Fahren Autos langsamer, können die Mietpreise steigen

Die grosse Frage lautet, welchen Einfluss Verkehrsberuhigung auf die Mietpreise hat. Die Meinungen sind geteilt.

Weniger Lärm, höhere Mieten: Zusammen mit der Lebensqualität können auch die Mieten auf Tempo-30-Strassen steigen.

Weniger Lärm, höhere Mieten: Zusammen mit der Lebensqualität können auch die Mieten auf Tempo-30-Strassen steigen. Bild: Manu Friederich (Archiv)

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Weniger Verkehr, mehr Lebensqualität. Der Plan der Stadt Bern, neue Tempo-30-Zonen zu schaffen, mag in den Ohren vieler Quartierbewohner wie Musik klingen. Die Kehrseite der Medaille: Mit der Lebensqualität können auch die Miet- und Kaufpreise von Immobilien steigen – zumindest indirekt und mittelfristig.

Das Beispiel Länggasse zeigt: Verkehrsberuhigung und Mietpreiserhöhungen scheinen Hand in Hand zu gehen. Das Quartier zählt heute zu den begehrtesten Wohnadressen der Stadt. Der Neufeldtunnel führt den Autoverkehr am Quartier vorbei, Poller haben die Neubrückstrasse in eine friedliche Quartierstrasse verwandelt. Wer dort in eine Wohnung ziehen will, die nicht der Stadt gehört, muss oft tief ins Portemonnaie greifen: Der durchschnittliche Mietpreis für eine 4-Zimmer-Wohnung ist in den letzten zehn Jahren um 13 Prozent gestiegen. Für eine 80 Quadratmeter grosse 3-Zimmer-Mietwohnung bezahlt man heute im Länggassquartier pro Monat durchschnittlich 1733 Franken – ohne Nebenkosten. Begriffe wie soziale Monokultur und Gentrifizierung machen die Runde.

Zusammenspiel von Faktoren

So einfach ist es aber nicht. Es sei ein «Zusammenspiel verschiedener Standortfaktoren, die sich auf die Mieten und Immobilienpreise auswirken», sagt Aita Caviezel von der Immobilienberatungsfirma Wüest Partner. Grundsätzlich liessen sich zwar für verkehrsberuhigende Massnahmen keine einheitlichen, empirisch nachweisbaren Effekte ausmachen. Wie stark die Preise stiegen, hänge auch von der zusätzlichen Neubautätigkeit ab. «Es ist aber sehr gut möglich, dass verkehrsberuhigende Massnahmen die Wohnqualität erhöhen, was dazu führt, dass dort mehr Neubauprojekte realisiert werden.»

Weitere Faktoren für steigende Preise seien die Nähe zu Schulen und Kindergärten, der Anschluss an attraktive ÖV-Verbindungen, die Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe sowie die Grünflächen in der Umgebung. Ob und inwiefern sich die Massnahmen in den jeweiligen Gebieten auf die Preise auswirken, lasse sich nur schwer abschätzen.

Wyss orientiert sich an Wien

Dass Verkehrsberuhigung generell die Mietpreise in die Höhe treibe, glaubt Tiefbaudirektorin Ursula Wyss (SP) nicht. Ihre Direktion ist für die Massnahmen zuständig. «Ich bin überzeugt: Dies ist nicht der treibende Faktor der Gentrifizierung», sagt Wyss. Das Problem sei vielmehr der fehlende Wohnungsbau in den Städten nach dem Zweiten Weltkrieg: «Die Mieten werden in die Höhe getrieben, wenn das Angebot fehlt.» Daher seien die Städte gefragt. Die Lösung sieht Wyss im Wohnungsbau, namentlich in der Förderung von genossenschaftlichen Projekten. Als Beispiel nennt sie Wien, wo der Verkehr über die Jahre stark beruhigt worden sei und die Mieten im europäischen Vergleich sehr tief seien.

Die Tempo-30-Zonen sind ein weiteres Puzzleteil in Wyss’ langfristigem Konzept; sie will den Städtern den öffentlichen Raum als «erweitertes Wohnzimmer» zur Verfügung stellen: Grünflächen beleben, öffentliche Bibliotheken und Bänke aufstellen, Quartiertreffpunkte schaffen lautet das Rezept. «Nicht alle haben eine Dachterrasse oder einen Garten. Eine Stadt wie Bern solle aber für alle etwas bieten. Ein guter öffentlicher Raum ist daher ein soziales Anliegen», sagt Wyss. Und: Die Massnahmen zur Verkehrsberuhigung stellten einen wichtigen Beitrag dazu dar. (Der Bund)

Erstellt: 02.06.2018, 08:11 Uhr

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