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Gross und stark statt umweltfreundlich

Beim Auto achten Berner nicht auf die Umwelt, obwohl Umfragen etwas anderes zeigen. Energieeffizienz ist jedenfalls kein Thema. Denn der Anteil durstiger Neuwagen steigt deutlich.

Von ganz gut bis schlecht: Die Energieeffizienz beim Skoda Octavia.
Von ganz gut bis schlecht: Die Energieeffizienz beim Skoda Octavia.
zvg/Amag/Skoda

Der Skoda Octavia war 2018 das meistverkaufte Auto in der Schweiz. Wie umweltfreundlich er ist, zeigt jedoch erst ein Blick unter die Motorhaube. Das Modell kann A-klassig, aber auch G-klassig sein, je nach Motor und Antriebsart. Das Etikett G erhält die schlechteste Energie-Effizienzklasse, das gilt beispielsweise für die meisten Porsches.

Für Bernerinnen und Berner ist diese Klassierung trotz der laufenden Klimadebatte ziemlich unwichtig. Jedenfalls werden im Vergleich zu 2012 markant mehr Autos mit schlechter Energieeffizienz in Verkehr gesetzt. Umgekehrt werden immer weniger Autos mit A- oder B-Etikett verkauft. Am extremsten ist die Diskrepanz in der Kategorie 4x4: 2018 wurden acht Mal weniger Autos der Klasse B in Verkehr gesetzt als 2012, dafür fünf Mal mehr Autos der Klasse G (vergleiche Grafik unten).

Diese Zahlen stehen in grobem Widerspruch zur jährlich durchgeführten Umfrage zu den Kaufkriterien des Beratungsunternehmens EBP (PDF). Dort wird als wichtigstes Kriterium der Verbrauch und schon an dritter Stelle der Kohlendioxid-Ausstoss angegeben, beides für die Umwelt relevante Parameter.

Kaufkraft und Dieselgate

Fachleute sehen mehrere Gründe für diese Entwicklung: Bernerinnen und Berner verhalten sich dem Schweizer Trend entsprechend und kaufen lieber ein Topmodell mit grossem Motor und entsprechend schlechterer Umweltbilanz.

Verschärft hat die Tendenz der Niedergang des Dieselmotors. Seit dem Skandal um gefälschte Abgaswerte – auch als Dieselgate bezeichnet – ist Diesel als Treibstoff verpönt, was sich in schlechteren Statistikwerten niederschlägt. Denn Dieselmotoren stossen weniger Kohlendioxid aus als Benzinmotoren. So erklärt sich auch das kantonale Strassenverkehrsamt die Zahlen. Beim Autokauf, ergänzt das Bundesamts für Energie (BFE), schwingten zudem Emotionen mit, was im Fachjargon ausgedrückt zu «kognitiver Dissonanz» führt. In einfachen Worten gesagt, macht sich der Kunde also etwas vor: Er sagt etwas anderes, als er tut.

Beim Autoverkauf verfehlt das Effizienzetikett demnach seine Wirkung – im Unterschied zu den Elektrogeräten. Steht die Anschaffung eines Kühlschranks an, zählt das Label etwas.

Inverkehrssetzungen im Kanton Bern pro Energieeffizienzklasse
Inverkehrssetzungen im Kanton Bern pro Energieeffizienzklasse

Kein Wunder ist das Effizienzetikett in Fachkreisen nicht unumstritten, zum Beispiel beim Branchenverband Auto-Schweiz. Das BFE hingegen findet das Instrument weiterhin sinnvoll. Der Kunde wisse so, dass ein Auto mit dem Etikett A in seiner Klasse am besten abschneide. Die Einstufung erfolgt dynamisch, will heissen, dass die Anforderungen mit dem technischen Fortschritt immer strenger ausfallen. Ein Modell kann also im Erscheinungsjahr A-klassig sein und dann langsam abrutschen.

Unter dem Strich wird die Autoflotte dank diesem Mechanismus im Prinzip trotz des wenig umweltbewussten Verhaltens der Käufer umweltfreundlicher. Relativiert wird diese Entwicklung aber gleich wieder, weil die Einstufung für Kleinwagen, Mittelklasse- oder Oberklasse-Autos jeweils separat erfolgt. Die Tendenz zu immer schwereren Autos neutralisiert die Verbesserungen.

Besonders viele Autos mit grossen Motoren gibt es in Gsteig im Berner Oberland. Dort machen sie fast ein Drittel des Wagenparks aus. Eine Erklärung dazu mag die Strassensituation im Hügelland sein. Ebenso wahrscheinlich ist aber ein Zusammenhang mit den Präferenzen und der Kaufkraft der Bevölkerung – denn auch in Muri bei Bern ist der Anteil grosser Autos hoch. Zehn Mal tiefer als in Gsteig und fast sechs Mal tiefer als in Muri liegt übrigens der Anteil in Kirchenthurnen im Gürbetal.

Politik tut sich schwer

Als Folge des «kognitiv dissonanten» Kaufverhaltens rechnet das BFE damit, dass der Kohlendioxid-Ausstoss der Neuwagen-Flotte in der Schweiz nach jahrelanger Abnahme wieder ansteigt. Die Entwicklung läuft also den politischen Zielen, die Klimaerwärmung zu beschränken, zuwider. Der Verkehr verursacht knapp ein Drittel des Klimagases Kohlendioxid, Tendenz steigend. Dennoch tut sie sich die Politik schwer mit Gegenmassnahmen.

Die Autobranche verhält sich derweil der Nachfrage entsprechend, wie Martin Winder vom Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) beobachtet: «Die Importeure werben nicht unbedingt mit Energieeffizienz.» Zusammen mit dem vergleichsweise billigen Treibstoff fehle damit auch in Bern ganz einfach der Anreiz, ein umweltfreundliches Auto anzuschaffen. Etwas tut sich immerhin: Statt das Effizienzlabel einfach abzuschaffen, will es Auto-Schweiz nun gemeinsam mit dem VCS und dem BFE weiterentwickeln.

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