«Frauen tippten die Flugblätter, Männer formulierten sie»

Brigitte Studer erklärt, was 1968 den Frauen alles brachte – und warum es #MeToo heute trotzdem braucht.

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Frau Studer, wo waren Sie 1968?
Ich war zwölf, dreizehn Jahre alt. Ich war das erste Jahr im Gymnasium, in einer katholischen Mädchenschule in Freiburg. Wir durften 1968 noch keine Hosen anziehen, erst danach. Von den 68er-Protesten haben wir noch nicht viel mitbekommen, erst zwei Jahre später, als junge Männer Flugblätter gegen den Vietnam-Krieg verteilten. Und wir hörten natürlich Jimmy Hendrix, Joan Baez, Janis Joplin.

Dann sind Sie eine Alt-68er-Professorin?
Ich gehöre zu jenen, die in der dritten Phase der «68er-Jahre» politisiert wurden. Die erste Phase, also zwischen 1964 und 1968, war eine Zeit, als alles möglich schien. 1968 ist der Moment der Eruption, der Katharsis – die zweite Phase. Danach, in der dritten Phase, wurde versucht, nicht nur die Gesellschaft, sondern auch den Alltag zu verändern. Die vierte Phase war eine Phase des Rückflusses, sie umfasst die Zeit zwischen dem Ende der 1970er- und dem Anfang der 1980er-Jahre: Damals wurden die utopischen Hoffnungen der 68er-Bewegung als solche erkannt, als Utopien also.

Rechte kritisieren heute gern, an den Unis seien lauter Alt-68er-Professoren tätig, gerade in Geschichte. Deshalb seien die Universitäten so links.
Meine Erfahrung ist, dass die Mehrheit der Kollegen und Kolleginnen moderat rechts oder moderat links ist. Dass die Geistes- und Sozialwissenschaften generell links geworden sind, bestreite ich. Sicher ist 68 nicht nur eine Bewegung, die Aktivistinnen und Aktivisten hervorgebracht hat, sondern tief in die Gesellschaft eingedrungen ist und sie verändert hat. Das trifft auch auf die Wissenschaft zu. Wurden historische Verhältnisse zuvor nur beschrieben, ist die Geschichtswissenschaft zu einem analytischen, kritischen Denken übergangen: Bestehende Verhältnisse werden nicht mehr als gegeben betrachtet. Man versteht historische Prozesse als Ergebnis von Macht und Interessen.

So dachte man vor 1968 nicht?
Diese kritische Auseinandersetzung mit Geschichte und der eigenen Gesellschaft gab es teils schon vorher, doch erst im Zuge von 68 wurde sie zum Standard der Wissenschaft. Ein Beispiel für diese Vorgeschichte ist die sogenannte Gulliver-Umfrage an der Expo 1964 in Lausanne. Dahinter stand eine Gruppe von Soziologen, die eine repräsentative Umfrage über das Leben der Schweizer durchgeführt hatte und diese Fragen auch den Besucherinnen und Besuchern der Expo stellen wollte. Das waren kritische Fragen zum nationalen Selbstverständnis wie: Kann ein guter Schweizer sein, wer erst um neun Uhr aufsteht? Der Bundesrat zensurierte den Fragebogen und liess etwa Fragen zum Schwangerschaftsabbruch und zur Neutralität nicht zu. Als das publik wurde, gab es heftige Diskussionen. Das, was 1968 angeprangert wurde, hatte sich bereits in den Jahren zuvor schon angekündigt. Es ging um die Wahrnehmung der Autorität der Behörden, der Kirche, der Schule, der Eltern und schliesslich um die Rolle der Geschlechter. 68 war also nicht nur ein Studentenprotest. Eine ganze bürgerliche Ordnung wurde infrage gestellt.

Was war denn entscheidend: dieser längerfristige Wertewandel – oder die Proteste der Bewegung?
Es brauchte beides. Die eruptive Phase war Ausdruck einer Frustration, einer seit längerem andauernden Konfrontation mit den herrschenden Verhältnissen. Ein anderes Beispiel: Die Pille kam schon 1962 auf den Markt. Zugänglich war sie aber zuerst nur für verheiratete Frauen. Und selbst dann weigerten sich Ärzte oft, sie zu verschreiben, wenn die Frauen nicht bereits zwei oder drei Kinder hatten.

Im Vergleich zu Deutschland und Frankreich blieb es in der Schweiz aber ruhig.
Es gab Ereignisse. Etwa die Besetzung des Lehrerseminars in Locarno im März 1968 im Kampf gegen das autoritäre Schulregime. Oder den Zürcher Globuskrawall im Juni. Und während der Proteste im Mai in Paris gab es in der Schweiz Solidaritätskundgebungen. Aber ja, insgesamt blieb es ruhiger als in Frankreich. Vor allem auf Seiten der Arbeiterschaft.

Wieso das?
Die Gruppen waren nicht weniger radikal, aber kleiner. Wegen der Konkordanzdemokratie war der Konsens im Land ausgeprägter, die Konfrontationsmöglichkeit geringer. Zudem: Die Stärke der dezentralen Schweiz, also ihre sprachliche und kulturelle Vielfalt, war für die sozialen Bewegungen ein Hindernis für einen breiten Protest. In der Deutschschweiz orientierten sich die Gruppen nach Deutschland, in der Westschweiz nach Frankreich, im Tessin nach Italien. Die Bewegungen blieben damit, landesweit gesehen, regional. Die Frauenbewegung hat sich erst Mitte der 1970er-Jahre national zusammengeschlossen. Vorher engagierten sich die Frauen in lokalen Gruppierungen, die aber dank eigenen Zeitschriften und Büchern und vor allem den Medien wahrgenommen wurden. Die Medien haben mit ihren Bildern und Berichten dazu beigetragen, das Selbstverständnis der Bewegung zu stärken.

Sie umfasste Kiffer genauso wie Marxisten. Kann man da überhaupt von einer Bewegung mit einem gemeinsamen Nenner reden?
Das ist eine schwierige Frage. Aber Marxisten und Kiffer – das ging ja oft zusammen. Der Antiautoritarismus war bei allen Gruppen zentral: Man wollte mehr Freiheit. Verbindend war sicher auch der Pazifismus. Und teilweise der Antikapitalismus.

Den 68ern wird heute vorgeworfen, sie seien verantwortlich für einen egoistischen Individualismus. Haben die Kiffer gewonnen?
Nein. Zentral für 1968 war zwar Autonomie, die Emanzipation der einzelnen Person. Aber es war immer auch ein Denken im Kollektiv. Die Kiffer kifften nicht allein. Es waren kollektive Ereignisse, denken Sie an Woodstock. Ein Hippie allein macht keinen Sinn. Das war bei den politischen Gruppen nicht anders.

Und was haben wir den 68ern tatsächlich zu verdanken?
68 brachte langfristige Veränderungen, die wichtig sind für die liberalen und kapitalistischen Gesellschaften von heute. Die politischen Machtverhältnisse veränderten sich zwar nicht entscheidend. Aber es existieren heute in Familie, Arbeitswelt, Schule und Armee flachere Hierarchien. Der Vater kann nicht mehr einfach bestimmen, ob die Tochter Hosen oder einen Jupe anziehen muss. Und auch das neue Eherecht von 1988 ist ein Effekt der 68er: Der Mann gilt nicht mehr wie bis dahin als Oberhaupt der Familie, es sind Mann und Frau. Und Frauen können selber entscheiden, ob sie berufstätig sein wollen oder nicht. Das war im alten Eherecht anders.

Manche Veteraninnen von 1968 sagen, sie hätten gelitten unter der Idee der «freien Liebe»: In Wahrheit seien die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau innerhalb der Bewegung die alten geblieben.
Die Gleichberechtigung der Geschlechter war keine ausdrückliche Forderung der Bewegung, aber sie passte zum Antiautoritarismus. Gleichwohl denke ich nicht, dass die Frauen unter die Räder kamen. Dank den 68ern wurden die Frauen als Personen mit gleichen Rechten und als sexuelle Individuen überhaupt wahrgenommen. Aber es fehlte die Reflexion darüber, dass Frauen bisher anders sozialisiert worden waren.

Das heisst?
Noch in den 1960er-Jahren wurden Frauen, die sexuelle Beziehungen hatten, stigmatisiert. Für sie bedeutete sexuelle Aktivität etwas anderes als für die Männer: Der Wert eines Manns stieg, jener der Frau sank. Die 68er haben zwar den Frauen sexuelle Freiheit zugestanden, aber auf der Basis männlicher Spielregeln. Und sie reproduzierten Stereotypen, obschon die Studentinnen ihre Rechte forderten: Frauen tippten die Flugblätter, Männer formulierten sie. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, was vorher war. Die sexuelle Befreiung hat vielen Frauen gedient.

Mussten die Frauen in der Bewegung ihre Position erkämpfen?
Reden ist das eine. Etwas anderes ist es, den eigenen Habitus zu ändern. Nicht nur den männlichen, auch den weiblichen. Zum Teil werden Frauen auch heute noch so erzogen, dass sie gefallen, dass sie nett sein müssen. Nett sein heisst, sich nicht mit jemandem konfrontieren. Solange Frauen es gewohnt sind, das zu akzeptieren, ändern sie ihren Habitus nicht.

Fünfzig Jahre nach 1968 zeigt die Me-Too-Debatte, dass sich an diesen Mechanismen nicht viel geändert hat.
Es ist nicht so, dass sich nichts geändert hat. Selbst Christoph Blocher hat in der NZZ kürzlich geschrieben, vielleicht wäre es ohne die 68er nicht so selbstverständlich gewesen, seiner Tochter die Führung der Ems-Werke anzuvertrauen. Bei Me Too geht es um sexuelle Belästigung, und das hat viel mit Machtverhältnissen zu tun. Weinstein nutzte seine Machtsituation bei Frauen, die Karriere machen wollten. Immerhin ist es heute möglich, über solche Dinge zu reden.

Wie heilsam ist eine solche Debatte noch, wenn der Mann pauschal als Aggressor am Pranger steht?
Die antifeministische Männerbewegung hat jetzt natürlich Stoff für Empörung erhalten. Ich finde die Debatte aber heilsam. Denn solche Machtverhältnisse existieren nicht nur in den Elitekreisen, sie sind auf allen Ebenen der Gesellschaft zu finden. Es geht um das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Angestellten, zwischen Chefs und Sekretärinnen. Sexuelle Belästigung ist ein Mittel, um Macht auszuüben. Auch dank 68 werden solche Evidenzen zur Debatte gestellt.

Ein Stockholmer Theaterleiter hat sich nach Verdächtigungen, übergriffig geworden zu sein, das Leben genommen. Es gab Kritik an der «Hetzjagd» in den Medien. Wo hört die Debatte auf, produktiv zu sein?
Bei jeder Debatte gibt es Trittbrettfahrer und Trittbrettfahrerinnen, die eine persönliche Rechnung begleichen wollen. Es ist schwierig zu sagen, wo genau hier die Linie verläuft. Lange war Vergewaltigung keine Straftat. Vor dem neuen Eherecht war sie in der Ehe legal. Wie viele Frauen haben Selbstmord begangen, weil sie als Opfer schuldig gesprochen worden sind? Man muss das alles ein wenig in der historischen Dimension sehen.

Das heisst: Nach so vielen toten Frauen verträgt es auch einen toten Mann?
Nein, das will ich eben nicht sagen. Genau das ist das Gefährliche an dieser Debatte. Aber: In der historischen Dimension geschieht mit #MeToo eine Korrektur. Wenn die Leute sagen, es sei alles so schrecklich moralisch, man dürfe nicht mehr sagen, was man denke – ich denke, das ist ein Vorwand. Ich finde es nicht gut, wenn jemand an den Pranger gestellt wird. Noch schlimmer fände ich es aber, wenn wir über Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft nicht mehr diskutieren würden.

Müsste sich die Geschichtswissenschaft stärker in derartige Debatten einschalten?
Forschende sollten möglichst verständlich schreiben, um sich besser Gehör zu verschaffen. Aber es gibt auch Debatten, die aus politischen Gründen lanciert werden, wie vor drei Jahren zum 500-Jahr-Jubiläum der Schlacht bei Marignano. Ich frage mich auch, ob die Öffentlichkeit überhaupt wissen will, was die Wissenschaft denkt. Gewisse Erkenntnisse sind eben unangenehm, weil die Geschichtswissenschaft populäre Ansichten hinterfragt. Wie das Beispiel von Philipp Sarasin in Zürich zeigt, werden Historiker, die sich klar in die politische Debatte einmischen, mitunter stark angefeindet.

Bei den Rechten ist Sarasin ein Feindbild. Sind die Historiker eben doch zu links?
Nein. Es wird suggeriert, Historiker könnten nicht zwischen politischer Meinung und Wissenschaft unterscheiden. Gerade die Universität Bern kannte einige Professoren, die zur SVP gehörten, etwa den Historiker Walther Hofer. Und daran hat sich niemand gestört. Historiker sind ja auch Bürger und haben ihre politische Meinung. Doch die Wissenschaft hat Regeln, jene der Lauterkeit, der Plausibilität, der Kontrollierbarkeit. Und das wiegt mehr als eine beliebige Meinung. Man kann einem Experten nicht vorwerfen, dass er sein Expertenwissen einbringt. Das ist absurd.

Also haben Sie, wenn Sie in der politischen Arena auf einen politischen Kontrahenten treffen, die besseren Argumente?
Ich denke schon. Geschichte ist eine Wissenschaft, die im Kollektiv entsteht: Es gibt einen Forschungsstand. Viele Historiker und Historikerinnen haben sich mit ihren Arbeiten daran beteiligt. Wenn ein Politiker etwas behauptet, das nicht mit dem Forschungsstand übereinstimmt oder den Quellen widerspricht, dann ist es völlig legitim, wenn die Forschenden sagen: Das ist falsch. Wer diesen Anspruch nicht akzeptiert, der glaubt auch nicht an die Wissenschaft. (Der Bund)

Erstellt: 26.05.2018, 08:05 Uhr

Brigitte Studer

Brigitte Studer, Jahrgang 1955, ist seit 1997 Professorin für Schweizer und Neuste Allgemeine Geschichte am Historischen Institut der Uni Bern. Sie publizierte zur Geschlechtergeschichte, zu den Schweizer Sozialwerken und zum internationalen Kommunismus.

Als erste Schweizer Forscherin hatte sie Ende der 1980er-Jahre Zutritt zum Archiv der Komintern, der Kommunistischen Internationalen, in Moskau. Studer ist Präsidentin des Wissenschaftlichen Ausschusses des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung der Uni Bern, sie hat 2001 das Zentrum mitgegründet. Im Januar 2020 wird sie pensioniert. Sie ist eine von derzeit elf Professoren am Historischen Institut.

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