Hagelschützen strecken die Waffen

Zu wenig Rückhalt, zu wenig Nachwuchs, zu wenig Geld: Der Hagelabwehrverband Mittelland-Emmental sieht keine Zukunft mehr. Der Präsident Ueli Friedli bedauert die Auflösung.

«Wenn es schon hagelt, kann man nichts mehr ausrichten», sagt Ueli Friedli aus Schangnau – jetzt im Winter droht jedoch keine Gefahr.

«Wenn es schon hagelt, kann man nichts mehr ausrichten», sagt Ueli Friedli aus Schangnau – jetzt im Winter droht jedoch keine Gefahr. Bild: Franziska Rothenbühler

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Ueli Friedli ist mit leeren Händen gekommen. Die Hagelabwehrschützen haben ihr Arsenal vernichtet: Da im Sommer kaum Hagelgewitter auftraten, sind rund 300 Raketen übrig geblieben. Die Raketen wurden in einem dicken Eisenrohr gezündet und unschädlich gemacht. Die Abrüstungsaktion fand in einer Kiesgrube statt.

In der nächsten Gewittersaison werden die Gemeinden im Mittelland und im Emmental schutzlos dastehen. Der Hagelabwehrverband Mittelland-Emmental löst sich auf Ende Jahr auf, nur noch 13 Gemeinden machten mit. In den letzten fünf Jahren ist rund ein Dutzend Gemeinden ausgestiegen. Die flächendeckende Hagelabwehr ist also schon lange zum Flickenteppich geworden. «Wir sind schon ein Stück weit enttäuscht», sagt Verbandspräsident Ueli Friedli aus Schangnau. «Wir haben keinen Rückhalt von der Politik erhalten.» Dabei führe die Klimaerwärmung zu häufigeren und intensiveren Gewittern. «Man sollte also etwas unternehmen statt aufhören.» Zu den besten Zeiten zählte der Verband Mittelland-Emmental 55 aktive Gemeinden mit 350 Schützen.

Kampf gegen die Naturgewalten

Zuletzt ging der Verband noch einmal auf Sponsorensuche, mit äusserst dürftigem Ergebnis. Es hagelte Absagen, nur die Emmental Versicherung spendete 250 Franken. So liess sich die notwendige Modernisierung nicht bewerkstelligen. Hinzu kamen die Nachwuchssorgen: Engagierte Schützen, die in der brenzligen Zeit während der Sommermonate das Wetter beobachten und schnell reagieren können, sind schwierig zu finden. Anderen Hagelverbänden geht es ähnlich: Auch der Bernisch-Solothurnische Verband steht vor dem Aus. Beim Ostschweizer Verband dagegen ist die Erneuerung gelungen.

Will man ein Hagelgewitter verhindern, muss es schnell gehen. «Wenn es schon hagelt, kann man nichts mehr ausrichten», sagt Friedli. «Früh schiessen ist das A und O.» Darum stellte der Verband auch eine eigene Alarmorganisation auf die Beine. Die Raketen müssten beim Herannahen einer Gewitterfront verschossen werden, erklärt Friedli. «Am meisten nützt es, wenn die Raketen gerade unterhalb der Wolken explodieren und das mitgeführte Silberjodid freisetzen.» Allerdings muss vor dem Abschuss eine Bewilligung von Skyguide vorliegen, damit keine Flugzeuge gefährdet werden.

Die Silberjodidpartikel werden vom Aufwind in die Gewitterwolken hinauf verfrachtet. Dort wirken sie als Kristallisationskeime: Das heisst, sie unterbrechen die Bildung der grossen Hagelkörner, welche an Obst- und Getreidekulturen grossen Schaden anrichten können. Je mehr Kristallisationskeime vorhanden sind, desto kleiner sind die Eiskörner. Während ihres Falls in Richtung Erde tauen sie auf und werden zu Regen. Das Unheil ist abgewendet. Bei der Hagelbildung werden Eiskörner immer wieder durch den Wind wie in einem Paternoster-Aufzug in kalte Schichten emporgetragen, mehr Wasser lagert sich an, und es entstehen grosse Klumpen.

Praktiker vs. Theoretiker

Wissenschaftler sind sich nicht einig über die Wirksamkeit der Hagelabwehr, die Grundhaltung gegenüber der «Impfung» von Gewitterwolken ist aber kritisch. Bei Friedli wiederum, seit 20 Jahren Präsident des Hagelabwehrverbands Mittelland-Emmental, ist die Grundhaltung gegenüber der Wissenschaft skeptisch. Die Schweizerische Vereinigung für Hagelbekämpfung sei 1947 gegründet worden. «Wenn die Abwehr mit Raketen wirkungslos wäre, dann hätte sich der Verband schon lange aufgelöst», sagt Friedli.

Sowjetische Monsterraketen

In den Jahren von 1977 bis 1982 führte die ETH im Napfgebiet, das zu den hagelreichsten Gebieten der Schweiz gehört, gross angelegte Versuche mit sowjetischen Raketen vom Typ Oblako (Wolke) durch. Gegenüber den von der Firma Hamberger in Spiez hergestellten und in der Schweiz verwendeten Raketen handelte es sich um sehr grosse Kaliber: Sie waren über zwei Meter lang und 30 Kilo schwer und trugen eine Ladung von fünf Kilogramm Silberjodid bis in eine Höhe von 8000 Metern. Die ausgeschossenen Raketen schwebten an einem Fallschirm zurück zur Erde. Die Raketen von Hamberger dagegen enthalten rund 15 Gramm Silberjodid und bestehen aus Hartkarton und Plastik. Eine Sprengschnur zerfetzt die Röhre in kleinste Einzelteile, sodass Mensch und Tier nicht durch herabstürzende Trümmerteile gefährdet werden.

Die Napfversuche zeitigten keine signifikante Wirkung durch das verschossene Silberjodid. Die Übungsanlage sei verfehlt gewesen, sagt Praktiker Friedli. «Sie schossen mit den Raketen über die Wolken hinaus.» Zudem sei es besser, mit kleineren als mit einer einzigen grossen Rakete zu operieren. «Wir können viel gezielter vorgehen», sagt Friedli. Die Napfversuche hätten dazu geführt, dass die Hagelabwehr nie wirklich Geld und Unterstützung durch die öffentliche Hand erhalten habe. Auch seien seither keine weiteren wissenschaftlichen Versuche mehr durchgeführt worden. Letztlich ist es wohl unmöglich, zu sagen, wie gut die Wolkenimpfung funktioniert. In der überwiegenden Mehrzahl bilden sich bei einem Gewitter ja keine Hagelzüge. Beweis oder Widerlegung sind darum nicht schlüssig zu führen. Man merkt zwar, ob es hagelt oder nicht, aber man kann nicht sagen, ob es ohne Raketen gehagelt hätte. (Der Bund)

Erstellt: 30.12.2016, 06:46 Uhr

Im Prinzip müsste es funktionieren

Am Wetter hatte der Mensch noch immer etwas auszusetzen. Doch die Versuche, es in seinem Sinne zu beeinflussen, waren und sind meist nicht von Erfolg gekrönt. Auch bei der Hagelabwehr ist das Bild bestenfalls durchzogen. Der Meteorologe Philippe Gyarmati nimmt einen Elefanten als Vergleichsobjekt: «Wenn Sie ihn mit einer kleinen Nadel stechen, tut das ihm nichts, ausser wenn sie genau die Augen treffen.» Ähnlich sei es mit der geringen Menge an Silberjodid, die mit den Raketen in den Himmel geschossen werde. «Man muss zum richtigen Zeitpunkt genau am richtigen Ort sein.»

Treffen ist auch «Glückssache»

Da die Gewitterzellen eine sehr grosse Eigendynamik entwickelten, sei das Treffen auch eine «Glückssache», sagt Gyarmati. Grundsätzlich sei die Methode mit Silberjodid physikalisch schlüssig. «Man kann den Effekt im Labor nachweisen.» Durch das Einbringen der Kristallisationskeime bilden sich kleinere Hagelkörner. Explodiert die Rakete genau am richtigen Ort, kann auch diese kleine Ladung eine Art Kettenreaktion oder Dominoeffekt auslösen. Gyarmati hat während mehrerer Jahre zusammen mit anderen Meteorologen für den Hagelabwehrverband Mittelland-Emmental die Gewitterwarnungen abgesetzt. Eine möglichst frühe Warnung erleichterte dabei den Hagelschützen die Disposition. Meistens könne man ein bis zwei Tage im Voraus beurteilen, ob es zur Bildung von «Superzellen mit Hagelpotenzial» kommen könne.

Unterschiedliche Meinungen bestehen dazu, ob das Silberjodid nicht zielgenauer mit einem Flugzeug in die Gewitterwolken abgegeben werden kann als mit Raketen. So operiert im Schwarzwald ein Verein mit zwei Flugzeugen. 2006 ging dort ein verheerendes Gewitter nieder. Über 100 Menschen wurden verletzt. Ein Bürgermeister erinnerte sich an einen «Bombenhagel aus Eis». Seit 2006 sei es in der Region nicht mehr zu einem vergleichbaren Unwetter gekommen. Die Hagelflieger leiten daraus ihre Daseinsberechtigung ab. (wal)

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