«Ich will kein Öl ins Feuer giessen»

Ein Transitplatz für ausländische Fahrende komme langfristig günstiger als illegale Landnahmen, sagt Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP).

Auf dem Rastplatz in Wileroltigen stehen bereits viel weniger Wohnwagen als im Juli.

Auf dem Rastplatz in Wileroltigen stehen bereits viel weniger Wohnwagen als im Juli. Bild: Franziska Rothenbühler

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Herr Neuhaus, werden sie am 14. August in Wileroltigen auftreten?
Ich wurde noch nicht eingeladen. Ich machte das Angebot, an einer Orientierungsversammlung aufzutreten. Wenn die Sicherheit garantiert ist, werde ich teilnehmen. Jetzt wird aber schweizweit mobilisiert. Es ist unklar, was für Leute erscheinen. Sollten sich auf dem Dorfplatz über tausend Personen einfinden, wird das nicht einfach zu managen sein.

Haben Sie Angst vor Chaoten?
Angst habe ich nicht. Der Anlass könnte jedoch eine Eigendynamik annehmen, zumal Alkohol ausgeschenkt werden soll. Ich will kein Öl ins Feuer giessen. Mir geht es um die Information und nicht um einen Auftritt an einem Volksfest. Es wäre bedauerlich, wenn der Kanton Bern und Wileroltigen wegen Chaoten und Rassisten ins Schaufenster käme.

Unterschätzte Wileroltigen die Situation?
Das kann ich nicht beurteilen. Ich beobachtete in den letzten Tagen die Entwicklung in den sozialen Medien. Da mussten Kommentare gelöscht werden. Was das konkret heisst, müssen die Veranstalter um BDP-Grossrat Daniel Schwaar sagen.

Warum eskalieren bei Facebook Diskussionen über Fahrende? Fahrende lösen Emotionen aus. Zudem ist die Hemmschwelle in den sozialen Medien gesunken. Man muss mit der Lebensart der Fahrenden nicht einverstanden sein. Es ist jedoch schade, dass sie diffamiert werden. Ich wünsche mir eine sachlichere Diskussion.

Sie wurden an Anlässen schon ausgebuht. Haben wir jetzt eine neue Dimension erreicht?
Ich hoffe, dem ist nicht so.

Wileroltigen ersuchte den Kanton um Hilfe im Umgang mit Fahrenden, stattdessen kamen Sie mit der Idee eines dauerhaften Platzes. War das nicht unsensibel?
Das war unsensibel. Doch es gab keine andere Lösung. Meine Mitarbeitenden erhielten Anfang Juli vom Bund die Zusage, dass er das Land zur Verfügung stellen wolle. Um Gerüchten während der Sommerferien vorzugreifen, informierte ich sofort die Gemeindepräsidenten. Im Übrigen kann es nicht sein, dass immer der Kanton um Hilfe gebeten wird. Für die Sicherheit sind die Gemeinden zuständig, sie können auch Polizeieinsätze auslösen.

Droht Ihre Platzsuche zu scheitern?
Für die betroffenen Gemeinden und Landwirte hoffe ich auch das nicht. Beim Kanton müssen wir uns aber schon überlegen, ob wir unsere Bemühungen fortführen wollen. Wir haben ohne dieses Projekt genug zu tun. Andererseits schiebt man das Fahrende-Problem seit Jahrzehnten vor sich her. Letztlich muss der Grosse Rat entscheiden, wie es weitergehen soll.

Der Grosse Rat wies das Projekt in Meinisberg vor allem wegen der hohen Kosten zurück. Der Platz in Wileroltigen wäre günstiger.
Wir haben das noch nicht konkret berechnet. Es sieht aber danach aus, dass der Platz zu deutlich besseren Konditionen erstellt werden könnte.

Ist Wileroltigen die «letzte Chance», von der Sie schon sprachen?
Es bringt nichts, fünf Ehrenrunden zu drehen, eine reicht. Der Kanton Bern funktioniert auch jetzt, wo es zu illegalen Landnahmen kommt. Allerdings verursachen diese auch jedes Jahr Kosten von mehreren Hunderttausend Franken. Mit einem Transitplatz würden wir wohl günstiger davonkommen. (Der Bund)

Erstellt: 05.08.2017, 08:09 Uhr

Christoph Neuhaus, SVP-Regierungsrat und Vorsteher der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion. (Bild: Valérie Chételat)

Schweizer Fahrende

Furcht vor einem Rückfall um Jahre

Die «wenig differenzierte Diskussion» über Fahrende in Wileroltigen treffe die schweizeischen Sinti und Jenischen auffällig hart, sagt Fino Winter, der Präsident von Sinti Schweiz.

Seit sich der Streit über den Transitplatz Wileroltigen verschärft habe, spürten auch die schweizerischen Fahrenden neue Widerstände: «Man verweigert ihnen wieder vermehrt die Arbeit oder einen Halteplatz, wirft alle in den gleichen Topf.»

Nachdem sich über die letzten Jahre der Dialog mit den Behörden und der Mehrheitsgesellschaft merklich verbessert habe, flackere nun wieder «grober Rassismus» auf, sagt Winter. Auf dem in zehn Kilometern Luftlinie von Wileroltigen gelegenen Stadtberner Standplatz Buech sind laut Winter gar tätliche Übergriffe zu registrieren: Flaschen- und Steinwürfe gegen die Siedlung, Paintball-Angriffe und verbale Ausfälligkeiten seitens automobiler Passanten. «Wir hören wieder Begriffe wie ‹Dreckszigeuner› und sind wirklich am Punkt, wo wir um die Sicherheit unser Kinder zu fürchten beginnen», sagt Winter. Es sei «unerwartet» und «schlimm». Werde die negative Tendenz nicht rasch gebrochen, könne der Prozess der besseren Integration der Jenischen und der Sinti in der Schweiz leicht «um 30, 40 Jahre» zurückgeworfen werden. (mul)

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