Getrieben von der Angst um die eigenen Kinder

Hintergrund

Mirjam Schranz erkrankte nach der Geburt ihres zweiten Kindes an einer postnatalen Depression. Für Frauen wie sie gibt es ausserhalb der Psychiatrie kaum dauerhafte Hilfe. Sich dort einzuweisen, kam für die Mutter aber nicht infrage.

Mirjam Schranz hat ihr Lachen wieder gefunden. In den Tagen nach der Geburt erlebte sie aber den grossen Schock.

Mirjam Schranz hat ihr Lachen wieder gefunden. In den Tagen nach der Geburt erlebte sie aber den grossen Schock.

(Bild: Adrian Moser)

Es dauerte nur ein paar Sekunden. Einen flüchtigen Augenblick. Danach geschah es nie wieder. Doch noch heute, eineinhalb Jahre später, erinnert sich Mirjam Schranz genau an diesen Moment. Es passierte am dritten Tag nach der Geburt ihres Kindes. Beim Wickeln. Mirjam Schranz drückte ihren Sohn liebevoll an sich und sah gleichzeitig vor ihrem inneren Auge, wie sie ihn im zweiten Stock aus dem Fenster fallen liess. Die junge Mutter war perplex, überrascht, durcheinander. Sie hatte bereits einmal ein Kind geboren. Ihre Tochter. Doch solche inneren Bilder waren ihr völlig fremd.

Dieses innere Bild liess sie nicht mehr los. Wie sollte sie auch wissen, dass dieses Bild der Anfang einer Krankheit war? Zwei Wochen nach der Geburt diagnostizierte ihr der Gynäkologe eine postnatale Depression. Zur Abklärung geschickt hatte sie die Hebamme. «Nie, wirklich nie, hätte ich daran gedacht, dass mir so etwas passieren könnte», sagt Mirjam Schranz. Sie, ihr Mann und ihre Tochter – die drei waren eine glückliche Familie. Mirjam Schranz war nach der Geburt des ersten Kindes zu Hause geblieben, legte ihren Beruf auf Eis. Die Schwangerschaft mit dem zweiten Kind verlief komplikationslos, ebenso die Geburt. Der neugeborene Sohn, der sich als pflegeleichtes Kind entpuppte, hätte das Glück vollkommen gemacht.

Alles wird noch schlimmer

Mirjam Schranz begann eine Therapie, nahm Medikamente, doch besser wurde es trotzdem nicht – sondern schlimmer.

Sie, die diplomierte Sozialpädagogin, fürchtete, dass ihr beim Baden der Kinder eines ertrinken würde. Sie, die ihre Diplomarbeit zum Thema «Frühverwahrlosung» von Kindern schrieb, war getrieben von der Angst, dass ihre Kinder ob des Zustands ihrer Mutter Schaden nähmen. Sie, die als Sozialpädagogin miterlebt hatte, wie und vor allem aus welchen Gründen Kinder den Eltern weggenommen wurden, fürchtete, dass ihr dasselbe geschehen würde – und wandte sich in ihrer Not deshalb an keine Stelle, «die auch nur einen halboffiziellen Eindruck machte». Ihr Zustand brachte sie um den Schlaf. Diese innere Leere, diese unendliche Traurigkeit, dieses Bedürfnis, in eine dunkle Höhle zu gehen, diese totale Erschöpfung: Sie dachte immer wieder daran, diesem Leben ein Ende zu setzen.

Als sie nach einer durchwachten Nacht am Morgen alles um sich herum in Rot getaucht sah, organisierte sie via Therapeutin ihre eigene Einweisung – nicht in eine psychiatrische Klinik, wie die Therapeutin vorgeschlagen hatte, sondern auf die Geburtenabteilung im Spital Riggisberg. Mit der Einweisung ist Schranz eine Ausnahme: Lediglich ein Drittel aller Frauen mit postpartaler Depression suchen professionelle Unterstützung. Dies ergab eine Studie an der Universität von Toronto. Im Kanton Bern erkranken jährlich 1500 Frauen an einer postnatalen Depression – schweizweit sind 12'000 Frauen jährlich betroffen. Nicht alle Frauen erkranken so schwer, dass ein stationärer Aufenthalt nötig wird.

Die Hemmschwelle, sich in einer solchen Situation Hilfe zu suchen, ist gross, weil die Krankheit nach wie vor ein Tabu ist und weil oft die direkte Einweisung in die Psychiatrie folgt, wenn ein stationärer Aufenthalt zum Thema wird. Dies geht auch aus einem Bericht des Bundesrates über den «Gesundheitszustand und die Betreuungssituation der Wöchnerinnen in der Schweiz» hervor, der 2009 erschienen ist. Darin wird festgehalten, dass schweizweit «ein Mangel an zeitgemässen Versorgungsleistungen für Wöchnerinnen in psychosozialen Krisen oder mit postnataler Depression besteht, um eine Trennung von Mutter und Kind zu vermeiden. Oft bleibt diesen Wöchnerinnen momentan nur der Weg in die Psychiatrie.»

Kein Eintritt in die Psychiatrie

Für Mirjam Schranz ist klar, dass sie sich gegen eine Einweisung in die Psychiatrie mit Händen und Füssen gewehrt hätte: «Ich wusste, dass ich in Riggisberg geeignete psychiatrische Therapieangebote habe und die Betreuung meines Kindes gewährleistet wird, da ich diese Verantwortung nicht mehr übernehmen konnte. In die psychiatrische Klinik hätte ich getrennt von meinem Kind eintreten müssen», sagt Mirjam Schranz.

Dies bestätigt Mario Renz, der ärztliche Direktor des Psychiatriezentrums Münsingen. Man behandle zurzeit nur wenige Frauen mit der Diagnose postnatale Depression stationär, im vergangenen Jahr verzeichnete die Klinik drei Fälle. Der wesentliche Grund dafür sieht Renz im fehlenden Angebot für Mutter und Kind. Die Mütter verzichten deshalb auf eine stationäre Behandlung oder benutzen eines der Kriseninterventionsangebote, die aber keine längere Behandlung ersetzen. «Fakt ist, dass wir relativ häufig depressive Frauen behandeln, die früher einmal eine postpartale Depression erlebt hatten und heute erneut depressiv sind», so Renz.

Die drohende Chronifizierung der Krankheit ist – nebst den Auswirkungen der Krankheit auf die Mutter-Kind-Bindung und die Entwicklung des Kindes – denn auch ein Grund, weshalb Frauen mit einer schwereren postnatalen Depression über längere Zeit professionelle Hilfe brauchen und eine Krisenintervention alleine oft nicht genügt. Das Angebot an stationären Mutter-Kind-Angeboten im Kanton Bern ist allerdings beschränkt beziehungsweise in erster Linie zur Krisenintervention gedacht. Die wenigen Mutter-Kind-Plätze sind in der Regel ausgebucht, zudem sind diese gerade bei einer postnatalen Depression nicht in jedem Fall geeignet.

«Bei Institutionen, die Mutter-Kind Plätze anbieten, geht man davon aus, dass eine Mutter ihr Kind weitgehend selber betreuen kann. Doch gerade Mütter mit einer schweren postnatalen Depression können dies kaum mehr gewährleisten. In einem Akutspital sind solche Frauen vorübergehend eigentlich besser aufgehoben, weil man sich dort um ihr Kind kümmern kann», sagt Karin Pfister, Leiterin des Ambulatoriums Biel der Privatklinik Wyss.

Vorbild Bezirksspital Affoltern

Schweizweites Vorzeigemodell diesbezüglich ist das Bezirksspital Affoltern am Albis. Hier werden Frauen mit einer postnatalen Depression in den Mutter-Kind-Zimmern der Frauenklinik des Spitals über Wochen hinweg behandelt. Zudem werden auch Frauen aufgenommen, die sich nach der Geburt sonst in einer Krise befinden. Nebst den Mutter-Kind-Zimmern hat das Spital eine eigene Mutter-Kind-Abteilung. Daneben können die Frauen auch ältere Kinder mitnehmen, das Spital hat ein eigenes Betreuungsangebot. Die Wartefrist für einen Mutter-Kind-Platz kann allerdings mehrere Wochen betragen.

Zehn Wochen verbrachte Mirjam Schranz in Riggisberg. In der Therapie wurde nicht die Depression alleine behandelt, sondern auch die Auswirkungen der Krankheit auf das Muttersein.Für Thomas Ihde, Chefarzt der Psychiatrischen Dienste Interlaken, ist dies ein zentraler Bestandteil in der Therapie psychisch kranker Frauen oder Männer, die auch Eltern sind. «Oft geht bei Behandlungen vergessen, welche Auswirkungen die psychische Krankheit auf das Elternsein hat.» In Interlaken will man deshalb den Bereich der Familienpsychiatrie im ambulanten Bereich künftig stärken. «Hier haben wir ein Versorgungsdefizit», sagt Ihde.

Bei der Spitalgruppe Frutigen-Meiringen-Interlaken war der stationäre Aufenthalt von Frauen mit postnataler Depression auf der Geburtshilfeabteilung bis vor sechs Jahren «relativ unkompliziert», wie Ihde sagt. Seit auf der Geburtshilfe der FMI aber ein enormer Kostendruck laste, sei dies nicht mehr so einfach. Müsse eine Mutter über längere Zeit stationär behandelt werden und dies vielleicht noch in einem anderen Kanton, habe man ein Problem: «Eine Mutter bringt man fast nicht weg von zu Hause, vor allem wenn sie schon ältere Kinder hat.» Auch deshalb wolle man den ambulanten Bereich stärken.

Das Allerwichtigste für Mirjam Schranz während ihres stationären Aufenthalts war nebst der Therapie das fürsorgliche Umfeld im Spital, die Betreuung durch Hebammen, die sich mit der Thematik auskannten. «Hier wusste ich mein Kind in fachlichen Händen, hier konnte ich mich mit anderen Frauen, die auch Probleme hatten, austauschen.»Ihr Umfeld, sagt Mirjam Schranz, habe sie in dieser Zeit nicht hängen gelassen. Seit einem halben Jahr ist sie jetzt symptomfrei. Heute geht es ihr gut. Selbst wenn wohl niemand wirklich verstanden habe, was mit ihr geschah. «Es sah doch gegen aussen alles so gut aus bei uns. Eine postnatale Depression passt halt nicht ins Bild der glücklichen Mutter.»

Der Bund

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