Fehlanreize bei der Spitex?

Freischaffende Pflegefachpersonen decken neben Spitex-Organisationen die ambulante Pflege ab. Nun prüft der Kanton Sparmöglichkeiten auf deren Buckel.

Medikamente richten und verabreichen gehört zu den Tätigkeiten von Spitex-Angestellten und freiberuflichen Pflegefachleuten.

Medikamente richten und verabreichen gehört zu den Tätigkeiten von Spitex-Angestellten und freiberuflichen Pflegefachleuten. Bild: Keystone

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Seit fünf Jahren ist Maria Ninck freiberuflich tätig, die diplomierte Pflegefachfrau pflegt im Westen der Stadt Bern Menschen in deren Zuhause, bestimmt etwa Blutzuckerwerte, versorgt Wunden, hilft bei der Körperpflege und klärt den Pflegebedarf ab samt den nötigen Formularen für den Hausarzt – genau so, wie es Spitex-Angestellte tun.

Maria Ninck ist eine von rund 260 freischaffenden Pflegefachpersonen im Kanton Bern. Diese ergänzen – manche sagen: konkurrenzieren – das Angebot der 50 öffentlichen und 40 privaten Spitex-Organisationen. Im Sommer gerieten die Freischaffenden in den Fokus des Kantonsparlaments, das die Frage stellte, ob sie weiterhin Kantonsgelder erhalten sollen. Im kommenden Jahr wird der Regierungsrat diese Frage vertieft abklären, so hat es das Parlament verlangt. Seither sind viele Freischaffende alarmiert: Für sie sei die Frage existenziell, denn allein mit den Beiträgen von Patienten und Krankenkassen kämen sie nicht über die Runden, betonen sie.

Gleich lange Spiesse?

Derzeit bezahlt der Kanton allen Anbietern, seien sie nun privat, öffentlich oder freischaffend, Beiträge für ihre spitalexternen Pflegeleistungen. Im Kantonsparlament kam Kritik an dieser Praxis auf, weil Einzelpersonen weniger Kosten für Infrastruktur und Administration hätten als Spitex-Organisationen. «Freischaffende müssen keine Dienstpläne erstellen und sich nicht um die Ausbildung kümmern», sagt etwa Elisabeth Striffeler (SP, Münsingen). Die Grossrätin betont, sie wolle die verschiedenen Anbieter nicht gegeneinander ausspielen, aber im Vergleich zu anderen Kantonen sei Bern grosszügig zu den Freischaffenden. Das berge die Gefahr, dass Spitex-Angestellte in die Selbstständigkeit abwanderten, sich auf attraktive Aufträge konzentrierten und so die öffentliche Spitex schwächten, die Aufträge nicht ablehnen könne. Bern weist von allen Kantonen die höchste Anzahl selbstständig tätiger Pflegefachpersonen auf.

Maria Ninck hat zuvor im Spital und im Pflegeheim gearbeitet und auch eine kleine private Spitexorganisation aufgebaut. Für sie ist klar: Mit der Möglichkeit der Selbstständigkeit schaffe man es, Fachleute im Beruf zu halten. Sie selbst hat sich vom Sprung in die Selbstständigkeit regelmässigere Arbeitszeiten erhofft. «Diese Hoffnung hat sich zwar nicht erfüllt, dafür schätze ich den direkteren Kontakt zu den Klienten, weil ich Aufträge von A bis Z selbst erledige und meine Fachkenntnisse sehr direkt einbringen kann.»

Auch andere Freiberufliche betonen, der Vorteil der Selbstständigkeit liege weniger im finanziellen Bereich als vielmehr in der hohen Arbeitszufriedenheit. In einem offenen Brief an den Regierungsrat schrieben Freischaffende, die in der ambulanten psychiatrischen Pflege tätig sind: «Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zur öffentlichen oder privaten Spitex, sondern als unverzichtbare Ergänzung.» Dem pflichtet Marcel Durst, Geschäftsführer des Verbands der privaten Spitex-Organisationen, bei: «Es gibt verschiedene Geschäftsmodelle, die sich gut ergänzen und für die Versorgungssicherheit notwendig sind.» Wie hoch allerdings der finanzielle Beitrag des Kantons sein solle, darüber könne man diskutieren: «Freischaffende haben auch administrativen Aufwand, aber jener einer Organisation ist um einiges höher», sagt Durst.

Es gäbe Probleme

«Ich kann nicht alle Aufträge annehmen, aber Rosinen picke ich nicht», sagt Ninck zu einem oft geäusserten Vorwurf an private und freischaffende Anbieter. Es komme vor, so Ninck, dass sie mit einer Spitex-Organisation zusammenarbeite, wenn sie einen Auftrag nicht allein abdecken könne. «Ausserdem sind wir Freischaffenden vernetzt und leiten Anfragen untereinander weiter, wenn wir sie nicht selber übernehmen können.»

Streiche man einzig den Freiberuflichen den Kantonsbeitrag, so widerspreche dies dem Grundsatz der Gleichbehandlung aller am Wettbewerb Beteiligten, hält Cornelia Klüver vom Berufsverband der Pflegefachleute SBK fest. Zu welchem Ergebnis der Regierungsrat kommt, wird sich erst nächstes Jahr zeigen, doch bereits im Kantonsparlament betonte Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg (SVP), dass es in bestimmten Regionen oder Fachgebieten Probleme gäbe, wenn man freischaffenden Pflegefachleuten den Kantonsbeitrag streichen würde. (Der Bund)

Erstellt: 07.11.2018, 06:47 Uhr

Beiträge aus drei Geldbeuteln

Die Kosten für die ambulante Pflege, wie sie die Spitex erbringt, werden auf verschiedene
Geldbeutel aufgeteilt:
Sowohl
die Krankenkassen als auch die Patienten übernehmen einen
Teil des Betrags. Für den Rest müssen die Kantone eine
Regelung finden.

Wie diese Aufteilung im Kanton Bern konkret aussieht, zeigte Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) im Kantonspar­lament anhand von Zahlen aus dem Jahr 2017:

An die öffentliche Spitex gingen pro geleistete Stunde im Schnitt 113 Franken, zusammengesetzt aus einem Krankenkassenbeitrag von 60 Franken, einem Patientenbeitrag von 2 Franken und einem Kantonsbeitrag von
51 Franken.

An die private Spitex gingen pro geleistete Stunde 96 Franken (Krankenkasse: 58 Franken, Patienten: 3 Franken, Kanton:
35 Franken).

An die Freischaffenden gingen pro geleistete Stunde 110 Franken (Krankenkasse: 69 Franken, Patienten: 1 Franken, Kanton: 40 Franken).

Für dieses Jahr werden die Zahlen allerdings anders aussehen, denn das Kantonsparlament hat die Patientenbeteiligung –
deren Ansätze sind bei allen Anbietern gleich hoch – auf den
1. April erhöht. Es hat diesen Beschluss im Rahmen von Sparmassnahmen gefällt und damit
die Kantonskasse um 13 Millionen Franken entlastet.

Da im Kantonsbeitrag für die öffentliche Spitex die Entschädigung für die Versorgungspflicht enthalten ist, werden sich ab nächstem Jahr auch dort die Zahlen ändern: Das Kantonsparlament hat diese Entschädigung um rund 6 Millionen Franken gekürzt. (bw)

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