«Für die wichtigen Dinge muss das Tennis weichen»

Eine Karriere als Tennisprofi ist der Gymnasiastin Anne-Christine Leu zu langweilig. Lieber setzt sie auf Kopfarbeit in China.

Nächste Station für Anne-Christine Leu sind die USA.

Nächste Station für Anne-Christine Leu sind die USA.

(Bild: Boris Gygax)

Anne-Christine Leu sagt Sachen wie: «Ich spüre meinen Körper besser als meinen Geist.» Oder: «Interpretieren ist nicht meins.» Sie habe gerne klare Antworten: Ja. Nein. Richtig. Falsch. Oder sie sagt Dinge über sich wie: «Ich kommandiere nicht gerne. Vielleicht, weil ich bisher im Leben nicht so dazu gekommen bin.»

Was nach der Selbsteinschätzung von jemandem ab 40 klingt, ist diejenige einer 17-jährigen Gymnasiastin. Mit geradem Rücken sitzt Leu in der riesigen Lobby des Everbright Exhibition Centre in Shanghai, mitten im bisher «grössten Abenteuer meines Lebens», wie sie sagt.

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Das Abenteuer heisst World Youth Economic Forum – das Weltjugendwirtschaftsforum. Mit ihrer Familie schon viel gereist, hat sich Leu ohne Zögern angemeldet. Über 700 Jugendliche aus 11 Ländern analysieren und diskutieren in China die aktuellen Weltprobleme, um dann Lösungen zu präsentieren – auf Englisch. Sie habe das als «Riesenmöglichkeit» gesehen, eine ihr fremde Kultur kennen zu lernen. «Der Austausch mit Chinesen reizte mich.» Sie gälten als fleissig und ehrgeizig, «ich wollte sehen, ob das stimmt».

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Das Interesse für Wirtschaft wurde ihr in die Wiege gelegt, wie Leu sagt. Ihr Vater ist Professor für Volkswirtschaft. Sie möge jedoch Betriebswirtschaft lieber. Kein «Ungefähr», kein «Ja, aber . . .», eindeutige Antworten eben. Durch ihre Familie geprägt ist auch Leus zweite grosse Leidenschaft: das Tennisspielen. Leu ist die Jüngste der sechsköpfigen Familie, in der alle Tennis spielen. Seit dem dritten Lebensjahr schlägt auch Leu gelbe Filzbälle. Beide Interessen hat sie auf ihrem Bildungsweg kombiniert. Sie ist in der Sportklasse des Gymnasiums Neufeld und wählte den Schwerpunkt Wirtschaft und Recht.

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Im Sport erfüllte sie alle Voraussetzungen, um Profi zu werden. Sie hat früh angefangen und sich mit ihren älteren Geschwistern gemessen. Mit 13 Jahren fokussierte sie sich dann stärker auf das Training und stand fünf bis sieben Mal pro Woche auf dem Platz. Dies tut sie noch heute. Sie freue sich zu 90 Prozent auf das Training, doch sie brauche immer wieder Pausen, damit sich die Freude am Sport wieder entwickeln könne.

Die Disziplin zahlt sich aus: «Ich war noch nie verletzt.» Ihre Probleme hatte sie im mentalen Bereich. Sie trainierte gut, in den Spielen konnte sie jedoch nicht überzeugen – und verlor während eineinhalb Jahren praktisch jede Partie. Bis sie sich einen Mentaltrainer zulegte: «Im letzten halben Jahr verlor ich nur noch drei Spiele.» Sie sei jetzt unter den Top 15 der Schweiz in ihrer Alterskategorie, bei den Frauen unter den Top 200.

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Leu denkt einen Moment nach und sagt dann: «Trotzdem will ich und wollte ich nie Profi werden.» Eine Tenniskarriere, das habe sie immer gespürt, würde sie zu wenig erfüllen. Zu viel körperliche Anstrengung, zu wenig Kopfarbeit. «Langweilig.»

«Ich kommandiere nicht gerne. Vielleicht, weil ich bisher nicht so dazu gekommen bin.»

Und so sitzt sie nun mit Chinesen zusammen und versucht, auf die Probleme dieser Welt Antworten zu finden. «Für die wichtigen Dinge im Leben muss das Tennis weichen.» Gegenüber dem Forum in China zeigt sie sich etwas ernüchtert. Mit ihren Berner Schulkollegen habe sie sich im Vorfeld gefragt, «ob wir mithalten können».

Die Ansprüche, welche Leu an die Kopfarbeit hat, vermögen die etwas jüngeren Chinesen aber nicht zu erfüllen. «Sie können weniger gut Englisch, bringen fragwürdige Vorschläge und sind sehr von sich überzeugt.» Trotzdem sei es eine tolle Erfahrung. Nicht jeder habe die Möglichkeit, sich mit Schülern anderer Nationen auszutauschen.

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Leus nächster internationaler Austausch steht bereits bevor. Sie hat ein Sportstipendium an der University of Louisiana Monroe in den Vereinigten Staaten ergattert. In einem Jahr wird sie 14 bis 18 Stunden pro Woche Tennis trainieren und nebenbei Wirtschaft studieren.

Ob für ein Zwischenjahr oder für das vierjährige Bachelor-Studium, weiss sie noch nicht. Auf die Frage, ob ihr der Schritt ins Ausland Sorgen macht, gibt sie – natürlich – eine klare Antwort: «Nein. Ich würde schon morgen gehen, wenn ich könnte.»

Der Bund

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