«Ich habe alles mit Frau und Kindern ‹verwärchet›»

Die Zeit als Verdingbub im Kanton Bern hat Christian Studer nicht zerbrochen oder bitter gemacht. Im Gegenteil.

Trotz schwerem Start beherzt im Leben unterwegs: Christian Studer.

Trotz schwerem Start beherzt im Leben unterwegs: Christian Studer. Bild: Adrian Moser

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Der Mann könnte alles Mögliche sein: ein verbitterter Mensch, vom Leben gezeichnet, frustriert, ein Alkoholiker mit zerrütteter Familie, ein Opfer. Doch all das ist der 70-jährige Christian Studer nicht. Der ehemalige Verdingbub ist seit 47 Jahren verheiratet, Sohn und Tochter bewähren sich in ihren Berufen und haben ihm gefreute Enkel geschenkt. Der lebhafte Mann mit der unverwüstlichen Fröhlichkeit ist trotz haarsträubender Jugenderlebnisse nicht in der Vergangenheit gefangen. «Ich sagte immer: Zurückschauen bringt nichts.» Schon damals wurde er «dr Himmu-Chrigeli» genannt, «weil ich so sonnig war». Doch in seinem Leben gab es viel Schatten. In der Zeit, als er im Gürbetal als Verdingbub lebte, habe es im Dorf geheissen: «Die Hunde heulen und der Chrigu bekommt wieder auf den Ranzen.» Verdroschen worden ist er oft. Irgendwann zahlte er seinen Peinigern mit gleicher Münze zurück. Weil er schon als Schüler in Stall und Feld krampfte wie ein Erwachsener, war er stark und konnte ordentlich austeilen. Später dann habe ihn ein Chef ermahnt, er solle mit Dreinschlagen aufhören: «Sonst landest du noch im Zuchthaus.» Das habe er sich zu Herzen genommen.

Studer hat viel zu erzählen, Geschichte reiht sich an Geschichte. Da war der Vater, der «soff», weil er beruflich sein Ziel nicht erreichte. Da war die überforderte und depressive Mutter, die ständig schwanger war. Sie deponierte Chrigu als Kleinkind im Januar leicht bekleidet im Kaninchenstall, bis er blau war. Als eine Nachbarin sagte, sie solle das Büblein sofort hereinholen, entgegnete die Mutter: «Nein, sonst schlägt es der Vater z Tod.» Irgendwann wurde die Vormundschaftsbehörde aktiv und steckte den Buben zu Bauersleuten. Dort blieb er in der Küche sitzen, während die Pflegefamilie in der Stube Dessert ass – oder Weihnachten feierte. «Als ich konfirmiert wurde, war niemand da, weder die Eltern noch der Götti.» Als der Verdingbub einmal fünf Minuten zu spät zum Hof zurückkam, erwartete ihn der Sohn des Pflegvaters mit einem Militärkarabiner. Als Studers Lehrer davon hörte, sagte er: «Jitz mues i schribe.» Zu spät, befand Studer – und ging nicht mehr zurück, sondern versteckte sich. Danach wurde er bei einer anderen Familie platziert.

Eine berufliche Grundausbildung hat er nie erhalten, denn als Verdingbub lautete die Devise: «Heicho u schaffe.» Ausgeübt hat er verschiedenste Tätigkeiten. Er machte die Lastwagenprüfung, fuhr LKW-Kranwagen, absolvierte eine Fernausbildung im Programmieren, belegte Zeichnungskurse, las Bücher über den Weg zum Erfolg, Führungsmethoden und den richtigen Umgang mit Menschen. Die Gebirgsfüsilier-RS im Tessin empfand er als «meine schönsten Ferien» und brachte es im Militär bis zum Wachtmeister. Er war bis vor wenigen Jahren Muki-Turnleiter und ist Heizer in einer Wohnsiedlung. Wenn er sein Leben überblickt, sieht er nicht dunkle Wolken, sondern das Gute, was geworden ist, «dr Himmu-Chrigu» halt. Seine Grosskinder spielen Musikinstrumente, sind fleissige Schüler und an allem interessiert. Für viele in seinem Umfeld ist er «dr Ätti». Er geht gern «z Predig», könnte sich aber durchaus vorstellen, in seiner Kirche «für die Moslems» eine Ecke zum Beten einzurichten, weil doch jeder irgendwo einen Platz brauche. Der Mann vom Land lebt seit langem gern in der Stadt Bern, wo er auf der Strasse alle grüsst, «obwohl man das in der Stadt eigentlich nicht macht». Er treffe fast immer auf freundliche Leute. Wenn er in Interlaken einer vermummten arabischen Frau einen Koffer in den Zug hieve, merke er, dass sie sich «hinter dem Schleier» darüber freue.

Seine Zeit als Verdingbub war für ihn nie ein Tabu. Er habe mit seiner Familie die Orte seiner Jugend aufgesucht und viel erzählt: «Mit meiner Frau und den Kinder habe ich alles ‹verwärchet›.» Auch seinen Grosskindern erzähle er diese «Gschichte». Hat er bei der neuen Stiftung um eine Entschädigung nachgesucht für seine Zeit als Verdingbub? Nein, sagt er. Er spreche nicht für andere, sagt Studer, dessen Geschichte in die Ausstellung «Verdingt» im Regionalmuseum Schwarzwasser integriert ist (siehe Box). Er brauche das nicht. Man dürfe sich nicht leidend in der Opferrolle einrichten, sondern müsse sein Leben in die Hand nehmen und auch kleine Chancen beherzt ergreifen. (Der Bund)

Erstellt: 18.09.2017, 06:55 Uhr

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«Verdingt»

Die Ausstellung in Schwarzenburg

Die Schweiz kannte einst ein preisgünstiges Fürsorgesystem: Wenn es in einer Familie viele hungrige Mäuler oder Gewalt und Alkoholismus gab, wurden Kinder fremdplatziert, verdingt. Oft kamen sie zu Bauernfamilien, wo sie verköstigt wurden, aber viel helfen mussten. Einige wurden korrekt, viele lieblos behandelt, manche geschlagen und sexuell missbraucht. Die Schweiz war arm, es gab keine Kesb, sondern ein Vormundschaftswesen, das oft in den Händen von ehrenamtlich tätigen Laien lag.

Die Ausstellung «Verdingt» im Schwarzenburgerland, kuratiert von der Historikerin Renate Schär, illustriert das im Agrarkanton Bern verbreitete Verdingwesen mit persönlichen Zeugnissen, Akten und Gebrauchsgegenständen. Zwar gab es staatliche Vorschriften, doch konnten sich Verdingkinder kaum gegen Missstände wehren. Christian Studer gehört mit Jahrgang 1947 zur späten Verdingkindergeneration. Sein Zeugnis ist Teil der berührenden und sehenswerten Ausstellung im Regionalmuseum. (mdü)

«Verdingt», Schwarzenburg, Regionalmuseum; geöffnet sonntags 14–17 Uhr, bis 19. 11., www.regionalmuseum.info

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