Mahnungen zur Endrunde von Mühleberg

Die Nuklearsicherheitsbehörde ENSI stellt fünf Forderungen für den Betrieb des AKW-Mühleberg.

Das AKW-Mühleberg muss für seinen Betrieb bis 2019 fünf Forderungen des ENSI erfüllen.

Das AKW-Mühleberg muss für seinen Betrieb bis 2019 fünf Forderungen des ENSI erfüllen. Bild: Adrian Moser

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Falls die BKW ihr Atomkraftwerk Mühleberg wie geplant bis 2019 am Netz lassen will, dann muss sie «fünf Forderungen erfüllen». Dies teilte das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) gestern mit. Effektiv sind es mehr. Denn die BKW muss auch Forderungen aus einer früheren Ensi-Stellungnahme erfüllen, wie die Behörde auf Nachfrage bestätigte. Laut der Geschäftsliste des Ensi von Anfang Oktober waren dies rund zwanzig weitere Forderungen.

Das Dilemma mit der Notkühlung

Vier der jetzt publizierten Forderungen hat das Ensi schon im Januar aufgestellt. So muss die BKW Mühleberg zum Beispiel früher abschalten, falls die Risse im Kernmantel zu stark wachsen. Neu ist eine Forderung, die ein Dilemma der massiv abgespeckten Nachrüstungen für die letzten vier Betriebsjahre aufzeigt. Als Ersatz für ein vollwertiges Notkühlsystem, das von der Aare unabhängig ist, wurde einerseits Wasser von einem Hochreservoir zugeleitet. Andererseits wurden Anschlüsse montiert, damit Feuerwehrleute im Notfall Wasser in den Reaktor pumpen könnten. Doch die ebenfalls nötige neue Kühlwasserleitung im Innern des AKW könnte brechen. Dann droht eine Überflutung der vielen ?Sicherheitssysteme unten im Reaktor. Die BKW muss nun dafür sorgen, so die neue Forderung des Ensi, dass die Wasserleitung im AKW bei einem Rohrbruch automatisch abgeschaltet wird – dies könnte eine Überflutung verhindern, doch das heisst auch: Die zusätzliche Notkühlung kann gerade im Notfall ausfallen. Die BKW teilte gestern mit, sie werde die Forderungen «fristgerecht umsetzen» und so die Voraussetzungen für einen Betrieb bis «Ende 2019» erfüllen.

Kritik von der Kommission

Bemerkenswerter als die Forderungen des Ensi ist allerdings der kritische Bericht, den die zweite offizielle Instanz für AKW-Sicherheit im Vorfeld dazu verfasst hat: Die Eidgenössische Kommission für nukleare Sicherheit (KNS). Die KNS besteht seit einigen Jahren offiziell aus unabhängigen Fachleuten. Sie gilt keineswegs als grundsätzlich AKW-kritisch. Im Gegenteil. Ein Kritikpunkt an der KNS ist etwa, dass auch der Direktor des AKW Beznau Kommissionsmitglied ist. Bezüglich Mühleberg hielt die KNS fest, dass sie «insgesamt keinen Einwand» dagegen habe, dass das AKW noch bis 2019 betrieben werde. Sie fügte aber an, dass dies nur gelte, wenn die Forderungen des Ensi fristgerecht erfüllt würden – und die eigenen «Empfehlungen der KNS beachtet werden». Diese allerdings zeugen von erheblichen Bedenken für die letzten vier Jahre des Mühleberg-Betriebs. Zunächst nimmt die KNS die für Mühleberg neu ausgewiesenen tiefen Unfallwahrscheinlichkeiten für das AKW bloss «mit Vorbehalt zur Kenntnis». Denn: «Diese beruhen zum einen auf überarbeiteten, vom Ensi noch nicht umfassend überprüften Modellen und zum anderen nur auf Grobkonzepten für die vorgeschlagenen Massnahmen.» Zudem weist die KNS explizit «darauf hin, dass das KKW Mühleberg eines der weltweit ältesten in Betrieb stehenden Kernkraftwerke ist». Entsprechend könne man kaum auf Betriebserfahrungen in anderen AKW auf der Welt zurückgreifen.

Ungenügende Brandlöscher

Konkret mahnt die KNS in acht Empfehlungen, die teilweise alle AKW der Schweiz betreffen, strikte Kontrollen an. So müsse zum Beispiel präzis bestimmt werden, ob die neu installierten Löschsysteme, die Brände innerhalb des AKW verhindern sollen, auch unter Unfallbedingungen «funktionstauglich» wären. In der Tat hat eine Inspektion im Auftrag des Ensi dann gezeigt, dass die installierten Löschsysteme «nicht vollumfänglich den Anforderungen» entsprachen. Das Ensi hat laut eigenen Angaben die BKW aufgefordert, die festgestellten Abweichungen zu dokumentieren – eine Anweisung zur Reparatur jedoch fehlt in der Ensi-Stellungnahme. Das Ensi betont zwar, dass es die Empfehlungen der KNS «berücksichtigt» hat. Was dies konkret bedeutet, bleibt in der Ensi-Stellungnahme oft unklar. Nicht zuletzt, weil die Atomaufsicht in vielen Fällen bloss eine Berücksichtigung zu einem späteren Zeitpunkt in Aussicht stellt.

Weiter mahnt die KNS, dass das Sicherheitskonzept von Mühleberg in vielen Fällen ein Eingreifen der Reaktormannschaft erfordert, «was die Häufigkeit von Fehlhandlungen» erhöhe. Notfallanweisungen für die Mannschaft müssten deshalb «vollständig, unmissverständlich und auch unter erschwerten Bedingungen umsetzbar» sein. (Der Bund)

Erstellt: 05.12.2015, 10:08 Uhr

Abschaltung

Verfügung folgt

Die Atomaufsicht Ensi wollte ursprünglich nicht nur die Anforderungen für den Betrieb des AKW bis 2019 festlegen, sondern zugleich auch jene für die Ausserbetriebnahme und den sogenannten Nachbetrieb. Das ist jene – unvermeidliche – Phase, in der das AKW zwar keinen Strom mehr produziert, aber die Brennstäbe noch fünf Jahre lang abkühlen müssen, bevor sie aus dem AKW entfernt werden können. Das Ensi kündete gestern an, dass es den Nachbetrieb später in einer separaten Verfügung regeln wird. Die BKW erhofft sich von der Ensi-Verfügung zum Nachbetrieb klare Rahmenbedingungen für die Phase nach der Abschaltung. Dies auch deshalb, weil Differenzen zwischen der BKW und dem Bundesamt für Energie über die juristische Regelung der Stilllegung bestehen. Die Ensi-Verfügung wird bis zum Jahresende erwartet. Ebenso die überfällige Bestimmung der Erdbebengefahr durch das Ensi. Ohne diese bleiben die Sicherheitsberechnungen für die AKW in der Schweiz, auch die für Mühleberg, provisorisch. (st)

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