Helfer im Asylbereich warten auf konkrete Aufgaben

Das Engagement gegenüber Asylsuchenden sinkt, öffnet aber eine neue Unterkunft, stehen viele Freiwillige bereit, dies ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch.

Begegnungen auf Augenhöhe: In Niederscherli sitzen Flüchtlinge und Dorfbewohnerinnen und -bewohner Woche für Woche im «Begegnungscafé».

Begegnungen auf Augenhöhe: In Niederscherli sitzen Flüchtlinge und Dorfbewohnerinnen und -bewohner Woche für Woche im «Begegnungscafé». Bild: Manu Friederich

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sonja W. wollte bloss das Gleiche tun wie damals. Damals, vor 20 Jahren, zerbrach Jugoslawien und Zehntausende flüchteten in die Schweiz. Und damals engagierte sich Sonja W. in ihrem Quartier «in der Asylgruppe», einfach «weils klar war, dass man etwas tun musste». Doch als die Mitfünfzigerin aus der Region Bern dieses Jahr genau so wie damals handeln wollte, war sie überrascht. Die Asylgruppe existierte nicht mehr.

Die Gemeindebehörde erlebte sie als abweisend: Das Asylwesen sei eine Sache für Profis. Und niemand hatte Interesse an den freien Zimmern, die sie anzubieten hatte: «Ich kam mir zunächst ziemlich isoliert vor.»

Szenenwechsel. Vor gut einem Monat trafen sich in Niederscherli, wo seit Anfang November eine Unterkunft für Asylsuchende geführt wird, rund 60 Leute aus dem Dorf. Sie wollten sich konkret engagieren. Aber konkret wurde fürs Erste nur ihre Ungeduld: Während Wochen warteten sie auf eine griffige Antwort auf ihr Hilfsangebot.

Professionalisierte Sphäre

Sowohl die Fahndung nach der entschlafenen Asylgruppe wie auch das Warten der geduldigen Helferinnen und Helfer sind kleine und zufällig gewählte Beispiele. Aber sie illustrieren einen Trend. Laut Migrationsforscher Gianni D’Amato von der Universität Neuenburg ist nämlich in der Schweiz über die letzten 20 Jahre hinweg das zivilgesellschaftliche Engagement zugunsten von Flüchtlingen stark zurückgegangen – weil die Freiwilligen weniger Interesse zeigen und weils für Freiwillige im immer professionelleren Asylbetrieb immer weniger Platz habe. D’Amato: «Die räumliche und soziale Distanz zwischen Bevölkerung und Asylsuchenden wird grösser.»

Viele haben gar keinen Kontakt

Bestätigt die bernische Realität diesen kritischen Befund? In kirchlichen Kreisen, also dort, wo die unvoreingenommene Nächstenliebe quasi zum Kerngeschäft gehört, ergibt die Nachfrage kein eindeutiges Bild. Vom «Bund» befragte Kirchgemeindevertreter sprechen von «Verunsicherungen an der Basis». Zwar mangle es nicht an Hilfsbereiten. Aber die Professionalisierung im Asylbereich sei so weit fortgeschritten, dass niemand mehr an den Profis vorbeikomme.

Selbst die Koordination des Einsatzes Freiwilliger sei in den Händen der professionellen Player. Das sei «nicht falsch», respektive «gut nachvollziehbar», aber auch «nicht das, was sich viele der Hilfsbereiten erhoffen, die anpacken möchten». Verdichten lassen sich die Schilderungen ausserdem zum Befund: Durch die heutige Art der Einquartierung in grösseren Zentren haben sehr viele Bürgerinnen und Bürger gar keinen Kontakt zu Asylsuchenden.

«Die Wende kam erst, als die Bilder des toten Aylan um die Welt gingen» Andreas Flury, Freiwilligenkoordinator

Entsprechend gering ist ihr Engagement. Öffnet aber eine neue Unterkunft im eigenen Dorf oder eigenen Quartier ihre Türen, öffnet sich auch die Schleuse der Hilfsbereitschaft – bis hin «zu einem zu viel an Empathie».

Heilsarmee unter Druck

Professionell arbeiten und dabei auch das Engagement hilfsbereiter Freiwilliger nutzen: Das ist für die Heilsarmee an der Tagesordnung. Wie schätzt sie – die Lage ein? Andreas Flury, der Projektleiter Beschäftigung und Freiwilligenkoordination bei der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe, sagt es deutlich: «Wir werden gegenwärtig von Hilfsbereiten regelrecht bestürmt.»

Während sich vor wenigen Jahren pro Kollektivunterkunft vielleicht ein knappes halbes Dutzend Freiwillige einbinden liessen, seien es heute sehr viele mehr: «Nach der Eröffnung der Unterkunft in der alten Feuerkaserne Bern meldeten sich 250 Freiwillige.» Flury räumt ein, dass dies ein neues Phänomen von noch unklarer Dauer sei: «Bis Mitte Jahr herrschte Zurückhaltung vor.

Die Wende kam erst, als Bilder wie jenes des toten, ans Ufer von Bodrum gespülten dreijährigen syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi um die Welt gingen.» Auch die – vorübergehende – Willkommenskultur Deutschlands habe die Leute motiviert, und zwar so sehr, dass Momente der Überforderung nicht ausblieben.

Flury sagt vorsichtig, die derzeitige Hilfsbereitschaft sei für die Heilsarmee und die anderen grossen Player im Asylbereich eine «grosse Herausforderung»: «Wir sind gar nicht in der Lage, so viele Helferinnen und Helfer zu coachen.» Inzwischen werden Freiwillige aufgefordert, sich selber zu organisieren und fix-fertige Angebote vorzulegen. Ganz generell sei es anspruchsvoll, alle Freiwilligen sinnvoll einzusetzen: «Das ist manchmal auch schwierig zu erklären.»

Für «menschliche Begegnungen»

Was passiert derzeit in Niederscherli, wo fünf Dutzend freiwillige Helferinnen und Helfer auf ihren sinnvollen Einsatz warten? Sie entdeckten den Mittelweg zwischen blossem Abwarten und vollem Einsatz: Jeden Mittwochvormittag trifft man sich im «Begegnungscafé» mit Flüchtlingen, an einem Ort also, «an dem Kontakte geknüpft und Ängste abgebaut werden können», sagt Therese Riesen, die Präsidentin der Kirchenkreiskommission Niederscherli.

Das ermögliche die «menschliche Begegnung», die sowohl für Asylsuchende wie für die Dorfbevölkerung wichtig sei. Das Lokal ist jeweils gestossen voll. Der Austausch tue auch den Ungeduldigen gut: Sie lernten zu verstehen, dass die professionellen, im Asylbereich arbeitenden Institutionen «zuerst sicherstellen müssen, dass alle ein Dach über dem Kopf haben und keine Obdachlosen produziert werden». Gleichwohl sei es für viele «wie ein Weihnachtsgeschenk», jetzt zu wissen, dass am 15. Januar endlich konkret geplant werden könne, was aus den Hilfsangeboten werde.

Ungenutzte Angebote

Die Ungeduld noch keineswegs abgelegt hat die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH), wie deren Sprecher Stefan Frey zum Ausdruck bringt. Die Zivilgesellschaft müsse «endlich ihren Möglichkeiten entsprechend ins Asylwesen integriert werden».

Konkret heisse das etwa, «dass Freiwilligengruppen in Dörfern und Städten bei den Durchgangsheimen oder anderen Unterkünften willkommen sind, Asylsuchende zum Beispiel zum Mittagessen oder zu Kursen einladen können, ihnen helfen, sich in der Schweiz schneller zurechtzufinden». Unbefriedigend seien die Zustände zudem für alle Privaten, die Flüchtlinge beherbergen möchten: «Obwohl ein grosses Potenzial an Gastfamilien vorhanden wäre, regelt jeder Kanton die private Unterbringung völlig unterschiedlich.» Dadurch würden vorhandene Möglichkeiten nicht ausgeschöpft. Bei der SFH stapelten sich Hunderte von Angeboten, sehr viele davon aus dem Kanton Bern. (Der Bund)

Erstellt: 30.12.2015, 06:38 Uhr

Artikel zum Thema

Asylunterkunft Hochfeld schliesst erst in ein paar Monaten

Die Asylunterkunft Hochfeld soll erst schliessen, wenn das Bundeszentrum im Zieglerspital eröffnet wird. Mehr...

«Die Freiwilligen werden oft als Störfaktor empfunden»

Dass sich die Leute nicht allzu stark um Asylsuchende kümmern, ist in der Schweiz politisch gewollt, sagt Migrationsforscher Gianni D’Amato Mehr...

Zieglerspital nimmt hundert Asylsuchende mehr auf

Im Zieglerspital werden hundert weitere Asylsuchende untergebracht. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Pizarro muss passen

Sweet Home Achtung, es wird üppig

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Schlacht mit weichen Waffen: Die Studenten der St.-Andrews-Universität sprühen sich am traditionellen «Raisin Weekend» voll mit Schaum. (23. Oktober 2017)
(Bild: Russell Cheyne) Mehr...