«Flüchtlinge haben andere Sorgen als die Juden»

Der jüdische Historiker Daniel Gerson über linken Antisemitismus, rassistische Propaganda und gefährliche Verschwörungstheorien.

Der Historiker Daniel Gerson forscht am Institut für Judaistik der Universität Bern und ist Teil der Schweizer Delegation bei der International Holocaust Remembrance Alliance.

Der Historiker Daniel Gerson forscht am Institut für Judaistik der Universität Bern und ist Teil der Schweizer Delegation bei der International Holocaust Remembrance Alliance.

Herr Gerson, jüdische Organisationen fordern eine offizielle Gedenkstätte für die abgewiesenen Flüchtlinge in den Kriegsjahren. Unterstützen Sie diese Forderung?
In der föderalen Schweiz ist eine nationale Gedenkstätte problematisch. Wo soll diese stehen? Das Aussendepartement (EDA) hat Anfang 2018 den Diplomaten Carl Lutz, der an der Rettung von circa 60000 ungarischen Juden beteiligt war, mit einem ihm gewidmeten Saal im Bundeshaus gewürdigt. Das war eine sinnvolle Geste.

Sie mahnten einst, die öffentliche Erinnerung fokussiere zu stark auf die Opfer. Wie meinten Sie das?
Bei der Auseinandersetzung mit dem Holocaust finden Schilderungen des Leids grosse Beachtung. Im Gegensatz dazu verwendet man relativ wenig Zeit und Gedanken darauf, wie es überhaupt zu diesem Verbrechen gekommen ist. Dieses lässt sich erklären und ist nicht vom Himmel gefallen.

Es musste erst mit Propaganda die Stimmung erzeugt werden, damit Hitler und schliesslich die Vernichtung der Juden möglich wurden?
Ja, es geht aber nicht zuletzt um unsere christlich geprägte Kultur, die das Judentum und die Juden seit 2000 Jahren primär als etwas Negatives gesehen hat. Es geht im Holocaust aber auch um Habgier und Opportunismus.

Politiker werden manchmal dahingehend kritisiert, dass ihre Plakate und Äusserungen Ähnlichkeit mit nationalsozialistischer Propaganda der 1930er-Jahre hätten. Ist das legitim oder simple Verharmlosung?
Wenn ich etwa an das SVP-Plakat mit den weissen und schwarzen Schafen denke, ist der Hinweis auf gewisse Ähnlichkeiten gerechtfertigt – auch wenn die Situation natürlich nicht direkt vergleichbar ist. Ich halte es aber für wichtig, darauf hinzuweisen, wohin es führen kann, wenn mit Rassismus Politik betrieben wird.

Rechte Parteien versuchen teilweise, Juden im Kampf gegen ein strengeres Migrationsregime einzuspannen.
Die jüdischen Organisationen setzen sich für eine grosszügige Flüchtlingspolitik ein. Solche Versuche gibt es aber, und manchmal verfangen sie auch. So à la: Die Muslime sind unser gemeinsamer Feind. Das ist eine unhaltbare Vereinfachung der Realität. Zudem besteht die Gefahr, dass man Ausgrenzungsmechanismen legitimiert, die sich später auch gegen Juden wenden könnten.

Im Fokus des Diskurses stehen heute muslimische Migranten. Zu Recht?
Da findet eine Stigmatisierung statt. Untersuchungen zeigen, dass die radikal antisemitisch auftretenden Muslime in Deutschland in der Regel schon in der zweiten oder dritten Generationen dort leben. Das heisst, sie sind auch vom deutschen Kontext stark beeinflusst. Das Gleiche lässt sich auch für Frankreich sagen. Ich will das Problem aber nicht schönreden. Es gibt antisemitisch geprägte Propaganda gegen Israel in vielen Teilen der arabischen Welt. Die Flüchtlinge hingegen sind aus diesen Ländern geflohen und haben gesehen, dass dort keine Zukunft besteht. Und in Europa haben sie dann andere Sorgen als die Juden.

Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Situation mit Antisemitismus in der letzten Zeit verändert?
Einerseits ist er weniger salonfähig geworden. Anerkannte Parteien hüten sich davor, in den Verdacht zu geraten, Antisemitismus zu verbreiten. Zugleich sind aber erkennbare Juden auf der Strasse und im Internet offenbar vermehrt mit Aggressionen konfrontiert.

In letzter Zeit ist vermehrt auch vom linken Antisemitismus die Rede. Was hat es damit auf sich?
Es gibt eine antisemitisch geprägte Kapitalismuskritik, die sich einseitig auf den Finanzkapitalismus bezieht. Die wird auch gerne kombiniert mit Verschwörungstheorien, wonach eine kleine, meist jüdische Weltelite im Versteckten heimlich die Fäden zieht und die ganze Welt regiert. Häufig läuft aber der linke Antisemitismus über Israel, das dämonisiert und als Alleinschuldiger im Nahostkonflikt ausgemacht wird. Die Israel-Boykott-Bewegung BDS ist etwa eine Ausformung eines linken Antisemitismus. Die Bewegung ist sehr radikal und gut organisiert, mit dem Ziel, Israel umfassend zu diskreditieren. Was natürlich nicht heisst, dass Israel nicht kritisiert werden darf. Es gibt gute Gründe, den Ausbau der Siedlungen in den 1967 eroberten Gebieten abzulehnen.

Kommen also die neuen Feinde der Juden eher von links als von rechts?
Der rechte Antisemitismus wird zur Zeit durch die islamistischen Terroranschläge überschattet. Doch man darf sich nicht täuschen lassen. In Deutschland haben noch immer 90 Prozent aller antisemitischen Vorfälle einen rechtsextremen Hintergrund. Auch historisch war der rechte Antisemitismus dominant. Die linken Parteien haben sich während der Zeit des Holocaust generell stärker mit den Juden solidarisiert.

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