«Gewalttätige Frauen sind ein riesiges Tabu»

Die therapeutische Arbeit in Gefängnissen werde schwieriger, sagt Leena Hässig, langjährige Rechtspsychologin.

«Die Vereinsamung kann zu unheilvollen Taten führen»: Leena Hässig.

«Die Vereinsamung kann zu unheilvollen Taten führen»: Leena Hässig. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Hässig, wie viele Personen haben Sie in Hindelbank und auf dem Thorberg therapiert?
Ungefähr 300 Frauen und 100 Männer.

Die meisten mit Erfolg?
Von den Menschen, mit denen ich es zu tun hatte, ist nur eine Frau mit schwerem Delikt rückfällig geworden – mit Ausnahme der Drogenabhängigen. Im Übrigen hängt der Erfolg im Strafvollzug nie von nur einer Person ab. Da ich stets für die psychotherapeutische Behandlung von Mörderinnen und Totschlägerinnen zuständig war, wuchs mein Interesse für gewalttätige Frauen. Ich wollte die Motive für ihre Gewalt­taten verstehen.

In den Achtzigerjahren haben Sie die RAF-Terroristin Gabriele ­Tiedemann im Badezimmer ­therapiert. Wo wird im Normalfall therapiert in Hindelbank?
Frau Tiedemann war eine von zwei Terroristinnen, die in Hindelbank im Hochsicherheitstrakt einsassen. Sie war zehn Jahre lang bei mir in der Therapie. Es war ein aussergewöhnliches Therapiesetting und den damaligen Verhältnissen angepasst: Ich sass zwischen WC und Dusche und sie zwischen der Badewanne und dem WC.

Warum dieses Ambiente?
Das Badezimmer war nebst der Zelle der einzige Ort im Hochsicherheitstrakt, der nicht von Kameras überwacht wurde. Die Zelle kam dafür nicht infrage, da sie als Privatsphäre gilt.

Gab es keine Therapieräume?
Im Unterschied zu heute gab es damals keine Therapieräume. Ich arbeitete in der Regel in der Bibliothek. Ich war eine der ersten Psychotherapeutinnen, die in Hindelbank tätig waren. Zu Beginn der Achtzigerjahre gab es dort kein therapeutisches Fachpersonal, sondern nur Nonnen, die für den Gesundheitsdienst zuständig waren. Die Räume, in denen die Therapie stattfand, mussten einfach fluchtsicher sein, weil das Therapiepersonal nicht zusätzlich Sicherheitsaufgaben übernehmen darf.

Sie hatten nie Angst, dass Ihnen eine Klientin Gewalt antut?
Manchmal. Zu Beginn meiner Tätigkeit kam einmal eine Frau mit einem Schlagring an den Händen in die Therapie. Ich fragte sie, was sie damit bezwecke. Sie entschuldigte sich und sagte, sie habe über Mittag jemanden verprügeln müssen. Mich wolle sie aber nicht verprügeln. Im Männergefängnis sagte mir einmal mein Bauchgefühl, dass ich einem Insassen nicht mehr alleine gegenübersitzen sollte. Später hat sich heraus­gestellt, dass er mich in der Therapie gerne hätte abstechen wollen.

Warum denn?
Weil wir nicht dasselbe Frauenbild hatten. Im Regionalgefängnis Bern musste ich mich einmal unter dem Tisch verstecken, bis die Sicherheitsleute kamen, da ein psychisch kranker Insasse ausgerastet ist.

Zurzeit gibt es null Toleranz gegenüber psychisch kranken Straftätern. Wie geht man in der Therapie mit Menschen um, die gemeinhin als «Monster» betrachtet werden?
Die Gewalttäter müssen lernen, mit ihrer Tat zu leben. Die Tat liegt ja auf dem Tisch. Davon muss man ausgehen, ohne sie zu bagatellisieren.

«Wir sollen aus schwarzen Schafen weisse machen.»Leena Hässig

Aber die Leute kommen ja nicht freiwillig, sondern wurden zu einer Massnahme mit Therapie verurteilt.
Beim heute sehr häufigen Massnahmenvollzug nach Artikel 59 des Strafgesetzbuches hängt es vom Therapie-Erfolg ab, ob es Vollzugslockerungen gibt. Diese Leute kommen daher «freiwillig». Man verlässt dabei das Schuldstrafrecht und kommt mehr und mehr zum Präventivstrafrecht. Durch die Erfassung der Persönlichkeit dieser Täter erhofft man sich, die Rückfallgefahr zu minimieren und möglichst viel Sicherheit für die Gesellschaft zu finden.

Ist das eine Illusion?
Es gibt zumindest viele Haken dabei. Wir haben den Auftrag, aus schwarzen Schafen weisse zu machen. Dabei sind wir alle gefleckte Schäfchen. Das Gefährdungspotenzial der Straftäter soll kleiner werden als das der «normalen» Bevölkerung. Ich wünschte mir eine Reduktion dieser hohen Sicherheitsansprüche. Es gibt keine Garantie, dass es nicht zu Gewalttaten kommt.

Gerichte verordnen heute ­Massnahmen, da sie sich scheuen, Verwahrungen auszusprechen. Werden da nicht Leute zu psychisch kranken Straftätern erklärt, die gesund sind?
Diese Gefahr besteht. Nach Gesetz können nur Personen mit einer Störung zu einer Massnahme verurteilt werden. Es gibt aber in der Tat grausame Delikte, die nicht von psychisch gestörten Straftätern verübt wurden. Als Therapeut sollte man sich nicht durch die Grausamkeit des Deliktes dazu verleiten lassen, eine psychische Störung a priori anzunehmen.

Wie hoch ist denn der Anteil von Personen im Massnahmenvollzug, die nicht psychisch gestört sind?
Das kann ich nicht beziffern. Das Problem ist, dass es in der Psychiatrie eine psychische Störung braucht, damit ein Behandlungsauftrag erfolgen kann. Es kann passieren, dass man diese in der Therapie dann nicht bestätigt sieht. In der Beurteilung der Kriminalität ist es wichtig zu sehen, dass Menschen grausame Taten begehen können, ohne ­psychisch krank zu sein.

Im Massnahmenvollzug kann es nur zu Lockerungen durch Gutachten kommen. Wer verfasst diese?
Das sind spezielle Gutachter. Die Therapeuten können die Person nicht auch noch begutachten. Sie berichten für die Gutachter über den Therapieverlauf.

«Als Therapeut sollte man sich nicht durch die Grausamkeit des Deliktes dazu verleiten lassen, eine psychische Störung a priori anzunehmen.»Leena Hässig

Da spielen Sie aber trotzdem eine nicht unbedeutende Rolle.
Mag sein, aber Therapie im Gefängnis ist ohnehin ein Balanceakt zwischen der Verpflichtung gegenüber der Justiz und der Verpflichtung gegenüber dem Klienten. Wie viel muss ein Therapeut im Gefängnis über das Funktionieren eines Klienten gegenüber der Justiz verraten?

Sind Sie nicht ohnehin verpflichtet, der Justiz alles offenzulegen?
Für einen Therapie-Erfolg braucht es Beziehung und Vertrauen. Um dieses Vertrauen zwischen Therapeut und Klient zu schaffen, braucht es eine «Blackbox», die für die Justiz nicht einsehbar ist. In den letzten Jahren gibt es die Tendenz, dass diese «Blackbox» verschwindet. Damit ist es aber auch schwieriger geworden, Therapie-Erfolge zu erzielen. Wenn mir jemand zum Beispiel von seinen Verstösse gegen die Hausordnung berichtet, teile ich das der Justiz unter Umständen nicht sofort mit, weil der Vertrauensaufbau zum Klienten im Moment wichtiger ist. Nur so kann ich ihn dann auch dazu bringen, dass er mir von tatvorbereitenden Gewaltfantasien erzählt, was ein Ziel der Therapie ist.

War das früher anders, als ­psychiatrische Gutachten noch nicht über Vollzugslockerungen entschieden?
Es war völlig anders. Ganz früher gab es nur den Pfarrer als Seelsorger. Als ich 1992 zum ersten Mal ins Regionalgefängnis Bern gehen wollte, hatte sich der Direktor dagegen gesträubt. Die Akzeptanz von Therapien im Gefängnis kam später. Den Grundstein für den vermehrten Einbezug von medizinischem und therapeutischem Personal legten die RAF-Terroristen. Sie verlangten, dass es im Gefängnis dieselben Versorgungsangebote gibt wie draussen auch.

Was halten Sie eigentlich vom ­Massnahmenvollzug?
Für gewisse Personen, zum Beispiel schizophrene Straftäter, kann eine Massnahme goldrichtig sein. Aus humanitären Gründen ist es wichtig, dass alle fünf Jahre die Therapienotwendigkeit überprüft wird. Die Gefahr ist aber gross, dass jemand wegen seiner Gefährlichkeit für immer drin bleibt, weil niemand der Verantwortlichen mehr ein ­Risiko eingehen will. Dabei ist «Gefährlichkeit» ein rein juristischer Begriff.

Das ist nachvollziehbar, wenn man an den Fall Adeline denkt, wo eine Therapeutin bei einem Freigang von einem Klienten ermordet wurde.
Das will ich nicht näher kommentieren, weil ich Adeline gekannt habe. Aber es war auch eine Personalfrage. Es war ja nicht vorgesehen, dass Adeline alleine mit dem Täter unterwegs sein sollte.

Nach dem Fall Adeline wurde ­einmal mehr der Ruf nach absoluter Sicherheit laut. Ist das eine Illusion?
Natürlich ist jedes Opfer eines zu viel. Aber nebst dem Mangel an Ressourcen spielt auch die hohe Fluktuation beim Personal eine grosse Rolle. Therapie im Strafvollzug gilt kaum als attraktiv. In der Regel halten es Therapeuten zwei bis fünf Jahre aus. Die Insassen aber bleiben. Ich kenne eine Frau, die in zehn Jahren 17 Therapeuten hatte. Wie soll da eine Vertrauensbasis entstehen können? Die Idee des Massnahmenvollzugs nach Artikel 59 wird dadurch untergraben.

«Junge Ersttäter sollten jegliche Art von Unterstützung erhalten, damit sie sich wieder integrieren können.»Leena Hässig

Was müsste getan werden?
Es braucht Professionalisierung. Mittlerweile gibt es etwa den Fachtitel Rechtspsychologie. Das ist ein erster Schritt. Zudem braucht es genug Supervision und Weiterbildung. Es braucht Investitionen in die Reputation des Berufes.

Im Fall Carlos beschädigten aber die Therapiekosten das Berufsimage.
Junge Ersttäter sollten jegliche Art von Unterstützung erhalten, damit sie sich wieder integrieren können. Es ist schade, dass im Fall Carlos die Finanzen das Hauptthema waren.

Kann Thaiboxen therapeutisch sein?
In jedem Männergefängnis gibt es das Angebot zum Krafttraining. Wer in seiner Impulskontrolle gestört ist, muss aber lernen, solche Störungen überhaupt wahrzunehmen.

Wie unterscheidet sich Frauen­gewalt von Männergewalt?
Gewalttätige Frauen sind ein riesiges Tabu. Bei der Gewalt nimmt die Anzahl der Täterinnen zwar nicht zu, aber gerade jüngere Frauen wenden extremere Formen von Gewalt an. Meist geht es um Opfertäterinnen, die so lange gedemütigt werden, bis sie zurückschlagen. 5 bis 20 Prozent der Gewalttaten werden von Frauen ausgeübt.

Warum werden Frauen gewalttätig?
Nebst den Opfertäterinnen gibt es die Vorteilstäterinnen. Diese töten, bildlich ausgedrückt, die Ehefrau des Liebhabers. Täterinnen mit grausamen Tötungsdelikten, wie etwa die Parkhausmörderin, sind eine grosse Ausnahme.

Frauen überfallen keine Banken.
Dem ist so. Frauen sind eher im Beziehungsumfeld delinquent und nicht im Rahmen von Räubergeschichten.

Ausser die RAF-Terroristin.
Das ist tatsächlich ein anderes Thema. Terrorismus war für die RAF strategische Kriegsführung.

Sie sagten einmal, Sie hätten als Kind Terroristin oder Bundesrätin werden wollen
In beiden Funktionen hofft man, etwas bewirken zu können.

«Vereinsamung kann zu unheilvollen Taten führen.»Leena Hässig

Als Therapeutin haben Sie auch Macht.
Man lernt den Umgang mit professionellen Werkzeugen, die Veränderungen möglich machen. Aber es braucht viel Selbstreflexion, um diese Macht nicht zu missbrauchen.

Ist die Versuchung zum Missbrauch grösser, seitdem Ihre Einschätzung beim Entscheid über Vollzugs­lockerungen eine Rolle spielt?
Es können sich sadistische oder masochistische Tendenzen in diese Arbeit einschleichen. Man kann die Strafe quasi verstärken und Straftäter härter anfassen wollen. Man kann aber auch den Täter als Opfer sehen.

Wo verorten Sie sich selber?
Ich bin zwischen diesen beiden Polen in Bewegung und habe ein Umfeld, das mir den Spiegel vorhält, wenn ich an einem Pol verharre.

Hatten Sie nie das Gefühl, sich mit Ihrer Einschätzung zu täuschen?
Man hat immer das Gefühl, man täusche sich nicht, und dann hat man sich manchmal doch getäuscht.

Sie arbeiten auch bei der Fachstelle Gewalt. Ist diese Klientel anders als diejenige im Gefängnis?
Ich bin überrascht, wie sehr sich die Thematiken ähneln.

Die einen wurden aber straffällig, die anderen nicht.
Beide verletzen Grenzen mit der Gewalttätigkeit. Im Rahmen der Gewalt scheint es oft Zufall zu sein, in welcher Gruppe eine Gewalttäterin landet.

Muss man bei der Therapie mit Frauen anders vorgehen?
Ich arbeite gerne mit Frauen. Die Arbeit mit Männern ist aber leichter. Frauen sind raffinierter. Man muss sie manchmal mit Tricks davon überzeugen, sich verändern zu wollen.

Gibt es wiederkehrende Muster bei den Ursachen von Gewalttätigkeit?
Die Vereinsamung kann zu unheilvollen Taten führen. Mit einem guten Kontaktmanagement kann man Gewalt verhindern. Austausch verhindert bizarre Formen der Konfliktlösung.

Die gesammelten Samstagsinterviews unter www.samstagsinterviews.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 05.09.2015, 09:52 Uhr

Zur Person

Leena Hässig

Die 58-jährige Leena Hässig Ramming hat Psychologie, Strafrecht und Strafprozessrecht studiert. Sie ist Mitbegründerin und Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtspsychologie. Hässig beendete per Ende August nach über 30 Jahren ihre Tätigkeit als Mitarbeiterin des Forensisch-Psychiatrischen Dienstes der Universität Bern. Sie ist in einer eigenen psychologischen Praxis in Bern tätig und präsidiert die Stiftung gegen Gewalt an Kindern und Frauen. (bob)

Artikel zum Thema

Austherapiert: Thorberg schliesst Abteilung

Schwer gestörte Straftäter werden ab dem kommenden Sommer nicht mehr in der Strafanstalt Thorberg behandelt. Mehr...

Auf dem Thorberg stehen die Zellen leer

Doch kein Platzmangel? Plätze für therapierbare Straftäter sind begehrt. In der Therapieabteilung der Berner Strafanstalt ist trotzdem jede fünfte Zelle verwaist. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

KulturStattBern Frisch gepresst #8 «HOT JAM 07»

Zum Runden Leder Frack und Zylinder

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Heisser Ritt: Im spanischen San Bartolomé reiten Pferdebesitzer ihre Tiere durch loderndes Feuer. Diese 500 Jahre alte Tradition soll die Pferde reinigen und im neuen Jahr beschützen. (18. Januar 2018)
(Bild: Juan Medina) Mehr...