Geht es auch ohne Umfahrung?

Für den Gemeindepräsidenten gibt es keine sinnvolle Alternative zur Umfahrungsstrasse, welche Aarwangen entlasten soll – für den grünen Kritiker sehr wohl. Ein Ortstermin.

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Aarwangen, 4419 Einwohner, ist unbestreitbar ein verkehrsgeplagtes Dorf. Früher war das anders. «Das Dorf Aarwangen verdankt seine Entstehung der günstigen Verkehrslage», steht auf der Internetseite der Gemeinde. Konkret: der Brücke über die Aare. Das Wahrzeichen von Aarwangen, das stattliche Schloss, diente einst deren Schutz.

Braucht es die Umfahrung Aarwangen? Gemeindepräsident Kurt Bläuacker und VCS-Vorstand Fredy Lindegger sind sich uneinig. (Video: rot/gbl)

Beim Ortstermin, einem Freitag kurz vor Mittag, reisst die Verkehrslawine selten ab: Autos, Lastwagen und zwischendurch die Regionalbahn, liebevoll Bipper Lisi genannt. Viele der Fahrzeuge kommen von oder fahren zur Aarebrücke – auf dem Weg Richtung Langenthal oder zur Autobahn A 1. Die Hauptstrasse wirkt eng, auch wegen der Schienen an der Seite, die Trottoirs sind schmal.

«Berner Modell» als Alternative?

Am 21. Mai stimmt das Volk im Kanton Bern über den Projektierungskredit für die Verkehrssanierung von Aarwangen ab. Kernstück ist eine eigentlich kurze Umfahrungsstrasse, die aber wegen einer neuen Hochbrücke über die Aare und ihr Tal sowie eines Tunnels teuer ist. Geschätzte Kosten des Sanierungspakets: 136 Millionen Franken.

Für Gemeindepräsident Kurt Bläuenstein (FDP) ist klar: «Es braucht die Umfahrung.» Bis zu 16'000 Fahrzeuge, darunter 3000 Lastwagen, sowie die Regionalbahn würden sich an einem Werktag «durch den Flaschenhals Aarwangen zwängen». Da bleibe kein Platz für den Langsamverkehr.

Die schlechte Situation für Fussgänger und Velofahrer ist auch für Fredy Lindegger das Hauptproblem. Doch der Vorstand der Regionalgruppe Oberaargau-Emmental des VCS, der das Referendum gegen die Umfahrung ergriffen hat, setzt auf das «Berner Modell» als Alternative: eine Sanierung der Ortsdurchfahrt, wie sie zum Beispiel auch an der viel stärker befahrenen Seftigenstrasse in Wabern realisiert wurde.

Diese Option hat der Kanton für Aarwangen auch geprüft. Mit geschätzten Kosten von 44 Millionen Franken ist sie erheblich günstiger – und sie schnitt in der Fachbewertung gut ab.

Die Idee: Die Bahn soll neu in beiden Richtungen auf der Strasse fahren – und sich diese mit Autos und Lastwagen teilen. Der Verkehrsfluss würde mit Ampeln gesteuert und verstetigt. «So kann man an den Strassenseiten Raum gewinnen, etwa für Velostreifen», sagt Lindegger. Raum gewänne man auch in der Mitte – etwa für Fussgängerinseln zwecks sicherer Überquerung der Strasse.

Zum Teil würde dies auch mit der Umfahrung realisiert, als flankierende Massnahme, um den Ortsverkehr zu beruhigen – aber nur im Zentrum. Die Alternative sieht vor, dieses Regime im grössten Teil des Orts einzuführen.

Woher und wohin fahren LKW?

Bläuenstein bestreitet nicht, dass eine Sanierung nach «Berner Modell» möglich wäre. «Aber nur mit der Umfahrung bringen wir den Schwerverkehr aus dem Dorf.» Für Lindegger dagegen gehören «sehr viele der Lastwagen schon heute schlicht nicht auf die Strecke durch Aarwangen». Er zeigt auf die Lastwagen mit ausländischen Kennzeichen.

«Da ist wieder einer, hier kommt der Nächste.» Es sind tatsächlich viele. «Diese LKW-Fahrer kürzen den Autobahnbogen bei Härkingen ab.» Damit würden sie Staus vermeiden sowie Kilometer und damit LSVA-Abgaben sparen. Man müsse, fordert Lindegger, auf der ganzen Abkürzungsstrecke «die Fahrt für Lastwagen unattraktiver machen». Für Bläuenstein steht der Lieferverkehr für die Industrie in Langenthal und Umgebung im Vordergrund.

Die Umfahrung soll ihn ums Dorf lenken – aber auch den Verkehrsanschluss verbessern. «Darauf ist vor allem die Wirtschaft im Oberaargau angewiesen», sagt er. «Früher nannte man die Umfahrung deshalb Wirtschaftsstrasse oder Autobahnzubringer.»

Ampel mit Verkehrspatrouille

Beim Schulzentrum Aarwangen steht, so Bläuenstein, «die einzige Ampel in der Schweiz mit Elternpatrouille». Jetzt, über Mittag, ist keine Patrouille da. Die wenigen Jugendlichen, welche die Strasse überqueren wollen, warten brav, bis die Ampel grünes Licht gibt.

Besser einsichtig ist, dass beim alten Schulhaus im Zentrum Patrouillen nötig sind, um Unfälle zu vermeiden. Klar ist, dass beide Sanierungsvarianten die Lage für Fussgänger verbessern.

«Ohne Umfahrung bleiben aber das Verkehrsaufkommen und der Schwerverkehrsanteil in Aarwangen sehr hoch, und sie werden noch weiter steigen», sagt Bläuenstein. Gerade mit einer Umfahrung werde der Verkehr insgesamt stärker wachsen und sich in andere Ortschaften im Oberaargau verlagern, entgegnet Lindegger. «Wir sind nicht bereit, so viel Geld und Land herzugeben, um noch mehr Verkehr zu ermöglichen.» (Der Bund)

Erstellt: 18.04.2017, 07:37 Uhr

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Gute Noten für Umfahrungsalternative

In den Fachbewertungen des Kantons schnitt die Alternativlösung zur Umfahrungsstrasse gut ab.

«Wir stimmen am 21. Mai nur über die Umfahrung ab», betont der Gemeindepräsident von Aarwangen, Kurt Bläuenstein. «Bei einem Nein stünden wir wieder bei null.» Umfahrungsgegner Fredy Lindegger von der Regionalgruppe des VCS bezeichnet dies als «verzerrte Darstellung».

Bis 2015 habe der Kanton zwei Varianten der Verkehrssanierung gleichwertig geplant: die Umfahrung und eine Sanierung auf der bestehenden Strasse. «Nach einem Nein kann man die Alternative aus der Schublade nehmen und realisieren.» Der Zeitverlust betrage «höchstens anderthalb Jahre». Die Alternative sei zudem kostengünstiger und lasse sich rascher umsetzen.

Der Kanton hat in der Tat bis Herbst 2015 zwei Varianten planerisch vorbereitet, die Umfahrung (Kosten: 136 Millionen Franken) und die Alternative mit dem wenig attraktiven Verwaltungsnamen «Variante Null plus» (Kosten: 44 Millionen Franken). Letztere sieht Verbesserungen im bestehenden Strassenraum gemäss dem «Berner Modell» vor, das in vielen Ortschaften im Kanton realisiert wurde.

Alternative «per Saldo» besser

Der Kanton hat 2015 sowohl die Umfahrung als auch die Alternative «Null plus» vom renommierten Planungsbüro Ernst Basler + Partner bewerten lassen. Das Fazit der Experten: «Die Variante ‹Null plus› zeigt per Saldo einen grösseren Nutzen als die Variante Umfahrung.» Dies gelte insbesondere, wenn man die viel höheren Kosten der Umfahrung einbeziehe. «Die Variante ‹Null plus› weist im Verhältnis zwischen Nutzenpunkten und Kosten das bessere Ergebnis auf.» Einzig unter dem Aspekt des volkswirtschaftlichen Nutzens ist die Umfahrungsstrasse laut den Experten die bessere Lösung.

Der Regierungsrat unter der Federführung von Verkehrsdirektorin Barbara Egger (SP) und der Grosse Rat haben dennoch auf die Variante Umfahrung gesetzt. Ausschlaggebend war das Resultat der öffentlichen Mitwirkung. Über 80 Prozent der Eingaben von Verbänden, Parteien und Privaten im Oberaargau waren für die Umfahrung.

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