Hochwasserschutz bei den AKW verzögert sich erneut

Auch extreme Hochwasser dürfen die Sicherheitssysteme von AKW nicht lahmlegen. Doch bereits die Grundlagenstudie zu Hochwassern verzögert sich.

Bereits die Studie über den Hochwasserschutz bei den AKW verzögert sich.

Bereits die Studie über den Hochwasserschutz bei den AKW verzögert sich.

(Bild: Manu Friederich)

Simon Thönen@SimonThoenen

Die Atomkraftwerke in der Schweiz würden ein Hochwasser überstehen, wie es alle zehntausend Jahre nur einmal vorkommt – diese beruhigende Botschaft hat das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) seit Fukushima wiederholt verkündet. Dies entspräche der offiziellen Definition des Restrisikos: Die Wahrscheinlichkeit eines verheerenden Atomunfalls muss unter 1:10'000 liegen. Wobei dies nichts über den Eintretenszeitpunkt aussagt. Das seltene Ereignis kann jederzeit eintreten.

Nur: Bisher weiss man gar nicht, wie stark ein solches Hochwasser sein könnte. Am Dienstag teilten das Ensi und das Bundesamt für Umwelt (Bafu) mit, dass die entsprechende Studie erst jetzt lanciert wird. Vorliegen soll die Hauptstudie des Projekts «Gefahrengrundlagen für Extremhochwasser an Aare und Rhein» (Exar) dann 2018. Und erst wenn mit der Exar-Studie die Gefahrenszenarien berechnet sind, wird laut der Mitteilung die eigentliche Arbeit beginnen: die neue Beurteilung der «Risiken extremer Hochwasserereignisse für rund 15 Stauwehre und die Kernkraftwerke Mühleberg, Gösgen sowie Beznau I und II». Noch länger wird es dauern, bis die AKW gegen die Gefahr von Hochwassern effektiv nachgerüstet sein werden – sofern sich dies als notwendig herausstellen sollte.

Ein AKW fehlt in der Aufzählung: Leibstadt. Denn für dieses AKW wurde bereits vor 2011 eine neue Hochwasserberechnung durchgeführt. In diese floss auch eine Studie von Klimahistoriker Christian Pfister ein. Er hatte Hochwasser der letzten rund 700 Jahre ausgewertet. Ein deutlicher Fortschritt. Denn Messdaten gibt es nur aus den letzten 150 Jahren. Und ausgerechnet in dieser Zeitspanne waren Extremhochwasser viel seltener als zuvor – und als in jüngster Zeit wieder. Pfister forderte 2011, dass zum Beispiel auch für Mühleberg eine historische Studie durchgeführt werde. Die BKW musste Mühleberg damals vorübergehend abschalten, nachdem ein Expertenbericht gezeigt hatte, dass die AKW-Notkühlung bei Hochwasser verstopfen könnte.

«Fahrlässige Verschleppung»

Doch die Bundesbehörden griffen Pfisters Anregung erst mit viel Verzögerung auf. Immerhin: An der Methodendiskussion für die Exar-Studie war Pfister beteiligt. Er zeigt sich auf Anfrage «sehr zufrieden damit, dass historische Befunde voll in die Studie einfliessen werden».

Nicht zufrieden ist dagegen der Berner AKW-Kritiker Markus Kühni: «Die Verschleppung der Hochwasserstudie ist fahrlässig. Solches kennt man aus Japan, es war eine der Ursachen von Fukushima.» Kühni führt ein Rechtsverfahren gegen das Ensi, weil es 2011 erlaubt hatte, dass Mühleberg trotz der Verstopfungsgefahr der Notkühlung wieder ans Netz ging. Das Ensi ging damals davon aus, dass bei einem Extremhochwasser notfalls Feuerwehrleute Kühlwasser in den Reaktor pumpen müssten.

Die Hochwasserstudie verzögert sich nun schon seit Jahren. «Die Szenarien für extreme Hochwasserereignisse sollten bis 2016 vorliegen», hatte das Bafu 2013 angekündigt – nun soll es 2018 werden. «Die Vorstudien und die Erarbeitung der Methodik, die es erlaubt, komplexe Gefahrenszenarien darzustellen, haben mehr Zeit in Anspruch genommen», sagt dazu Jean-Pierre Jordan, der zuständige Projektleiter im Bafu.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt