Hutträger haben fast keine Auswahl

Das Propagandamaterial für die Berner Grossratswahlen ist eingetroffen. Doch die Parolen taugen immer weniger.

Das Wahlmaterial wie es im Jahr 2015 ausgesehen hat.

Das Wahlmaterial wie es im Jahr 2015 ausgesehen hat. Bild: Adrian Moser

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Wen wählen? Für diese anspruchsvolle Frage verspricht bekanntlich das Online-Tool Smartvote den Bürgerinnen und Bürgern klare Antworten. Auf die Kommastelle genau spuckt der Algorithmus den Wunschkandidaten nach Ausfüllen des Fragebogens aus.

Doch die klamme Frage bleibt: Ist Politik wirklich messbar? Die Parteien finden: offenbar nicht. Sie haben deshalb wieder viel Zeit und Energie in die Gestaltung ihrer Werbeprospekte investiert. Das Sichten der bunten Prospekte wird so – im Gegensatz zum nüchternen Anklicken der Smartvote-Fragen – zu einem geradezu sinnlichen Erlebnis, zu einem Schwelgen in Farben, Fotos und Parolen.

Wobei gerade diese dann doch etwas enttäuschend ausgefallen sind. «Heute braucht es mehr als plumpe Schlagworte», so die treffende Forderung eines Piraten. Trotzdem fordert er im selben Abschnitt: «Freiheit statt Totalüberwachung». Wer würde ihm da widersprechen? Auch beim Reizwort «Digitalisierung» herrscht Konsens (sie gilt als Chance). Wobei allerdings bei der FDP die künstliche Intelligenz bereits die Herrschaft übernommen hat. Konsequenterweise fordern die Liberalen deshalb die «Digitalisierung von Menschen für Menschen».

Die Erkenntnis also nach einer oberflächlichen Sichtung des Materials: Die Grossratskandidaten des Berner Wahlkreises sind sich im Grossen und Ganzen einig. Die SVP fordert «mehr Freiraum für junge Köpfe» und «bezahlbare Krankenkassenprämien», die SP einen «innovativen Bildungs- und Werkplatz».

Offenbar will sich keiner der Kandidaten gegen Jobs, Sicherheit oder Bildung engagieren. Stattdessen sind alle für «Zukunft» und «Gesundheit», wollen den «Menschen ins Zentrum stellen», lehnen Gewalt und Umweltzerstörung ab. Und bei der BDP kandidiert jetzt sogar ein Gsoa-Mitglied. Bei derart grosser Übereinstimmung, ja Beliebigkeit müssen also für die individuelle Wahlentscheidung andere Unterscheidungsmerkmale herangezogen werden. Beispielsweise das Aussehen.

Denn heutzutage gilt: Politik ist zum Grossteil Identitätspolitik. Für Brillenträger dürfte deshalb die Tatsache aufschlussreich sein, dass sie bei der BDP nur von einer einzigen Person vertreten werden. Hingegen sind bei der SP sagenhafte 15 Kandidaten bebrillt.

Einfach die Wahl auch für Hutträger (Mütze zählt nicht): Für sie reduziert sich die Auswahl auf zwei Kandidaten, einen jungen und einen etwas älteren Grünen. Aber wem soll man seine Stimme als Schnauzträger geben? Hier muss das Los entscheiden: SVP und PDA halten sich hier die Waage (beide 2). Der ästhetische Ansatz stösst hier an seine Grenzen. Werfen wir deshalb einen Blick auf die Hobbys. Stichwort «Familie».

Bei diesem Klassiker kann man eigentlich nichts falsch machen. Einfach die Reihenfolge sollte eingehalten werden, etwa so: «Familie, Eishockey, Fussball, Hühnerhaltung» (Thomas Hofstetter, FDP). Kinderlose werden hingegen bei den Jungfreisinnigen fündig: «Katzen & Politik» (Pascal Koch) und «Spazieren mit Hund» (Simone Richner). Aufschlussreich auch die Wahl der Genussmittel: Die jungen Grünliberalen mögen «Gin Tonic», «Bier» und «Mojitos».

Wer hingegen Zigaretten und Fussball schätzt, dem sei Fabian Bauer (SP) empfohlen «YB, Chongqing-Fan, Raucher». Für Kiffer empfiehlt sich Silvan Müller von den Jungsozialisten («sollten uns in einen Kreis setzen und einen Joint rauchen»). Schlagworte alleine bringen es also nicht mehr. Einige Kandidaten versuchen es deshalb jetzt mit Aphorismen: «Für einen städtischen Kanton und eine kantonale Stadt» (Peter Marbet, SP) oder «Ökologie ökonomisieren und Ökonomie ökologisieren» (Johannes Schwarz, GLP). Dann vielleicht doch lieber smartvoten. (Der Bund)

Erstellt: 09.03.2018, 06:42 Uhr

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