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Die Oberschicht aus der ganzen Schweiz kam hierher

Im Berghaus Gurnigel soll ein Tourismuszentrum mit Hotel und Schaukäserei entstehen. Der Unternehmer Hans-Ulrich Müller will das ehemalige Armeegebäude kaufen.

Das beliebte Ausflugsziel Berghaus Gurnigel gehört noch der Armee. Doch es soll bald verkauft werden.
Das beliebte Ausflugsziel Berghaus Gurnigel gehört noch der Armee. Doch es soll bald verkauft werden.
Franziska Rothenbühler

Einst war die Gantrischregion das touristische Zentrum der Schweiz, und die ganze Welt traf sich hier: Gotthelf, Pestalozzi und Gottfried Keller. Denn die Schwefel- und eisenhaltigen Quellen auf dem Gurnigel galten als heilsam. Die Oberschicht aus der ganzen Schweiz kam zum Kuren hierher. Doch auch für die nicht so reichen Leute gab es Angebote. Am Bahnhof Bern wartete die Gurnigelpost auf Gäste, damals noch mit vier Pferden statt motorisiert mit 300 PS.

Die Fahrt bis Riggisberg dauerte vier Stunden. Für die Bergfahrt wurden hier drei zusätzliche Pferde angespannt. Am frühen Abend erreichten die Gäste endlich ihr Ziel. Zur Unterhaltung dienten Tanzanlässe und Sport. Gotthelf, der im Sommer 1853 im Hotel Gurnigelbad zur Kur weilte, langweilte sich allerdings sehr. Er sei «träg und zu faul zum Spazieren», schrieb er seiner Frau. Heinrich Pestalozzi hingegen gefiel es 1799 im Gantrischgebiet, das er als «ruhevolles, sonniges Eiland» beschrieb. Auch bei der breiten Bevölkerung und bei Kurgästen aus England und Frankreich kam das Gantrischgebiet gut an.

Bereits zu Gotthelfs Zeiten war das Gurnigelbad ein Hotel mit 250 Betten. Um 1900 war es mit 600 Betten das grösste Hotel der Schweiz. Doch dann ging es mit dem Tourismus bergab. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, blieben auch die Gäste aus. Nach dem Krieg war noch die Armee da, die dem Gebiet Umsatz brachte. Vor 14 Jahren zog auch sie sich zurück.

Berghaus als Zentrum

Nun aber will die Region an die alten Zeiten anknüpfen. Eine Agentur soll das Gebiet vermarkten. Die Gantrisch Plus AG wurde im Februar eigens zu diesem Zweck gegründet. Und ihr erstes Projekt ist das Berghaus Gurnigel. Dort will die Agentur ein Zentrum des Naturparks Gantrisch einrichten. Hier soll es nebst einem Ausflugsrestaurants und Hotelbetten einen Laden mit regionalen Produkten, ein Informationszentrum zum Naturpark und eine Käserei geben. Zudem sollen im Zentrum Sportgeräte wie Trottinetts, Ski und Schlitten oder Kletterausrüstung vermietet werden, wie Ruedi Flückiger von Gantrisch Plus am Freitag an einer Medienorientierung sagte. Die Käserei werde von zehn Bauern gemeinsam betrieben.

So verdienten sie an ihrer Milch doppelt so viel, wie wenn sie sie dem Grosshändler verkauften. Für den Tourismus wäre gar eine Schaukäserei attraktiv, findet Flückiger. Weil die Agentur nicht genug Geld hat, um das von der Armee ausgeschriebene Gebäude zu kaufen, will der Unternehmer und ehemalige Credit-Suisse-Banker Hans-Ulrich Müller einspringen. Warum? «Ich bin nostalgisch», sagt er. Er habe als Kind manchen Winter auf dem Gurnigel in der Stierenhütte verbracht – «als es noch keinen Skilift gab», wie er sagt. Und sein Onkel habe in Riggisberg die «Sonne» geführt. Doch hat ein Projekt, das von sonnenhungrigen Ausflüglern abhängig sein wird, überhaupt Erfolgschancen? «Ich glaube an diese Leute», sagt Müller entschieden. Wenn sie genug Leidenschaft und das nötige Engagement aufbrächten, dann habe das Berghaus gute Chancen. «Das Projekt muss Freude machen», sagt er.

Badekuren aufleben lassen

Mehr Distanz zum Berghaus-Projekt als Müller hat die Tourismusexpertin Therese Lehmann von der Universität Bern. Doch auch sie räumt dem Projekt Chancen ein. Es passe in die Region, und für den Naturpark sei es gut, ein Zentrum zu haben. «So wird er sichtbar.» Das Hotel müsse authentisch inszeniert werden und einem gewissen Standard genügen. «Touristen sind anspruchsvoller als Soldaten.» Das Berghaus müsste sich also vom Armeecharme etwas befreien.

Und ist es möglich, dass die Gantrischregion dereinst an die alten Zeiten anzuknüpfen vermag? Lehmann sieht im Wellnessbereich Potenzial. «Die Badekuren könnte man wieder aufleben lassen», sagt sie. Dies umso mehr, als Gesundheit und Wellness im Trend lägen. «Aber», sagt sie, «600 Hotelbetten können nicht das Ziel sein.»

Schliesslich setze der Naturpark auf nachhaltigen Tourismus, und die Region Gantrisch sei ein Naherholungsgebiet für Bern und Umgebung. Daher sei auch die Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr wichtig.

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