Flüchtlinge sollen rascher arbeiten können

Der Kanton Bern gilt nicht als Vorbild, was die Arbeitsintegration von Flüchtlingen betrifft.

Für viele Asylbewerber ist es schwer, eine Arbeit zu finden. Das erschwert die Integration der Flüchtlinge.

Für viele Asylbewerber ist es schwer, eine Arbeit zu finden. Das erschwert die Integration der Flüchtlinge. Bild: Laurent Gillieron/Keystone

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Weynshet Zemuy zieht die karierten Arbeitsjacken aus einem Behälter und stopft sie in die Waschmaschine. Es sind die Kleider jener Flüchtlinge, die in der Stadt Bern als Landschaftspfleger unterwegs sind, die Bernmobil-Busse oder die Waggons der SBB reinigen. Auch Zemuy arbeitet sozusagen für die Stadt Bern. Seit drei Jahren reinigt die Eritreerin das Betriebscenter, das zum Kompetenzzentrum Integration gehört, oder bietet Hand in der Wäscherei. Kürzlich habe sie endlich ihre Papiere erhalten. «Jetzt werde ich mich für ein Praktikum als Altenpflegerin bewerben», sagt sie. «Ich bin gesund und möchte unbedingt arbeiten.»

Damit auch andere Flüchtlinge möglichst schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden können, möchte die Stadt Bern ihre Anstrengungen verstärken. So plant sie etwa zusätzliche Arbeitsintegrationsprogramme. Dafür möchte sie mit den Unternehmen aus der Region zusammenarbeiten. Auch sollen die Flüchtlinge beim Deutschlernen gezielter gefördert sowie die Beratung verbessert werden, um Diplome aus den Herkunftsländern anerkennen zu lassen. Für die Massnahmen sollen 3,8 zusätzliche Stellen – befristet bis Ende 2019 – geschaffen werden. Dafür wird der Gemeinderat dem Stadtrat einen Kredit von 1,9 Millionen Franken beantragen.

Mehrheit von Sozialhilfe abhängig

Viele der rund 40 000 Asylsuchenden, die im vergangenen Jahr in die Schweiz eingereist seien, hätten unklare Perspektiven und keine Arbeit, sagte Sozialdirektorin Franziska Teuscher (GB) an der gestrigen Medienkonferenz. Rund 1500 von ihnen leben in der Stadt Bern. «Keine Arbeit zu haben, ist frustrierend und kann längerfristig gesundheitliche Probleme mit hohen Folgekosten verursachen.» Dass so wenige Personen aus dem Asylbereich erwerbstätig seien, führe leider auch zu sozialen Spannungen. Ziel sei es, die Leute rasch und nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren, um spätere Sozialhilfeabhängikeit zu verhindern oder zu reduzieren.

Sozialamtsleiter Felix Wolffers sagte, 80 Prozent der vorläufig Aufgenommenen würden früher oder später von der Sozialhilfe abhängig. Wenn Personen bereits in jungen Jahren und dann bis ins Rentenalter unterstützt werden müssten, ergäben sich Kosten von einer Million Franken. «Für die Integration sind Qualifizierungen heute das A und O», sagte Wolffers. Die Erwerbslosenquote für Personen ohne berufliche Qualifikation liege schweizweit bei über zehn Prozent. «Auf die zusätzlichen Stellensuchenden aus dem Asylbereich wartet kaum jemand.» Die bisherigen Programme und Massnahmen müssten so ergänzt werden, dass die Leute rascher sprachliche und berufliche Kompetenzen hätten. Dafür müssten auch die Angebote der Kompetenzzentren Integration und Arbeit besser verzahnt werden.

«Wir wollen Lücken schliessen, auch in Bezug auf das Potenzial der Flüchtlinge», sagte Ursula Heitz vom Kompetenzzentrum Integration. Viele Eritreer hätten keine Ausbildung, aber Berufserfahrung in gewissen Bereichen. «Wir müssen das Entwicklungspotenzial der Leute individuell anschauen.» Zudem sei es wichtig, die Arbeitgeber bei der Integration von Flüchtlingen zu unterstützen.

Solothurn machts vor

Stefan Frey von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe begrüsst die Initiative der Stadt Bern. «Das Risiko, dass Asylsuchende, Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene von der Sozialhilfe abhängig werden, wird dadurch verringert. Das ist im Interesse aller.» Insgesamt, gibt Frey zu bedenken, stehe der Kanton Bern vergleichsweise schlecht da, was den Arbeitsmarktzugang für Flüchtlinge betrifft. «Lange herrschte die Doktrin vor, die Situation für Flüchtlinge möglichst unattraktiv zu gestalten, damit sie wegbleiben.» Dabei sei die Realität ausgeblendet worden. Denn der Entscheid, ob jemand auf die Flucht gehe, hänge nicht damit zusammen, welche Bedingungen er oder sie im Zielland antreffe. «Die Gründe für eine Flucht liegen im Herkunftsland», sagt Frey.

Als Vorbild für die Arbeitsintegration von Flüchtlingen nennt er die Kantone Basel Stadt, Graubünden, Waadt oder Solothurn. Dort habe man eingesehen, dass es sich lohne, in junge Leute zu investieren, um letztlich die Kosten zu verringern. So habe etwa das Solothurner Regiomech ein Programm für junge Flüchtlinge etabliert, die ohne Eltern und Ausbildung in die Schweiz gekommen sind. Innerhalb eines Jahres werden sie «fit gemacht», um in Lehre und Berufsschule zu bestehen. (Der Bund)

Erstellt: 06.04.2016, 07:42 Uhr

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