«Ich bin ein Mädchen, ich bin kein Junge!»

Eltern haben keinen Einfluss auf die Geschlechtsidentität ihres Kindes, wohl aber auf sein Selbstwertgefühl.

«Ich bin ein Mädchen!» Der knapp vierjährige Alessandro sagt dies seit einiger Zeit immer wieder, wenn von ihm als einem Buben die Rede ist. Die Eltern fragen sich, «woher er das hat», und erklären, dass ein Mädchen eine Scheide habe und ein Bub einen Penis. Das Kind lässt sich nicht beirren und erklärt auch den Verwandten, ein Mädchen zu sein. Das Verständnis ist jedoch gering. Die landläufige Meinung besagt, dass kleine Kinder das noch gar nicht wissen könnten.

«In den Bauch zurückkehren»

Die Expertin für Geschlechterfragen Marie-Lou Nussbaum, welche seit zwei Jahren an der Kinderklinik des Berner Inselspitals eine psychologische Sprechstunde zum Thema Geschlechtervielfalt führt, widerspricht dieser gängigen Annahme. Sie begleitet fünfzehn Kinder und Jugendliche, welche ihr offizielles Geschlecht als nicht passend empfinden. Ab dem Ende des zweiten Lebensjahrs sei bei Kindern bereits ein Grundwissen über Geschlechterunterschiede vorhanden. Im vierten Lebensjahr sei vielen Kindern innerlich bewusst, welches ihre Geschlechtsidentität sei. «Dann ist der Prozess weitgehend abgeschlossen.» Der Widerspruch zwischen dem Körper und der Geschlechtsidentität wird deutlich. «Ich will ein Bub sein, wenn ich gross werde», ist ein Satz, den Eltern dann hören. Oder: «Im Herzen bin ich ein Bub, aber mein Körper ist ein Mädchen.» In diesem Alter komme von Transkindern schon mal der Wunsch an die Mutter, «in den Bauch zurückzukehren, um anders noch einmal herauszukommen», sagt Nussbaum. Andere Kinder sagen, dass zwischen ihren Beinen «etwas nicht stimme».

«Häufig fragen mich Eltern von Transkindern, ob es sich um eine Phase handelt», sagt Nussbaum. Dem Kind sagten die Eltern dies auch oft. Wenn man aber davon ausgehe, dass die Geschlechtsidentität eine tief greifende innere Überzeugung sei, könne man nach mehreren Jahren jedoch nicht mehr von einer Phase ausgehen. Da Kinder ein feines Sensorium hätten, merkten sie, dass sie mit ihren Äusserungen auf Unverständnis und Ablehnung stossen. «Ein Bub zieht kein Röckchen an», hören sie dann beispielsweise. Um sich den traditionellen Rollenbildern anzupassen, redeten sie dann nicht überall offen über ihr Empfinden und versuchten, ihr wahres Ich zu unterdrücken. Ein solches Versteckspiel beeinträchtige jedoch die gesunde Entwicklung des Selbstwerts massiv. Depressionen, Suizidgedanken, Selbstverletzung könnten Folgen sein. Die Expertin räumt ein, dass zur Sicherheit des Kindes manchmal auf ein Ausleben der Identität verzichtet werden könne. «In einer geschlechtervielfältigen, sensiblen Welt wäre es ja kein Problem.» Wichtig sei es für transidente Kinder, einen Erfahrungsraum zu haben. In erster Linie müsse aber das Umfeld sensibilisiert werden.

Empathie überlebenswichtig

Die Eltern litten mit ihren Kindern, sagt Nussbaum. Meistens seien sie zum ersten Mal mit dem Thema konfrontiert. Sie fragten sich, ob ihr Kind überhaupt glücklich werden könne. Meist seien sie ratlos, wie sie damit umgehen sollen. «Alle Eltern haben den Wunsch, dass sich ihre Kinder gut entwickeln», sagt Nussbaum. Auf ihre Geschlechtsidentität hätten sie aber keinen Einfluss. Die Transidentität abtrainieren zu wollen, «ist nicht möglich, genauso wenig wie Homosexualität». Für die Kinder sei es überlebenswichtig, empathische Bezugspersonen um sich zu haben, die sie ernst nehmen und unterstützen. Und die sie trösten, wenn sie gehänselt werden.

Der Bund

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