«Ich war immer voll akzeptiert in der Herrenmodebranche»

Margrit Naef leitet das Herrenmodegeschäft Dick in Bern, das für immer schliesst. Textilien bestellt sie nie online, weil sie den Stoff vor dem Kauf anfassen will.

Margrit Naef hat in der Modebranche manchen Trend kommen und gehen sehen.

Margrit Naef hat in der Modebranche manchen Trend kommen und gehen sehen. Bild: Franziska Rothenbühler

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Kleider sind eine persönliche Sache. Das Verkaufspersonal misst Kunden die Kragenweite oder kniet nieder, um zu lange Hosenbeine abzustecken. Die Beziehung zur Stammkundschaft ist das, was Margrit Naef gefällt. Die Bielerin, die eigentlich seit kurzem pensioniert wäre, leitet seit 16 Jahren das Herrenbekleidungsgeschäft Ernst Dick AG am Waisenhausplatz in Bern. Weil Bekleidung so etwas Persönliches ist, versteht Naef nicht, dass man Textilien am Computer bestellt. «Ich könnte das nie, weil ich die Schönheit des Stoffs beim Anfassen geniessen will.» Offenbar sei dies vielen Kunden nicht mehr so wichtig.

Nicht so wichtig ist Bekleidung für gewisse Männer, die sich von ihren Gattinnen widerwillig in Modegeschäfte schleppen lassen. «Manche Männer brauchen ja angeblich nie etwas», sagt Naef und lacht. Manch ein Herr weiss, dass wegen des Bäuchleins Hosen mit passendem Bund zu lange Beine haben. Dick führt darum Kurzgrössen, etwa eine 26 statt einer 52 – eine Version mit kürzeren Beinen.

«Manche Männer brauchen angeblich nie Kleider»

Ausgefallene Mode habe Dick nie angeboten, sondern sich eher am Klassischen orientiert, das dafür auch weniger rasch démodé sei, sagt die Geschäftsführerin. Ohnehin sei es nicht mehr so extrem wie früher, als etwa nur Hosen mit Schlag oder das enge Gegenteil vorrätig gewesen sei. «Heute finden alle etwas, das zu ihnen passt.»

Gewohnheiten ändern sich

Derzeit läuft bei Dick der Liquidationsverkauf (siehe kleiner Text rechts). Wenn alles weg ist, schliesst das Geschäft für immer. «Das tut schon weh», sagt Naef, die seinerzeit schon die Lehre bei einem Herrenausstatter absolviert hat. «Ich war hier als Frau immer akzeptiert und lohnmässig den Kollegen gleichgestellt.» Die Tätigkeit mit der grossen Stammkundschaft habe ihr Spass gemacht, «sonst hätte ich längst aufgehört». Es sei ein schönes Gefühl, wenn man merke, dass der Kunde glücklich sei, etwas Passendes gefunden zu haben.

Die Bekleidungsbranche habe sich mit den Jahren verändert, sagt Naef. Der stark wachsende Onlinehandel sei ein wichtiger Faktor geworden. Heute sei der Abendverkauf nicht mehr so wichtig: «Oft läuft dann bei uns wenig.» Der Samstag sei längst nicht mehr der stärkste Tag, heute könne dies irgendein Wochentag sein. «Offenbar können viele Leute die Einkäufe unter der Woche erledigen, so dass sie das ganze Wochenende frei haben.»

Begegnungen mit Menschen wiedermontag.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 28.01.2019, 06:46 Uhr

Herrenbekleidungsgeschäft Dick soll «in Würde sterben»

Einer der letzten unabhängigen Bekleidungsdetailhändler in Bern verschwindet. Die Ernst Dick AG liquidiert derzeit die Bestände. Der Totalausverkauf dauert voraussichtlich bis zum Frühjahr, je nachdem, wie lange der Warenbestand reicht. Ende Juni läuft der Mietvertrag aus.

2014 verlängerten die Inhaber diesen nur um fünf statt um zehn Jahre – im Wissen, dass sich die Situation der Branche kaum verbessern wird. «Für einen eigenen Onlinekanal sind wir zu klein», sagt Mitinhaber Marc Straub. Die geringe Grösse wirke sich auch aus, wenn das Unternehmen Kleider eines bestimmten Stoffs bestelle.

«Irgendwann hören wir dann, dass dieses Modell nun doch nicht in Produktion geht», da es sich nicht lohne, wegen der kleinen Menge eine bestimmte Stoffballe aufzuschneiden. Oder ein grosser Händler verlange ein Modell exklusiv für sich, dann gehe Dick leer aus. Nach eigenen Angaben verfügt Dick über rund 5'000 Stammkunden.

Das Geschäft wurde von Ernst Dick im Jahr 1900 gegründet. Erik Straub erwarb 1968 die Aktienmehrheit der AG. 1997, nach seinem Tod, übernahmen die Geschwister Marc, Christiane und Tina das Geschäft. Dieses warb früher mit dem Slogan «Dick macht schlank», für den sich Prominente wie etwa der inzwischen verstorbene Schwingerkönig Ruedi Hunsperger zur Verfügung stellten. Im Ladenlokal an der Ecke Aarbergergasse/Waisenhausplatz verteilt sich die Verkaufsfläche auf drei Etagen.

Dies sei von den Kosten her nicht optimal, da es ständig drei Verkaufsberater brauche, während eine gleich grosse zusammenhängende Fläche in ruhigen Zeiten von lediglich zwei Mitarbeitern betreut werden könnte. Dies sei teuer, so Marc Straub. Inhaber und Geschäftsleitung hätten sich angesichts all dieser Faktoren entschlossen, das Geschäft «in Würde sterben zu lassen».

Andere unabhängige Bekleidungsgeschäfte, etwa Fein-Kaller oder Nerfila, sind schon vor Jahren verschwunden. Sogar Ketten wie Vögele (OVS), Schild oder Spengler sind inzwischen Geschichte. In einem vergleichbaren Segment wie Dick existieren in Bern nur noch Zwald oder Fueter.

Bei Dick sind mehrere Personen beschäftigt, die im Pensionsalter stehen, aber noch Spass an der Arbeit haben, so auch die Geschäftsführerin Margrit Naef (siehe Haupttext links), sodass das Ende von Dick Mode nicht die gleichen sozialen Folgen nach sich zieht wie in anderen Fällen. (mdü)

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