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Heftige Kritik am neuen Französisch-Unterricht

Viele Oberstufenlehrer weigern sich, die Didaktik anzuwenden, die mit dem Frühfranzösisch eingeführt worden ist. Die Schüler könnten «nichts mehr», heisst es.

Die jungen ABC-Schützen zeigen auf Französisch Schwächen, sagen die Lehrer.
Die jungen ABC-Schützen zeigen auf Französisch Schwächen, sagen die Lehrer.
Manu Friederich

Wenn Siebtklässler Französischunterricht erhalten, ist das längst kein Frühfranzösisch mehr. Die Kritik, die viele Oberstufenlehrer nun äussern, hat aber viel mit Frühfranzösisch zu tun.

Als vor vier Jahren erstmals Drittklässler in Französisch unterrichtet wurden, war für Schüler wie Lehrer alles neu. Zwei Jahre später kamen zum ersten Mal Lehrer mit Frühfranzösisch in Berührung, die schon zuvor Französisch unterrichtet hatten. Doch auch sie konnten ihre neuen Klassen nur mit solchen vergleichen, die zuvor keinen Französischunterricht hatten. Inzwischen sind die ersten «Frühfranzösisch-Kinder» in der Oberstufe angelangt – und treffen dort auf Lehrer, die klare Erwartungen haben, was die Schüler bereits können sollten.

Hört man sich um, wird bald klar: Die Erwartungen vieler werden nicht erfüllt. Die härtesten Urteile fällen jene, die auch den Lehrplan 21 und die damit einhergehende neue Didaktik ablehnen. So sagt etwa Alain Pichard, Reallehrer in Orpund und profilierter Lehrplan-21-Gegner: «Die Schüler können nichts mehr. Es ist völlig chaotisch.»

Neue Art, Sprache zu vermitteln

Als das Frühfranzösisch vor vier Jahren im Rahmen des Projekts Passepartout eingeführt wurde, bedeutete das weit mehr, als den Start des Französisch­unterrichts vom fünften auf das dritte Schuljahr vorzuverlegen. Kern der Reform ist eine völlig neue Art, die französische Sprache zu vermitteln. Die Kinder sollen die Fremdsprache spielerisch entdecken, sollen sich «Strategien» aneignen, um schwierige Texte zu «erschliessen». Grammatik und Rechtschreibung dagegen spielen in den ersten Jahren kaum mehr eine Rolle.

Auch Philippe von Escher, Französischlehrer am Oberstufenzentrum Worbboden in Worb, kritisiert die neue Situation: «Für mich als Lehrer ist es schlimm, wenn Spez-Sek-Schüler einfachste Sätze nicht verstehen.» Er sagt, die Schüler bekundeten grosse Mühe beim Schreiben und könnten nicht einmal die wichtigsten Verben wie «être» und «aller» konjugieren. «Das muss man jetzt alles aufholen», sagt er. «Da tauchen schon riesige Fragezeichen auf.»

Keine Wörtli- und Grammatiktests

Ein weiterer Punkt, an dem sich die befragten Oberstufenlehrer stören: Sie wurden in der Weiterbildung zum neuen Lehrmittel «Clin d’œil» angehalten, keine Diktate, Wörtli- und Grammatiktests mehr durchzuführen. «Es ist mir egal, wenn das nun quasi verboten ist», sagt von Escher. «Ich werde es trotzdem weiter tun, denn ich will, dass Schülerinnen und Schüler eine Struktur erkennen.» Schüler bräuchten Strukturen. Der «Bund» weiss von mehreren Schulen, deren Französischlehrer sich an Elternabenden von der neuen Didaktik distanziert und angekündigt haben, von den Vorgaben ­abzuweichen.

Erwin Sommer, Vorsteher des kantonalen Amts für Kindergarten, Volksschule und Beratung, findet das problematisch. «Damit verunsichern die Schulen die Eltern und die Schüler.» Sommer sagt, Wörtli- und Grammatiktests seien keineswegs verboten, sondern sollten im Unterricht lediglich einen geringeren Stellenwert haben als früher. Dem steht der Inhalt eines Merkblatts entgegen, das die Schulen im vergangenen Jahr als Vorinformation zum neuen Lehrmittel erhalten haben und das dem «Bund» vorliegt. Darin stehen unter dem Titel «Was man nicht tun soll»: Dictées, ­Wörtlitests, Grammatiktests.

«Dem Projekt eine Chance geben»

Sommer wünscht sich, dass die Oberstufenlehrer die Schüler «dort abholen, wo sie jetzt stehen». «Es ist unfair, zu sagen, die Kinder könnten nichts mehr, und es ist unfair, ihre neuen Stärken einfach auszublenden.» Die Erziehungsdirektion nehme das Thema aber ernst und stehe mit der PH und dem Verlag, der das neue Lehrmittel herausgegeben hat, in Kontakt, um Verbesserungen zu erzielen.

Die befragten Lehrer reagieren unterschiedlich auf Sommers Einwand, die Schüler hätten neue Stärken. Einige, unter ihnen Alain Pichard, haben keine solchen bemerkt. Andere hingegen sagen, die Schüler hätten zum Beispiel viel weniger Angst vor schwierigen Texten. Philippe von Escher sagt: «Die Kinder sind mutiger als früher.» Und er schränkt gleich wieder ein: «Vor allem die guten.»

Beim bernischen Lehrerverband (Lebe) weiss man von den Diskussionen um die neue Französisch-Didaktik. Franziska Schwab, Leiterin Pädagogik, vertritt eine neutrale Position: «Wir finden, dass man dem Projekt Passepartout eine Chance geben soll. Ein Fazit können wir erst ziehen, wenn die erste Generation die neunte Klasse beendet hat. Bis dahin ist es zu früh, einen erneuten Systemwechsel zu fordern.»

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