«Ich bereue nichts»

Der bernische Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud hat genug davon, dass seine Politik in den bernischen Politmühlen zerrieben wird.

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Herr Perrenoud, Sie haben Ihren Rücktritt angekündigt auf Ende Juni 2016. Nimmt damit Ihr Leiden als Regierungsrat in der Gesundheitsdirektion ein Ende?
Welches Leiden?

Ihre Freude hat am Amt, so heisst es schon lange, nachgelassen. In der anspruchsvollen Gesundheitsdirektion mussten Sie regelmässig heftige Kritik einstecken.
Um das geht es mir heute nicht. Mit 50 Jahren habe ich entschieden, Kandidat für den Regierungsrat zu sein. Heute, zehn Jahre später, kann ich sagen: Ich hatte einen tollen Job und konnte viele gute Erfahrungen sammeln. Die Probleme will ich nicht verstecken. Aber ich bin jetzt 60. Ich werde nicht noch einmal 60 Jahre leben. «Le Temps qui reste», heisst es auf Französisch. Mein Vater ist mit 69 Jahren gestorben. Vor kurzem ist ein Freund ebenfalls mit 69 gestorben. Da habe ich mich gefragt, ob ich den 70. Geburtstag noch feiern kann.

Aber dieser Entscheid fiel ja nicht von heute auf morgen.
Natürlich habe ich einen Reifungsprozess durchgemacht, der bereits Anfang Jahr begonnen hat. Nun aber war für mich klar: Jetzt muss ich an mich denken. Ich muss aber auch sagen: Drei Jahre lang herrschte im Kanton quasi Jagdsession auf Perrenoud. Dann, nach den Wahlen, von einem Tag auf den anderen: Perrenoud ist als Thema in der Öffentlichkeit, in den Medien spurlos verschwunden. Das war für mich fast eine Schmach, so etwas erleben zu müssen.

Die Medien hätten früher oder später sicher wieder über Perrenoud geschrieben.
Schon möglich. Mich hat das nach den Wahlen dennoch sehr beschäftigt.

Sie sind vor zehn Jahren als Quereinsteiger, als Mediziner und Psychiater auf einen Schlag Politiker und Regierungsrat geworden. Im Rückblick: War das zu steil?
Ich bereue nichts. Es war eine Herausforderung für mich. Ja, ich hatte Nachholbedarf. Ich musste viel lernen, über die Mechanismen im Grossen Rat, über die Feinheiten der Politik. Aber das konnte ich innerhalb einiger Monate gut lernen. Das war kein Problem.

Vor einigen Wochen trat bereits SP-Kollege Andreas Rickenbacker zurück. Ein koordinierter Rückgang ist keine Option gewesen? Hat man nicht darüber gesprochen?
Doch, sehr viel.

Und?
Herr Rickenbacher wollte sofort nach der Sommerpause seine Ankündigung machen. Für mich war das ausgeschlossen. Das ist letztlich ein persönlicher Entscheid. Ich war gerade mit einigen wichtigen Vorlagen beschäftigt: dem Gegenvorschlag zur Spitalstandortinitiative, der Psychiatrieversorgung. Es wäre fehl am Platz gewesen, derartige Sachgeschäfte mit persönlichen Aspekten zu vermischen. Klar war andererseits auch, dass ich noch vor den Herbstferien meinen Rücktritt bekannt gegeben muss. So ist es nun.

Nun müssen Sie sich zumindest mit der Spitalstandortinitiative, mit der die SVP das reformierte Spitalwesen im Kanton Bern wieder rückgängig machen will, nicht mehr weiter beschäftigen.
Als Steuerzahler werde ich ja dann höhere Rechnungen zahlen müsse, sollte die Initiative angenommen werden. Das Thema wird mich also weiter beschäftigen.

Was war Ihr wichtigster Erfolg, was ihr grösster Flop?
Diese Fragen lasse ich vorerst offen. Ich bin noch bis Ende Juni im Amt. Bis dahin muss ich noch nicht Bilanz ziehen. Mein Engagement ist intakt bis Ende meiner Amtszeit.

Trotzdem: Im Rückblick auffällig war ihr regelmässiger Kampf, den Sie als SP-Vertreter einer linksgrünen Regierungsmehrheit, mit dem bürgerlich dominierten Grossen Rat führen mussten, der gerade in der Gesundheitspolitik nicht immer kohärent politisierte. Wie war das für Sie?
Schade ist einzig, dass der Grosse Rat nicht schon von Beginn meiner Amtszeit an eine ständige Kommission zum Gesundheitswesen hatte. Zuvor existierten ja stets wechselnde Ad-hoc-Kommissionen. Im neuen Regime ist es viel einfacher, Gespräche über die Sache zu führen. Ich merke allerdings auch heute noch, dass immer wieder dieselben Forderungen und Probleme in den Grossen Rat getragen werden, obschon wir die Forderung schon längst erfüllt und das Problem schon längst gelöst haben. Dann heisst es plötzlich, alles sei falsch gemacht worden, man müsse alles wieder ändern, etwa beim Lastenausgleich bei der Sozialhilfe. In solchen Situation fühle ich mich alt in der Politik des Kantons Bern.

Sie haben die Schnauze voll?
Nein. Aber es zeigt, dass neue Kräfte kommen müssen.

Die Linke im Kanton wird die Mehrheit bei der Ersatzwahl nun definitiv verlieren. Ist es sinnvoll, dass die Bürgerlichen wieder die Macht übernehmen?
Das könnte tatsächlich eine Option sein. Die Mehrheit wäre meinen Erachtens 2018 ohnehin gekippt. Jetzt passiert es halt vorher. Aus sachpolitischer Sicht ist es kontraproduktiv gewesen, dass die Mehrheiten so unterschiedlich gelegen sind. Aus SP-Sicht ist es natürlich zu bedauern, sollten wir nun einen Sitz verlieren.

Insbesondere Ihr spezieller Jura-Sitz könnte zur SVP übergehen. Stört Sie das nicht?
Ich bin gespannt, was passiert.

Bei der letzten Wahl im März 2014 war die Jura-Formel der Grund, weshalb Sie Regierungsrat bleiben konnten, obschon gesamtkantonal der SVP-Kandidat mehr Stimmen bekommen hatte. Hat Sie dies im Nachhinein beschäftigt?
Es wäre gelogen, wenn ich Nein sagen würde. Die Jura-Formel wurde politisch nie in Frage gestellt. Das Thema ist sehr schnell wieder verschwunden. Ich befürchtete aber, dass nun künftig meine Legitimität als Regierungsrat bei gewissen Sachdossiers in Frage gestellt werden könnte. Das hätte ich nicht erleben wollen.

An der Jura-Formel halten Sie trotzdem fest? Sie macht Sinn für den Kanton Bern?
Eindeutig.

Was kommt nach dem Rücktritt im Juli?
Ich habe noch keine Pläne. Es braucht zuerst eine Abkühlungsphase. Ich will Dinge tun, die mir gefallen. Es ist noch weit weg, dieser Juni 2016. (Der Bund)

Erstellt: 08.09.2015, 17:05 Uhr

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Perrenouds Politkarriere Regierungsrat Philippe Perrenoud verkündigt am 8. September seinen Rücktritt. Damit beendet er beinahe 20-jährige Politkarriere.

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