Homeschooling in der Schule

Keine Fächer, sondern Workshops: Mit dem Freilernraum eröffnet eine Schule, die keine sein will.

Hier wird nicht gepaukt: Andrea Gremlich mit ihren Kindern in den künftigen Unterrichtsräumen.

Hier wird nicht gepaukt: Andrea Gremlich mit ihren Kindern in den künftigen Unterrichtsräumen.

(Bild: Adrian Moser)

Immer mehr Eltern entscheiden sich dazu, ihre Kinder nicht mehr in die Volksschule zu schicken: Sie unterrichten diese stattdessen zu Hause. Seit 2012 hat sich die Zahl der Homeschooler im Kanton Bern beinahe verdoppelt. Im vergangenen Schuljahr erhielten insgesamt 290 Schulkinder Heimunterricht.

Nun haben sich einige Eltern zusammengetan, um einen «Begegnungs- und Lernort» zu schaffen, wie es auf ihrer Homepage heisst. Der sogenannte Freilernraum öffnet am kommenden Montag seine Türen in den Räumen des «Chinderchübu», einem Freizeittreff für Schulkinder im Berner Monbijouquartier.

Workshops und Lerncoach

Der Freilernraum solle ein Ort werden, an dem die Kinder «zusammen und voneinander lernen, sich vernetzen, austauschen und mit ihren Themen zu einem Lerncoach kommen können», sagt Präsidentin Andrea Gremlich. Klingt also ganz nach Schule – bloss will der Freilernraum gerade das nicht sein.

«Unter den Eltern befindet sich viel Wissen und Potenzial.»Andrea Gremlich, Präsidentin Freilernraum

Im Unterschied zur Volksschule werden laut Gremlich keine Fächer unterrichtet, es gibt keine Anwesenheitspflicht und keinen Frontalunterricht. Die Kinder können stattdessen mit ihren eigenen Lerninhalten vorbeikommen und bei Bedarf die Hilfe des Lerncoachs in Anspruch nehmen.

Der Lerncoach besitzt kein Lehrerpatent, hat aber über mehrere Jahre als Lehrperson bei der Scuola Vivante gearbeitet. Diese ist eine Schule mit einem Lernkonzept, bei dem Kinder nach eigenem Tempo lernen können und das stark auf selbstständiges Lernen setzt.

Nebst dem Angebot mit dem Lerncoach werden im Freilernraum auch Workshops angeboten, die entweder von Eltern oder von Aussenstehenden durchgeführt werden. Zurzeit werden hauptsächlich Bastelworkshops angeboten, später sollen laut Gremlich aber beispielsweise auch Workshops in Physik oder zum aktuellen Weltgeschehen hinzukommen.

«Unter den Eltern befindet sich viel Wissen und Potenzial, das wir hier an einem zentralen Ort auch anderen Kindern verfügbar machen wollen.»

Kritik am Homeschooling

Dass Kinder zu Hause unterrichtet werden, hat in der Vergangenheit schon manche Kontroverse ausgelöst. Oftmals wird kritisiert, den Eltern fehle die Fähigkeit, ihre Kinder zu unterrichten oder sie würden ihre Kinder sozial isolieren.

Denn während in der Volksschule meist über zwanzig Mitschüler mit verschiedensten Hintergründen zusammenkommen, sehen sich die meisten Homeschooling-Kinder nicht mehr als ein bis zwei Geschwistern gegenüber. Auch wird angezweifelt, ob die Eltern in der Lage sind, komplexe Sachverhalte, wie etwa die Grundlagen der Physik zu erklären.

Je höher die Schulstufe, umso mehr Vorwissen wird vom jeweiligen Lehrer abverlangt, um die Kinder an ein Thema heranzuführen, sie anzuleiten und nötigenfalls zu korrigieren. Genau bei diesen Kritikpunkten scheint nun der Freilernraum anzusetzen.

Trotz aller Kritik ist über die Auswirkungen des Homeschooling bisher noch wenig bekannt. Es gibt weder in Bezug auf die psychische Entwicklung der Kinder noch in schulischer Hinsicht verlässliche Studien.

Laut Elke Hildebrandt, Professorin für Unterrichtsentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz, gibt es aber Hinweise, dass Homeschooler schulisch besser abschneiden. Die Resultate solcher Studien seien aber mit Vorsicht zu geniessen, da solche Kinder oftmals aus sehr bildungsnahen Schichten kämen und dieser Faktor möglicherweise entscheidender sei, als die Unterrichtsform.

Homeschooling kaum erforscht

Die Motive, die zum Unterrichten der eigenen Kinder führen, können sehr verschieden sein. Oft spielen religiöse und weltanschauliche Gründe eine Rolle. Doch auch pädagogische Motive oder die Unzufriedenheit mit der Regelschule sind Ursachen.

Der Kanton Bern stellt im Vergleich zu anderen Kantonen nur wenige Bedingungen an unterrichtende Eltern. Ein Lehrerpatent gehört nicht dazu. Es reicht, wenn sie sich von einer pädagogisch ausgebildeten Person beraten lassen.

Ausserdem werden Anforderungen an den Schulstoff und die Einrichtung für den Unterricht gestellt. Kontrolliert werden sie vom Schulinspektorat. Dort machte man mit Homeschoolern bisher «mehrheitlich gute Erfahrungen».

Der Bund

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