«Ich bin kein John Wayne»

SVP-Regierungsrat Christoph Neuhaus findet Kinderkrippen toll, Kesb-Kritiker blauäugig und will seine Direktion nicht wie ein Unternehmen führen.

Christoph Neuhaus packt seine Sachen für den Umzug von seiner Justizdirektion in der Altstadt zur Bau- und Verkehrsdirektion beim Rosengarten.

Christoph Neuhaus packt seine Sachen für den Umzug von seiner Justizdirektion in der Altstadt zur Bau- und Verkehrsdirektion beim Rosengarten.

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Herr Neuhaus, sind Sie die neue starke Figur in Berns Regierungsrat?
Es gibt nicht die starke Figur in einer Kollegialbehörde. Starke Figuren werden kreiert oder konstruiert – etwa von den Medien. Die Berner Regierung ist als Gremium nur so stark wie die Person, die sich mit den meisten Problemen herumschlagen muss.

Immerhin haben Sie mit zehn Jahren am meisten Erfahrung.
Ja, aber Erfahrung ist auch nicht immer hilfreich. Vielleicht sind es die Themen und Projekte, die einen Regierungsrat zu einer Lichtgestalt werden lassen. Oder zur Inkarnation des Bösen – je nach Sichtweise.

Leute, die Sie kennen, sagen, Sie seien nett und lustig, fragen sich aber, warum Sie in der SVP sind.
Die SVP ist meine Partei, und ich bin ein froher Mensch. Ich versuche jede Person so zu behandeln, wie ich selber behandelt werden möchte. Ich habe kein Interesse daran, mit meiner Politik verbrannte Erde zu hinterlassen. Jetzt muss ich natürlich schauen, dass ich nicht meinen Ruf als SVPler zerstöre: Ich kann auch böse sein.

Wirklich?
Doch, doch. Auftritte im Grossen Rat zu den Zuständen im Kieswesen haben mich geärgert. Es braucht sachliche Diskussionen, keine Politspiele vor den Wahlen. Da klopfte ich auf den Tisch.

Ihr Regierungs- und Parteikollege Pierre Alain Schnegg führt seine Direktion «wie ein Unternehmen». Sie seien, heisst es, der lockerere und chaotischere Typ. Stimmts?
Jedes staatliche Handeln braucht eine Rechtsgrundlage. Demokratie braucht Zeit. Betroffene müssen einbezogen werden. Ich bin keinem Mehrheitsaktionär verpflichtet. Unser Aktionariat sind die gut eine Million Bernerinnen und Berner. Da braucht es eine feine Klinge, mal vielleicht auch nur feines Schleifpapier statt der hochtourigen Kettensäge.

Wo bleibt die Kontrolle?
Ich kann keinen John Wayne spielen, wenn ich kein John Wayne bin. Ich werde laufend informiert, auch über Fehler, wir haben ein internes Ampelsystem. Allerdings bin ich nicht mein bester Sachbearbeiter. Das ist nicht mein Anspruch. Wenn ich immer alles besser wissen wollte, würde es schwierig. Wir bearbeiten in der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion (JGK) jährlich rund 5000 Baugesuche ausserhalb der Bauzone, verteilen 400 Millionen Franken an Prämienverbilligungen, betreuen um die 14'000 Kunden der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) und vieles mehr. Alles zu wissen, geht nicht, darf ich nicht. Nun übergebe ich eine gut geführte Direktion.

Sie sind noch Hobbylandwirt und Familienvater mit Kleinkind: Haben Sie denn alles im Griff?
Manchmal geht es auf Kosten der Erholung. Oder Gras wird nicht gemäht, wenn es gemäht werden müsste. Ich bin froh, dass mich meine Frau so unterstützt. Die Familie und mein Zuhause geben mir viel. Ich versuche unseren Sohn Ethan einmal in der Woche in die Kita zu bringen – mit dem öffentlichen Verkehr. Noch bin ich bei meinem Vierjährigen der Held. Das kann sich schlagartig ändern.

Ihre Frau ist nicht berufstätig?
Der Junge kommt jetzt in den Kindergarten, dann wird sie sich wieder einen Job suchen. Mit einem PhD in Neuroscience ist sie gut ausgebildet, aber jemand muss verlässlich zu Hause sein. Hier geht es um die Frage der Präsenz: Ich bin nicht ständig im Büro, sollte aber fast immer ansprechbar sein. Öfter nehme ich Arbeit nach Hause, so kann ich Dinge erledigen, wenn Ethan schlafen gegangen ist.

Warum brauchen Sie eine Krippe?
Bei den heutigen Kleinfamilien sind Krippen eine gute Sache. Hier lernt unser Sohn in der Gruppe der Drei- bis Sechsjährigen, wie sich verhalten, er wird anders beschäftigt oder gefordert als von uns Eltern. Ethan lernt, dass es nicht nur unsere kleine Welt in der Vehweid gibt.

Die SVP hält von Kinderkrippen ja nicht so viel.
Stimmt nicht. Die SVP ist der Meinung, dass der Staat nicht für alles zahlen muss. Fast jeder dritte Franken in der Volkswirtschaft wird heute vom Staat umgesetzt. Wir schicken den Kleinen in die Kita und die erste Frage, die uns gestellt wird, ist: Wie stark beteiligt sich der Kanton? Heute ist die Mentalität zu weit verbreitet: Was kann der Staat für mich noch tun, was zahlen? Von der Wiege bis zur Bahre solls der Staat richten.

Aber müsste der Staat nicht mehr tun, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern?
Die Anschubfinanzierung des Bundes lief 15 Jahre. Es kann nicht sein, dass der Staat jahrzehntelang anschieben muss. Ich frage mich, warum die Wirtschaft sich nicht mehr engagiert. Solange es andere tun, ist das halt angenehmer. So hat man mehr für sich selber. In der JGK versuchen wir mit Teilzeitstellen mitzuhelfen, die Vereinbarkeit zu verbessern.

Wenig hält die SVP auch von der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Jetzt wurde eine Initiative dagegen lanciert.
Von zwei der 64 SVP-Nationalräten. Frauenrechtlerin Julia Onken und Zoe Jenny sind auch im Initiativkomitee dabei. Es wird behauptet, früher sei alles besser gewesen. Früher, da konnte der Regierungsrat ja noch administrativ versorgen – ohne Rechtsmittel wegsperren, zwangsadoptieren, zwangssterilisieren lassen oder verdingen. Nun wird behauptet, früher sei alles besser gewesen. Empörung hat Konjunktur.

Es wird kritisiert, die Kesb reisse Familien auseinander.
Die Initiative verlangt, dass die Familie selber entscheiden soll. Wenn ein Kind mit Brüchen und Verbrennungen ins Spital kommt, wenn es missbraucht wurde: Gebe ich es dann der Familie zurück? Was, wenn die Familie verkracht ist? Eine solche Einstellung ist blauäugig. Bei der Kesb darf ich damit rechnen, dass Schutzbedürftige kantonal gleich unterstützt werden. Die Betroffenen können sich wehren, haben Rechtsmittel und bekommen unentgeltliche Rechtspflege. Es gibt viel weniger fürsorgerische Unterbringungen von der Kesb als früher.

Nun wechseln Sie das Departement, von der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion (JGK) zur Bau-, Verkehr-, Energiedirektion. Wie sinnvoll ist das nach zehn Jahren?
Seit Jahren predigte ich, ein Wechsel der Direktionen würde dem Kanton guttun, jetzt gab es die Gelegenheit. In der JGK habe ich viele Geschäfte abgeschlossen: Richtplan 2030, Baugesetz, Landeskirchengesetz. Und die Vorlage für den Standplatz für ausländische Fahrende ist bald reif für den Grossen Rat.

Bereits 2019 könnten Sie die Regierung verlassen, weil Sie als Ständerat kandidieren wollen.
Jetzt packe ich mal in der BVE an. Alles Weitere kommt später – oder nie.

Das Dossier Fahrende wechselt vom SVP-Mann an die SP-Frau Evi Allemann. Der Widerstand der Bürgerlichen gegen ausländische Fahrende könnte nun noch zunehmen.
Im November soll der Grosse Rat über den Kredit für Wileroltigen entscheiden. Sagt er Nein, müssen die Gemeinden selber für die Sicherheit sorgen. Ich denke, es ist möglich. mit dieser Minderheit gut umzugehen. Es ist ihr Recht, den Platz zu bekommen. Evi Allemann hat langjährige Polit-Erfahrung und kann auf die Leute zugehen. Regierungsrat sein ist nicht nur ein Schoggi-Job. Aber sie ist es gewohnt, mit Widerstand umzugehen.

Haben Sie neue Pläne für die BVE?
Ich werde mich einarbeiten und nach den üblichen 100 Tagen mehr sagen.

Haben Sie keine Vision?
Wir müssen und wollen als Regierungsrat den Kanton wirtschaftlich vorwärtsbringen. An einem Podium zu den Gemeindefusionen hiess es kürzlich, Neuhaus, schau, dass Bern und Umgebung fusionieren. Da muss ich sagen: Super, aber warum soll der Kanton alles selber machen? Der Kanton hilft. Gefordert sind aber alle. Wir als Regierungsrat beispielsweise haben den Innovationspark in Biel und das Sitem-Insel in Bern initiiert, hier werden Schwerpunkte gesetzt. Wir sieben können nicht überall alles machen.

Der Regierungsrat muss doch einen Weg vorgeben.
Das Entscheidende ist jetzt die Teambildung. Wir müssen künftig gemeinsam die anstehenden Aufgaben angehen und lösen.

Was ist denn von der bürgerlichen Regierungsmehrheit zu erwarten?
Dass man zu den Finanzen Sorge trägt. Es ist aber nicht so, dass vier bestimmen und drei ständig unter die Räder kommen. Wir werden Schwerpunkte setzen. Zudem: Die Parteien reden mit, das Kantonsparlament, die Betroffenen. Gerade das bürgerlich dominierte Kantonsparlament ist auch nicht immer so bürgerlich.

Olympia – das wäre doch eine schöne Vision.
Das Wallis wird bald entscheiden, danach umgehend auch Bern.

Wo ist die Ogi-Freude?
Aus sportlicher Sicht sind Olympische Spiele toll. Andererseits hat die Euro 08 gezeigt: Die touristischen Effekte sind nicht so riesig wie erhofft. Wenn wir mitmachen, heisst das auch, dass das eine oder andere Projekt nicht finanziert werden kann. Das letzte Wort hat das Stimmvolk – das hat immer recht.

Haben Sie überhaupt etwas Spezielles vor in Ihrem Präsidialjahr?
Vielleicht besuche ich Liselotte Pulver im Burgerspittel. Kennen Sie sie noch?

Das Lachen der Nation, s Vreneli vom Ueli dem Knecht, Sesamstrasse. Warum wollen Sie sie besuchen?
Einfach so. (Der Bund)

Erstellt: 31.05.2018, 06:33 Uhr

Christoph Neuhaus

Christoph Neuhaus, Jahrgang 1966, ist seit 2008 Regierungsrat des Kantons Bern. Der SVP-Politiker ist ab Juni zum zweiten Mal Regierungspräsident des siebenköpfigen Gremiums und erster Präsident der bürgerlich dominierten und seit März neu zusammengesetzten Kantonsregierung. Als Nachfolger von Barbara Egger (SP) übernimmt er neu die Bau- und Verkehrsdirektion. Neuhaus wohnt in Belp, ist verheiratet und Vater eines Sohnes.

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