«Gehen da die Arbeiter denken?»

Die Ask Force über die «chambre de réflexion» und die Denkkörner der Menschlichkeit.

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Herr O. hat viel nachgedacht – über Denkfabriken – und kann die Frage, wie eine solche Produktionsstätte denn funktioniert, für sich nicht zufriedenstellend beantworten, weshalb er sich an uns wendet – wir nehmen an vertrauensvoll. «Gehen da die Arbeiter von 8 bis 12 Uhr und 14 bis 18 Uhr denken? Wird das Denken in der Mittagspause und nach Arbeitsschluss abgestellt? Was passiert, wenn jemand Überstunden macht und zu viel denkt?»

Denkfabriken sind gemeinhin neueren Datums, und es wäre irreführend, wenn wir uns diese Fabriken mit rauchenden Schloten, die das Umland verpesten, und ratternden Maschinen, die schlecht bezahlte Kinderarbeiter verstümmeln, vorstellten. Bereits Grimms Wörterbuch führt aber das Wort Gedankenfabrik auf, weil Goethe dichtete: «Zwar ists mit der Gedankenfabrik / Wie mit einem Weber-Meisterstück / Wo ein Tritt tausend Fäden regt / Die Schifflein herüber hinüber schiessen / Die Fäden ungesehen fliessen / Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.» Fabrikmässig wiederum sei etwas zu nennen, das unfrei und eintönig behandelt werde, heisst es im Wörterbuch ausserdem.

Die Antworten der Ask-Force werden nie fabrikmässig oder industriell hergestellt, sondern entstehen in einem natürlichen und einmaligen Reifeprozess nach allen Regeln der Denkkunst. Wir verstehen uns – ähnlich wie der Ständerat – als Denkkammer, als «chambre de réflexion». Eine Denkkammer oder eine Denkstube ist denn auch viel heimeliger als so eine Denkfabrik, die einfach auf Bestellung irgendwelche Dutzendware absondert. In diesen Denkfabriken passiert es eigentlich nie, dass jemand zu viel denkt. Es kann weiter vorkommen, dass diese sogenannten Gedankenarbeiter grösste Mühe damit haben, das Denken in die richtigen Bahnen zu lenken. Andererseits ist ?es eine Irrlehre, dass das Denken abgestellt werden könnte, weder ?in der Mittagspause noch nach Arbeitsschluss.

Am ehesten lässt sich so eine Fabrik mit einer Mühle vergleichen, in der die Denkkörner der Menschheit bis zur Unkenntlichkeit zermahlen und zermalmt werden. Die Aufgabe der Arbeiter in diesem Vermüllerungsprozess ist es, die Mühlsteine aus Glimmerschiefer in Gang zu halten. Die einen treiben die Steine mit ihren Händen an, die anderen durch angestrengtes Meditieren – und die dritten machen Verbesserungsvorschläge. Denken gehen alle übrigens sehr selten, meistens gehen sie spazieren oder nach Hause. Wenn sie nach den vielen Mahlgängen noch gehen können.

Beim Denken kann die Ask-Force im Gegensatz zu einer Denkfabrik immer noch ein Brikett nachlegen ?– askforce@derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 27.03.2017, 07:10 Uhr

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