«Es gibt kein ewiges Leben und auch keinen ewigen Tod»

2006 trafen sich Polo Hofer und Kurt Marti, um über Gott und die Welt zu reden. Daraus entstand ein Gespräch, das auch elf Jahre danach noch äusserst lesenswert ist.

Kurt Marti (links) und Polo Hofer hatten bei ihrem ersten Treffen einiges zu besprechen.

Kurt Marti (links) und Polo Hofer hatten bei ihrem ersten Treffen einiges zu besprechen. Bild: Franziska Scheidegger

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2006 erhielten Polo Hofer und Kurt Marti gemeinsam den Kulturpreis der Bürgi-Willert-Stiftung. Das nahm der «Bund» damals als Anlass, um die beiden zusammenzuführen. Sie waren sich noch nie begegnet, doch hatten sie sich einiges zu sagen: Der damals 61-jährige Mundartrocker Polo Hofer besuchte den 85-jährigen Schriftsteller Kurt Marti. Das Treffen war - bei einem Gläschen echtem Ostermundiger Pinot Noir, den Kurt Marti hervorzauberte - keine trockene Sache.

Kurt Marti: Prost auf die Kultur! Wir sind ja Kulturpreisträger.

Polo Hofer: Ja, du bist die Rosaloui, der Erneuerer der Mundart. Und du warst Pfarrer in der Nydeggkirche. Über die habe ich immer einen Witz erzählt.

Polo Hofer erzählt den Witz - er ist lang, sprengte diesen Rahmen.

Marti: (Lacht.) Diesen Witz solltest du im Kirchgemeinderat erzählen - und in der Nydeggkirche einmal eine Laienpredigt halten.

Hofer: Aber ich bin schon lange aus der Kirche ausgetreten. Ich war unfreiwillig in diesen Verein. Da war es sauber, auszutreten.

Marti: Dich bräuchte es in diesem «Verein» aber. Das wäre etwas: Polo, der die Bibel dramatisierte.

Hofer: Ich bin bibelfest. Mein Lieblingsbuch ist das Buch Hiob.

Marti: Ein tolles Buch. Auch mit dem Schluss, wenn Gott Hiob die Schöpfung, die Elefanten, Nashörner und Krokodile vorführt.

Hofer: Aber wie es anfängt, mit dieser Versammlung im Himmel. Ein Streit zwischen Satan und Herrgott. Gott macht sich zum Gambler. Es zeigt die feudale Denkart von damals, die in diesen Gegenden herrschte.

Marti: Das ist die Rahmenhandlung. Sie hört mit einem Happy End auf. Das ursprüngliche Buch Hiob endet mit einer Frage, die nicht zu beantworten ist. Die Rahmenhandlung wurde angefügt, weil man die offene Frage nicht so stehen lassen wollte: Warum jemand, der immer lieb und gut und gerecht gelebt hat, so leiden muss. Aber warum gefällt dir das Buch Hiob?

Hofer:Weil es so dramatisch ist. Weil die Rolle von Gott und seinen Gegenspielern interessant ist. Und wie man einen Menschen als Versuchskaninchen braucht, um die Festigkeit seines Glaubens zu testen.

Die beiden reden dann lange auch über die Geschichte von Lazarus - und stimmen zum Beispiel darin überein, dass über Lazarus’ Todeserfahrung nichts in der Bibel steht.

Hofer: Die Position des Verstorbenen wird gar nicht erwähnt. Vielleicht hätte er seine alten Knochen gar nicht zurückhaben wollen.

Marti: Ja, es war seltsam, dass er kein Wörtlein darüber verraten hat, wie das war im Tod. Vom so genannten Jenseits erzählte er nichts.

Hofer: Man hat ihn auch nicht gefragt, ob es ihm passt, wieder lebendig zu sein.

Marti: Nein, seine Schwestern haben Jesus motiviert, Lazarus wieder aufzuerwecken. Auch er selber hat über seinen Tod und das, was er zwischen der Kreuzigung und der Auferstehung erlebt hat, kein Wort verloren.

Hofer:Die Figur von Jesus hat diesen Mythos nur entwickeln können, weil man ihm Wunder unter-gejubelt hat - als wären es Zirkustricks. Wenn es ihn, Jesus, überhaupt gegeben hat.

Marti: Das hat Jesus selber kritisch hinterfragt. Von einem bestimmten Punkt an hat er sich geweigert, noch Wunder zu vollbringen. Und dass es ihn gab, ist historisch einwandfrei. Es gibt keine Person im Altertum, die so gut belegt ist.

Hofer: Aber von ihm gibt es nichts Schriftliches, alles ist aus dritter Hand.

Marti: Ja, das ist bei allen grossen Religionsführern so, ausser bei Mohammed, 700 Jahre später. Der schrieb und schrieb, von Gott inspiriert. Jesus hat nur einmal in den Sand geschrieben. Aber man weiss nicht was.

«Bund»: Wie ist es mit dem Glauben an den lieben Gott?

Hofer: Ich befasse mich nicht mit dem Gedanken, ob es Gott gibt oder nicht. Niemand weiss das. Gott ist eine Behauptung. Es gibt kein ewiges Leben und auch keinen ewigen Tod.

Marti: Wenn man schon von ewig redet, kann das nur Gott sein. Ewigkeit bedeutet ja: ohne Anfang und ohne Ende. Und da wir alle einen Anfang haben, haben wir auch ein Ende. Man kann Gott nicht beweisen, aber man kann auch nicht beweisen, dass er nicht ist. Insofern ist er eine Behauptung - eine sehr hilfreiche und sehr inspirierende Behauptung.

Die beiden diskutieren weiter über Gott, die Welt und die Bibel. Und Kurt Marti schenkt ein weiteres Gläschen Ostermundiger Roten ein.

«Bund»: Erstaunt es Sie, Kurt Marti, dass Sie sich mit Polo Hofer nun so lange in der Bibel vertieft haben?

Marti: Ich habe von der Begegnung mit ihm nichts Spezielles erwartet. Ich kannte Polo Hofer ja nur aus den Medien. Musikalisch bin ich ein völliger Löli, aber ich erinnere mich gut: Vor etwa dreissig Jahren hörte ich am Radio erstmals seinen Mundartrock. Ich war auf dem Weg nach Gümligen, um im Zytglogge-Verlag eine Sprechplatte aufzunehmen. Dort machte ich Aufnahmeleiter Rolf Attenhofer auf die tolle Musik dieses Polo Hofer aufmerksam. Aber er winkte ab: Das lasse sich nicht verkaufen.

Hofer: Hugo Ramseyer, der zusammen mit Attenhofer den Zytglogge-Verlag gegründet hatte, hatte mich übrigens Jahre vorher bei den Pfadfindern auf den Namen Polo getauft.

Marti: Mein erster Eindruck von Polo war aber eben gut. Deshalb gab ich Attenhofer den Tipp.

Hofer: Das verbindet uns. Du hast eine Rolle gespielt in einer neuen literarischen Verwendung der Mundart, ich öffnete mit den berndeutschen Songs eine neue Türe: statt Papier halt Musik. Das hatten die Berner Troubadours zwar auch schon gemacht, aber die waren für uns pfadimässig.

Marti: Wenn du einen Song schreibst: Ist erst die Textidee da und dann kommt die Musik dazu? Oder ist es umgekehrt?

Hofer: Beides geht. Ich habe lieber zuerst die Musik, weil die schon eine Stimmung erzeugt. Wenn ich dann nach Worten suche, um eine Geschichte zu dieser Musik zu erzählen, dann spielt es schon eine Rolle, ob es ein rassiger Song oder eher eine sanfte Ballade ist. Und dann sucht man auch die Worte in dieser Richtung. Marti: Wenn man ein Gedicht schreibt, dann hat man emotional eine Idee, eine Stimmung im Kopf.

Hofer: Und dann ist die erste Zeile wichtig.

Marti: Vielleicht ist die erste Zeile später dann nicht mehr die erste Zeile. Und wenn möglich ist Musik in der Sprache. Viele meiner Gedichte sind vertont worden.

Hofer: Du hast eben Rhythmus in der Sprache.

Marti: Aber gerade die Gedichte, bei denen ich Musik in der Sprache vermute, sind selten vertont werden.

Hofer: Gib mal einen Vierzeiler, der nie vertont worden ist. Kannst du deine Gedichte auswendig?

Marti: Da müsste ich ein Gedächtnis haben wie eine Bibliothek.

Hofer: Ich kann meine Songs auch nicht auswendig, habe immer einen Spickzettel dabei.

Marti: Das Gedicht vom Wölklein, aber ich weiss nicht mehr, wie es anfängt.

Martis Frau Hanni hat das Gedicht bei sich - im Portemonnaie.

Hofer: Das ist dann lieb, wenn eine Frau ein Gedicht ihres Mannes im Portemonnaie herumträgt.

Hanni Marti liest das Gedicht vor: «es zottelt / ein wölklein / heiter / noch weiter / ins blau / und weiss / doch genau / was ihm droht / denn das blau / ist sein tod.»

Hofer: Sehr schön.

Marti:Da habe ich das Gefühl, dass da ein bisschen Musik drin ist. Aber es ist nie vertont worden.

Hofer: Ich habe ein ähnliches Gedicht: «U muess i einisch furt vor Aerde / isch my Läbzyt ume hie / de wett i e Wolke wärde / u mit em Wind um d Chugle zieh.»

Marti: Das möchte ich auch.

Hofer: Warum hast du eigentlich mit Mundart aufgehört?

Marti: Die riesige Mundartwelle, für die man mich auch verantwortlich machte, irritierte mich. Damals redeten plötzlich alle berndeutsch. Und jeder, der ein bisschen reimen konnte, machte berndeutsche Liedlein - ein paar waren gut, viele waren schlecht. Und ich wollte nicht daran schuld sein, dass man nicht mehr hochdeutsch sprach, dass wir uns abkoppeln vom deutschen Sprach- und Kulturraum. Ich bin froh, dass jetzt ein neuer Schub kommt, nicht gemütlich und kitschig. Berndeutsch kann auch spielerisch und tänzerisch sein, wenn ich etwa an «Stell der Hafe numen afe ufen Ofen ufe» und andere solche Wortspiele denke. Plötzlich beginnt das Berndeutsche zu tanzen.

Hofer: Es hat einen gemütlichen Ton, der als Verlangsamung erscheint - aber das ist nicht so: «Gang gäng gredi gäge Gümlige ga gugge, öb Guggers Gödu gäng no geit ga Caramel gänggele.»

Marti: Was machst du eigentlich jetzt? Wolltest du nicht einen Roman schreiben?

Hofer: Ja - aber das braucht Zeit und Abgeschiedenheit.

Marti: So ist es. Ich konnte mir als Pfarrer nicht so viel Zeit nehmen fürs Schreiben. Man muss auch noch leben.

Hofer: Ja - und auch mal an die frische Luft gehen.

Aufzeichnung: Walter Däpp und Brigitta Niederhauser (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.07.2017, 13:19 Uhr

Berner Gemeinderat trauert

Mit dem verstorbenen Polo Hofer verliere die Stadt Bern nicht nur einen grossartigen Künstler und lebensfrohen Menschen, sondern auch einen Botschafter Berns. Dies schreibt der Berner Gemeinderat am Dienstag in einer Würdigung.

Der Berner Oberländer Polo Hofer lebte von 1969 bis 2005 in der Stadt Bern, wo er auch politisch aktiv war. Der Gemeinderat erinnert dabei an das Jahr 1971, als Polo Hofer für den Berner Stadtrat kandidierte - dies auf der Liste «Hardlütli», die mit ihrem Wahlkampf mit Nacktplakaten für Aufsehen sorgte.
Hofer habe sich nebst der Legalisierung von Cannabis für die Abschaffung des motorisierten Privatverkehrs in der Berner Innenstadt eingesetzt und «trat rechts-populistischen Strömungen entschieden entgegen.»


«Im letschte Tram»

In der Stadt Bern war der Mundartsänger eine bekannte Figur des öffentlichen Lebens, regelmässig in der Stadt anzutreffen und oft mit dem Tram unterwegs. Mit dem Song «Wyssebüehl, einer Interpretation Tom Waits' »Jersey Girl« habe Polo Hofer das Stadtberner Weissenbühl-Quartier zu einem Begriff gemacht.

»Im letschte Tram« wiederum beschrieb Hofer eine Reise durch das nächtliche Bern. Diese und weitere Balladen seien auch als »liebevolle Hommagen an Bern" zu verstehen, schreibt der Gemeinderat.

Mit Polo Hofer verliere Bern nicht nur einen grossen Künstler, sondern auch eine kritische Stimme, welche die Berner Kulturszene nachhaltig geprägt und mitgestaltet habe.

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