Gemeinsam hätte Jura-Linke Chancen gehabt

Eine Einheitskandidatur von SP und autonomistischer PSA hätte die SVP besiegt. SP-Präsident Christian Levrat plädiert dafür, künftig die Jura-Frage auszuklammern.

Christophe Gagnebin (l.) und Maurane Riesen (r.) posieren für Fotos zu unserer Regierungsratskandidaten-Serie.

Christophe Gagnebin (l.) und Maurane Riesen (r.) posieren für Fotos zu unserer Regierungsratskandidaten-Serie. Bild: Franziska Rothenbuehler/Maurane Riesen

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Das Spiel war für Christophe Gagnebin gelaufen, als am Wahlsonntag die Ergebnisse aus dem Berner Jura vorlagen. Der SP-Herausforderer lag mit 3684 Stimmen weit hinter SVP-Amtsinhaber Pierre Alain Schnegg (5572 Stimmen). Damit war klar: Gagnebin hatte seine Chance verspielt, einen Rückstand im ganzen Kanton mit einem Vorsprung im Berner Jura aufzuholen. Die Wahlformel für den Jura-Sitz gewichtet das Resultat im Berner Jura fast gleich wie jenes im Kanton.

Ein anderes Bild hätte sich ergeben, wenn es statt zweier linker Kandidaturen der SP und der autonomistischen PSA nur eine linke Kandidatur gegen Schnegg für den Jura-Sitz gegeben hätte. Addiert man die Stimmen von Gagnebin und der PSA-Kandidatin Maurane Riesen im Berner Jura, dann hätte eine fiktive linke Einheitskandidatur hier 7114 Stimmen gemacht. Mit der für den Jura-Sitz entscheidenden Formel des geometrischen Mittels wäre die fiktive linke Einheitskandidatur dann knapp vor Schnegg gelandet (siehe Text rechts).

Zugegeben: Solche Berechnungen sind anfechtbar. So sind jene Wahlzettel nicht berücksichtigt, auf denen sowohl Gagnebin wie Riesen stand. Zudem sind Modelle nach dem Muster «was wäre gewesen, wenn» stets müssig. Offensichtlich ist aber, dass eine linke Einheitskandidatur sehr viel bessere Wahlchancen für den Jura-Sitz gehabt hätte. «Einverstanden», sagt die kantonale SP-Präsidentin Ursula Marti zu dieser Schlussfolgerung, «bien sûr», meint PSA-Präsident Valentin Zuber. Zuber wirft Marti jedoch vor, sie habe kein Interesse gezeigt. Für Marti war die Zeit für eine Einheitskandidatur im Jahr der Moutier-Abstimmung 2017 schlicht nicht reif. SP-Spitze: Arbeitgruppe geplant

Darüber gewundert hat man sich auch in der Sendung «Forum des médias» des Westschweizer Radios am Wahlsonntag. «Hat die Linke den Verstand verloren?» war die Frage. Sie bezog sich neben dem Berner Jura auf den Streit zwischen SP und Grünen bei den Freiburger Wahlen.

Die Misserfolge bei den Berner und Freiburger Regierungswahlen beschäftigen auch den schweizerischen SP-Präsidenten Christian Levrat. In Freiburg handle es sich «um eine momentane Verstimmung» zwischen SP und Grünen, die sich wieder beheben lasse, so Levrat. Anders im Berner Jura. «Da geht es nicht um konjunkturelle Streitereien, sondern um tief greifende Differenzen in der Jura-Frage.» Levrat muss es wissen. Sowohl die bernische SP wie auch der projurassische PSA sind Mitglied der SP Schweiz. Levrat hat in den letzten zehn Jahren schon diverse Male vermittelt. SP und PSA seien sich zu 90 Prozent einig – aber der Rest ist die Jura-Frage, die sie entzweit. «Man müsste sich darauf einigen können, dass man die Jura-Frage ausklammert», sagt Levrat, «dann wären gemeinsame Kandidaturen möglich».

Doch die Hoffnung, dass die Jura-Frage nach dem Volksentscheid für den Kantonswechsel in Moutier geklärt sein würde, war umsonst. Die Rekurse wegen angeblicher Abstimmungsunregelmässigkeiten könnten die Justiz lange beschäftigen. Die bernische SP-Präsidentin Marti will dies nicht abwarten. «Es ist der Plan der Parteileitung, eine Arbeitsgruppe zu gründen, um Wege für eine Zusammenarbeit zu suchen», sagt sie. Noch seien die Parteigremien nicht darüber informiert und auch nicht der PSA, der «sicher angefragt würde». Man wolle den Prozess «lieber langsam und dafür sorgfältig in Gang bringen». Erwünscht sei die Teilnahme «von Persönlichkeiten der SP Schweiz, die vermitteln können».

PSA-Präsident Zuber reagiert positiv. «Ich setze mich sofort an jeden Tisch, um gemeinsame Perspektiven zu besprechen.» In vier Jahren werde es nur noch eine SP-Sektion im Berner Jura geben, meint Zuber. Allerdings nur, «falls der Wechsel von Moutier in den Kanton Jura dann vollzogen ist». «Wir befürworten den Dialog», sagt Hervé Gullotti, wiedergewählter SP-Grossrat und Mitglied des Leitungsgremiums der Sektion Parti Socialiste du Jura bernois. Bedingung sei, dass der PSA den Berner Jura als spezifische Region des Kantons Bern anerkenne. Das Gespräch zwischen SP und PSA wird also auch ein Jura-Dialog. (Der Bund)

Erstellt: 27.03.2018, 06:44 Uhr

Linke Jura-Einheitskandidatur hätte knapp gewonnen

SVP-Amtsinhaber Pierre Alain Schnegg besiegte SP-Herausforderer Christophe Gagnebin klar. Schnegg distanzierte Gagnebin im Berner Jura (knapp 2000 Stimmen mehr) wie im ganzen Kanton (gut 21 000 Stimmen mehr) deutlich. Dies auch deshalb, weil es mit Maurane Riesen (PSA) eine linke Konkurrenzkandidatur zu Gagnebin gab.

Wie hätte eine gemeinsame Kandidatur von SP und PSA abgeschnitten? Zählt man die Stimmen von Gagnebin und Riesen zusammen, dann liegt das – fiktive – gemeinsame Wahlergebnis im Berner Jura wie auch im Kanton über jenem von Schnegg. Allerdings ist dies keine realistische Annahme. Es ist fraglich, ob eine Einheitskandidatur SP/PSA im deutschsprachigen Kantonsteil mehr Stimmen gemacht hätte als Gagnebin.

Im Berner Jura kann allerdings davon ausgegangen werden, dass wegen der Differenzen in der Jura-Frage nur wenige Gagnebin und Riesen auf dieselbe Liste setzten. Für die Modellrechnung zu einer fiktiven linken Einheitskandidatur wurden deshalb die Stimmen von Gagnebin und Riesen im Berner Jura zusammengezählt. Für den ganzen Kanton wurde das Ergebnis von Gagnebin genommen – plus die Stimmen aus dem Berner Jura von Riesen, die das Total erhöhen.

Für den Jura-Sitz gilt die Wahlformel des geometrischen Mittels. Das Wahlergebnis im Berner Jura wird mit jenem des ganzen Kantons multipliziert (und dann die Wurzel daraus gezogen). Für die fiktive linke Einheitskandidatur ergibt dies: 7114 Stimmen im Berner Jura (Gagnebin und Riesen) mal 79 215 Stimmen im Kanton (Gagnebin plus Jura-Stimmen von Riesen). Das geometrische Mittel betrüge 23 738 – knapp mehr als jenes von Schnegg (23'254).

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