hatte ich die bernische Politik stets im Fokus. Ich habe die Politik und Debatten immer verfolgt und stand auch als Nationalrätin dauernd in Kontakt mit der Parteileitung, Grossratsmitgliedern und unseren Regierungsräten.

Wie hat sich der Kanton verändert?
Als ich Grossrätin war, waren Parlament und Regierung bürgerlich. Das war zwischenzeitlich anders. Nun hat es wieder gedreht. Damals schon wurde heiss über ein Sparpaket debattiert, das ist heute nicht anders.

Als ob Sie nicht weg gewesen wären?
Das wollte ich damit nicht sagen. Der Kanton ist in der rot-grünen Ära durchaus etwas dynamischer geworden. (Der Bund)

Erstellt: 28.08.2017, 07:03 Uhr

Ein Leben in der Politik

Als Evi Allemann 1998 als 19-Jährige Grossrätin wurde, war sie die jüngste je in ein Kantonsparlament gewählte Person. 2003 folgte der Wechsel in den Nationalrat. Diesem gehört sie bis heute an. Aufgrund einer parteiinternen Amtszeitbeschränkung kann sie 2019 aber nicht mehr antreten. Allemann ist Juristin und unter anderem Präsidentin des VCS. Sie lebt in Bern.

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