Familienpflege im Exil

Wie die bernische CVP als kleine Mittepartei dank einem feinen Netzwerk in der Bundesstadt mitmischt. Blick in ein bestens organisiertes Milieu.

Bild: Orlando

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Restaurant Krone, wieder ist es Mittwoch, der erste im Monat. Wie immer treffen sie sich hier, in der unteren Altstadt in Bern, dem Exil, das längst ihr Zuhause ist. Es tagt der Stamm der CVP, die Parteiprominenz der Berner Sektion, dazu Amts- und Würdenträger. Die Gruppe trifft sich hinten im Säli, es ist ein illustrer Kreis, man ist unter sich. Auf der Mittagskarte steht Siedfleisch mit Rettich, und feinmaschig ist auch das Netzwerk, das die Szene pflegt. Es ist ein kleines Milieu mit starken Beziehungen.

Da ist etwa jene von Béatrice Wertli, Präsidentin der CVP im Kanton Bern, zu ihrem Ehemann Stefan Meierhans, Vorstandsmitglied der Stadtberner Parteisektion und seit mittlerweile zehn Jahren Preisüberwacher des Bundes. Da ist Walter Thurnherr, Parteimitglied seit eh und je, heute Bundeskanzler und früher Diplomat und Mitarbeiter von Alt-Bundesrat Flavio Cotti und als Generalsekretär bei den Departementen EDA, Uvek sowie dem damaligen EVD tätig. Da ist Toni Eder, seit 2015 Generalsekretär im Uvek – dem Departement von Noch-Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) – und der letzte verbliebene CVP-Parlamentarier in der Gemeinde Köniz. Und da ist der Stadtberner Gemeinderat Reto Nause, früher Generalsekretär der Partei, 2020 vor einer heiklen Wiederwahl und vielleicht, vielleicht bald ebenso in der Bundesverwaltung anzutreffen.

Es ist eine Nächstenpflege, die so gesehen sogar zur CVP als selbst ernannter Familienpartei passt. Im Stadtparlament sitzen die Geschwister Michael und Milena Daphinoff; die CVP Köniz präsidiert Valentin Lagger, seine Mutter Yvette sitzt im Vorstand, Vater Stefan war vier Jahre lang als Grossrat aktiv. Es gibt Kritiker, die sagen, wichtige Posten in der Bundesverwaltung hätten eine Zeit lang nur unter CVP-Leuten gewechselt. Man schob sich gegenseitig die Stühle unter den Hintern. Die abtretende Bundesrätin Doris Leuthard wohnt noch bis Ende Jahr in einer Wohnung im schicken Von-Wattenwyl-Haus in der Altstadt, über und neben Bundeskanzler Thurnherr und CVP-Nationalrat Martin Candinas.

Zum Vergrössern der Grafik draufklicken.

Wie auswärts mit dem Fussballclub

Bern, der Kanton, und Bern, die Stadt – das ist grundsätzlich Fremdland für die Christlichdemokratische Volkspartei. Was sich hier versammelt, ist ihre Diaspora. 2014 ist der Wähleranteil im Grossen Rat unter ein Prozent gefallen, 1994 hatte die CVP im Kantonsparlament noch drei Sitze, seit vier Jahren hat sie keinen mehr (siehe Grafik). 2011 verlor die Berner CVP auch ihren Sitz im Nationalrat. Während das Sittengemälde der traditionsreichen Stätten der Partei in der Innerschweiz vom grossen Niedergang erzählt, von einem halbierten Wähleranteil seit 1980 und von reihenweise verlorenen Parlamentsmandaten, sind in Bern die Verluste weniger dramatisch. Hier ist der Sturz nicht so hoch, der Aufprall nicht hart: weil in Bern die CVP gar nie auf dieser Flughöhe unterwegs war. Und doch klammert sich die Partei an ihre Sitze, hält Ämter, pflegt Kontakte.

Und die schrumpfende Szene ist in diesem Klüngel gar kein Nachteil. Es ist wie auf der Auswärtsfahrt mit dem Fussballclub: Sind wir weniger, achten wir besser aufeinander. «Es gibt kaum Konkurrenzkämpfe», sagt denn auch Norbert Hochreutener. Sein Ausscheiden aus dem Nationalrat war 2011 ein weiterer Gesichtsverlust für die Berner CVP. Die Geschichte von einer besseren Vergangenheit kennt der 72-Jährige nur zu gut, als Präsident der Parteisektion 60 plus hütet er auch deren Säulen. Seine Prognose für die CVP in Bern fällt etwas weniger euphorisch aus als jene von Präsidentin Wertli. «Man muss sich etwas Neues einfallen lassen. Bern könnte für die CVP zum Experimentierfeld werden. So gäbe es mehr zu gewinnen.»

Die Geschichte des Milieus in Bern ist eng verknüpft mit der langen Geschichte der Partei in der Schweiz. Diese beginnt mit dem tiefen Konfessionsgraben im späten 19. Jahrhundert. Das C im Parteinamen war damals noch ein K, die Katholisch-Konservative Partei war die Partei des Sonderbunds, und sie war unterwegs in einer heiligen Mission: der Einbindung der katholischen Kräfte in den eben erst geborenen Bundesstaat.

«Es gibt in der Berner CVP kaum Konkurrenzkämpfe»
Norbert Hochreutener Früherer Nationalrat der CVP, heute Präsident der Parteisektion 60 plus.

Doch durch die Säkularisierung trübte sich das einst klare Feindbild der Katholiken. 1970 vollzog die Partei eine programmatische Öffnung, nannte sich fortan Christlichdemokratische Volkspartei – und verlor in den 80er-Jahren dennoch konservative Wähler an die SVP. Die konfessionellen Gegensätze sind heute überwunden, die grundeigene Aufgabe der Partei scheint bewältigt. «Dieses Feindbild fehlt jetzt dem Kern der CVP», sagt der Historiker Urs Altermatt, der sich intensiv mit der Partei beschäftigt und insbesondere deren Umfeld in Zürich genau untersucht hat.

Vor diesem Hintergrund bewegt sich die Partei heute in Bern in einem Milieu, das sich noch immer aus den Verbindungen zur Mutterpartei in den katholischen Stammlanden stärkt. Für die CVP ist der Kanton Bern ein Migrationsort: Man studiert, man liebt, man arbeitet hier - und bleibt. Das sagt auch Wertli, die als Präsidentin der CVP Kanton Bern trotz bescheidenen Aussichten vor Zuversicht strotzt, der Partei hier neues Leben einhauchen zu können. Sie bekommt noch heute Rückmeldungen von solchen «Exilanten». Von Wallisern in Belp, von Freiburgern in Münsingen. «Das ist die eine Säule unserer Zukunft hier. Die andere sind die Hiesigen, aktuelle und zukünftige Politiker.» Diese Familie in der Fremde war der Ursprung der CVP in Bern. «Und es ist heute wahrscheinlich ihr Problem», sagt Iwan Rickenbacher, in den 90ern Generalsekretär der Partei und heute Kommunikationsberater.

Nause: Kein klischiertes Idealbild

Anteile über zehn Prozent erzielte die CVP etwa noch im Berner Jura, was mit der Vergangenheit und der Nähe zum katholischen Bistum Basel zu tun hat. Exekutivsitze hat die Partei noch in Moutier, Bern und Thun. In der Berner Stadtpolitik ist der Einfluss überschaubar, nebst den Geschwistern Daphinoff im Stadtrat hält vor allem Gemeinderat Nause die orange Flagge hoch. «Es gibt Luft nach oben», sagt er, dessen Wiederwahl als Gemeinderat in zwei Jahren nicht einfach werden dürfte. Nause hat den Einstieg in die Berner Lokalpolitik über seine Karriere bei der CVP gefunden. Er war während sieben Jahren Generalsekretär, und als reformierter Aargauer mag er zwar nicht zum klischierten Idealbild eines Parteipräsidenten zählen, dennoch war er einst nicht so weit weg davon. «Gute Allianzpolitik verschafft uns vielleicht noch einmal einen Sitz im Nationalrat», meint Nause und schmunzelt.

Die Wiederwahl dürfte für ihn deshalb nicht ganz einfach werden, weil ihm bürgerliche Listenverbindungen einen Strich durch die Rechnung machen könnten. Nicht ausgeschlossen also, dass er wieder vom CVP-Netzwerk profitiert – und sich nach einem Posten in der Bundesverwaltung umsieht. Zuerst einmal findet er sich aber am Mittwoch in der Altstadt ein. Gasthof Krone, Gerechtigkeitsgasse, hinten im Säli.

Mitarbeit: Christoph Aebischer

(Der Bund)

Erstellt: 04.12.2018, 21:54 Uhr

Artikel zum Thema

Das CVP-Netzwerk verteilt in Bern wichtige Posten

In Bern profitiert die CVP personell von der Nähe zur Bundesverwaltung. Auch CVP-Gemeinderat Reto Nause könnte dereinst die Seiten wechseln. Mehr...

Die illustre Wohngemeinschaft der CVP

Doris Leuthard wohnt dort, der Bundeskanzler auch. Im Von-Wattenwyl-Haus an Berns Junkerngasse wohnen Politiker günstig. SVP-Nationalrat Erich Hess findet das nicht in Ordnung. Mehr...

Christrosen für die CVP-Bundesrätin?

Gleich unter der Bundesterrasse hüten zwei Floristinnen in der bundeseigenen Gärtnerei etwas andere Staatsgeheimnisse. Am Dienstag arbeiten sie an den Sträussen für die neuen Bundesräte. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

KulturStattBern Kassettenliebe

Zum Runden Leder 723. Caption Competition: Die Preisverleihung

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Rochen statt Rentier: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Taucher gesellt sich zu den Bewohnern des Ceox-Aquariums in Seoul. Südkorea ist das einzige ostasiatische Land, das Weihnachten als nationalen Feiertag anerkennt. (7. Dezember 2018)
(Bild: Chung Sung-Jun/Getty Images) Mehr...