Geschichten aus dem Lotterbett

2012 schmiedeten EVP, CVP, GLP und BDP in der Stadt Bern ein breites Mitte-Bündnis. Nun ist es auf Eis gelegt. Die GLP Kanton Bern übt derweil einen besonderen Spagat.

Ein Bild aus besseren Tagen: 2012 spannten die städtischen Mitte-Parteien noch zusammen (v.l. Wertli, CVP; Stürmer, EVP; Grosjean, GLP; Kohli, BDP; Nause, CVP).

Ein Bild aus besseren Tagen: 2012 spannten die städtischen Mitte-Parteien noch zusammen (v.l. Wertli, CVP; Stürmer, EVP; Grosjean, GLP; Kohli, BDP; Nause, CVP).

(Bild: Manu Friederich)

Christoph Lenz@lenzchristoph

Wahlen sind für Parteien primär eine Gelegenheit, sich dem Volk von der besten Seite zu zeigen. Zugleich stellen sie aber auch eine Form von Partnerbörse dar – nämlich durch die Möglichkeit von Listenverbindungen. Sie geben Antworten auf Fragen wie: Welche Parteien fühlen sich zueinander hingezogen? Wer legt sich mit wem ins sprichwörtliche Lotterbett? Und wer zeigt wem die kalte Schulter? Am Montag veröffentlichte die Staatskanzlei des Kantons Bern die Listenverbindungen für die Grossrats-Wahlen vom 30. März. Und siehe da: Erstens ist eine junge und vor kurzem noch innige Liebe bereits wieder erkaltet, zweitens erweist sich eine Trendpartei mit vermeintlich klarem Profil als eher anspruchslos bei der Brautwahl.

Im Wahlkreis Bern fällt auf: Im Sommer 2012 präsentierten die Stadtberner Sektionen BDP, CVP, EVP und GLP ihr neues Bündnis. Es sollte der bis dahin zersprengten Mitte im Konzert der Grossen (RGM und Bürgerliche) endlich und nachhaltig eine wahrnehmbare Stimme verleihen – und, en passant, den Gemeinderatssitz von Reto Nause (CVP) sichern. Beides gelang. Doch nur 18 Monate später gehen die Parteien wieder getrennte Wege. Einzig die Juniorpartner, CVP und EVP, wollen ihre Stimmen bündeln. Hinter vorgehaltener Hand spotten Stadtpolitiker, dass das Mitte-Bündnis nun endgültig als «Reto-Nause-Wahlclub» entlarvt sei.

«Ein extrem heisser Tanz»

Dem widersprechen Vertreter der beteiligten Parteien. «Wir sind überzeugt, dass dieses Bündnis eine Zukunft hat – auf städtischer Ebene», sagt Kurt Hirsbrunner, Präsident der BDP Stadt Bern. Der kantonale BDP-Vorstand habe aber schon vor geraumer Zeit beschlossen, dass im gesamten Kanton keine Listenverbindungen abgeschlossen würden. «Wo BDP draufsteht, soll auch BDP drin sein. Dazu stehen wir», so Hirsbrunner.

Auch die Stadtberner CVP hat ihre eigenen Interessen vor jene des Bündnisses gestellt: «Wir mussten für die Grossrats-Wahlen in den Überlebensmodus schalten», erklärt Sektionspräsident Daniel Wyss. Was heisst das? Die CVP will unbedingt ihren einzigen Sitz im Kantonsparlament verteidigen. Das Wahlsystem bevorteilt die grösseren Partner bei Listenverbindungen. «Ein Verbund mit der GLP wäre rechnerisch ein extrem heisser Tanz für uns», sagt Wyss.

Unheilige GLP-Wahlpakte?

Die GLP bringt derweil in der Stadt Bern eine erwartete Listenverbindung mit ihrer unlängst gegründeten Jungpartei und ergänzt das Bündnis durch die erstmals antretende Liste für die Trennung von Staat und Kirche. Kein Wunder, schliesslich haben sich die Grünliberalen zuletzt im Grossen Rat durch starken Widerstand gegen die kantonalen Pfarrerlöhne profiliert.

Kein Wunder? Vielleicht doch. Wer den Blick über die Stadtgrenzen hinauswirft, stellt fest: In sieben von neun Wahlkreisen macht die GLP gemeinsame Sache mit Parteien, die ihre Politik massgeblich an der Lehre des Christentums ausrichten. Konkret: EVP und EDU. Eine laizistisch-christliche Allianz?

Wie also hat es die GLP mit den Religiösen? Ausschlaggebend für die Wahlbündnisse seien «rein mathematische Überlegungen» gewesen, sagt GLP-Co-Präsidentin Franziska Schöni-Affolter. Das bernische Wahlsystem benachteilige kleine Parteien so stark, dass sie solche Verbindungen eingehen müssten.

Doch was ist, wenn GLP-Wähler Gewähr haben wollen, dass ihre Stimmen nicht christlich-konservativen Vertretern zufallen? «Diese Kröte müssen wir halt schlucken», sagt Schöni-Affolter. In der Stadt Bern sei dies nicht notwendig, da die GLP bereits genügend stark sei. Aber: Wer puristisch denke, habe in diesem Wahlsystem keine Chance, so Schöni-Affolter. «Die GLP will stärker und unabhängiger werden. Das geht nur, indem wir uns auf solche Zweckbündnisse einlassen.» Bereits in der laufenden Amtszeit versuchte die GLP, ein gerechteres Wahlverfahren durchzusetzen. Ohne Erfolg. «In der neuen Legislatur werden wir dieses Thema garantiert wieder aufs Tapet bringen», verspricht Schöni-Affolter.

Der Bund

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