«Ich musste nochmals ganz von vorne beginnen»

Nach einem Unfall hat die ehemalige Sekretärin Sandra Speiser ihre Sprache verloren und sie hartnäckig zurückerobert.

Noch im Spital hat Sandra Speiser wieder zu malen begonnen.

Noch im Spital hat Sandra Speiser wieder zu malen begonnen.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Die Wohnung in Büren an der Aare ist voller Kinderzeichnungen. Alicia, die vierjährige Enkelin von Sandra Speiser, liebt es, zu zeichnen. Und die 53-jährige Grossmutter macht nichts lieber, als dem Kind den Umgang mit Stiften, Pinseln und Farben zu zeigen. Während der letzten Jahre war sie es jeweils, der alles gezeigt und erklärt werden musste. «Ich musste nochmals ganz von vorne beginnen.» Nach einem schweren Unfall hatte sie die Sprache verloren und konnte nicht einmal mehr die Wochentage benennen. Die Fähigkeit zu malen hatte ihr das Schädel-Hirn-Trauma hingegen nicht genommen. Kurz nachdem sie aus dem Koma aufgewacht war, griff sie wieder zu Farben und Papier.

Der Tag, an dem Sandra Speiser knapp dem Tod entronnen ist, liegt nun schon gut zehn Jahre zurück. Es war ein regnerischer Novemberabend. Sie war in Eile, hastete über den Berner Bahnhofplatz und wurde von einem Auto angefahren. Drei Tage lag sie im Koma, drei Wochen auf der Intensivstation, das Spital konnte sie erst nach drei Monaten wieder verlassen. Neben verschiedenen Knochenbrüchen diagnostizierten die Ärzte eine Aphasie. Ihre linke Hirnhälfte war geschädigt. Es folgten unzählige Logopädie- und andere Therapiestunden, ein harter Kampf um die Sprache. Alle Wörter seien noch in ihrem Kopf, erklärte ihr die Logopädin, es herrsche allerdings ein heilloses Durcheinander.

Dieses Durcheinander hat Sandra Speiser unterdessen weitgehend geordnet. Flüssig und in klaren Sätzen erzählt sie über ihr Leben. Nur ab und zu muss sie noch nach einem Wort suchen. Sie weiss, dass sie am Unfall selber schuld war und hadert nicht mit ihrem Schicksal. «Ich habe eine zweite Chance erhalten und bin heute sogar zufriedener und glücklicher als früher.» Ihrem Gegenüber schaut sie beim Gespräch tief in die Augen. «Was ich sehe, darauf kann ich mich verlassen.» Worte sind für sie trügerisch geworden. Sie schaut aber nicht nur mit den Augen, sondern scheint ganz neue Sinne entwickelt zu haben. «Ich merke jetzt beispielsweise viel besser, wenn jemand nicht die Wahrheit sagt.» Früher sei sie kopfgesteuert gewesen, heute achte sie mehr auf ihre Gefühle und Eindrücke.

Nach einem Schädel-Hirn-Trauma muss das Gehirn neue Wege finden, um das alte Wissen und die Fähigkeiten wieder abrufen zu können. Sandra Speiser ist fasziniert von dieser Regenerationskraft und liest viel über Hirnforschung. Auch über die Frage, ob eine Hirnverletzung gar die Persönlichkeit eines Menschen verändern kann, hat sie nachgedacht. Heute sagt sie: «Ich habe nicht das Gefühl, seit dem Unfall jemand anderer zu sein. Aber es sind Seiten von mir zum Vorschein gekommen, die früher kaum sichtbar waren.» Ihr Leben seit dem Unfall bezeichnet sie als «tiefsinniger», auch wenn es noch immer alles andere als einfach ist. Längere Texte kann sie nur mit grosser Mühe und mehrmaligem Lesen verstehen, eine einfache Postkarte zu schreiben, ist für sie ein Grossprojekt. Lärm erträgt sie kaum, und am Computer kann die einst so sprachbegabte Sekretärin höchstens eine halbe Stunde arbeiten.

Dafür nimmt sie sich viel Zeit für Dinge, die weniger mit Sprache zu tun haben. Ihre Acrylmalerei hat sie bereits an drei Ausstellungen gezeigt und diese Woche stellt die Organisation Aphasie Suisse einen Kalender mit ihren Bildern vor (siehe rechts). Zudem ist ihr Musik sehr wichtig. Sandra Speiser singt leidenschaftlich im Aphasiechor Zentralschweiz und im ZAP-Chor Lengnau. Weil die Sprache von der linken, Musik hingegen von der rechten Hirnhälfte gesteuert wird, haben Aphasiker mit Singen viel weniger Probleme als mit Sprechen. «Es gibt Betroffene, die können kaum einige Worte sprechen. Lieder singen sie hingegen einwandfrei», erzählt Speiser.

Auch nach eineinhalb Stunden bemerkt man kaum etwas von Sandra Speisers Beeinträchtigung. Welche Anstrengung ein Gespräch bedeutet, weiss allerdings sie selber. Sich zu konzentrieren, zu erinnern und die richtigen Wörter zu finden, ist Schwerarbeit. Sie sagt: «Ich musste wie ein kleines Kind die Sprache neu lernen und bin gleichzeitig von einem Moment auf den anderen alt geworden.»

Der Bund

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