«Es formiert sich zurzeit eine neue Frauenbewegung»

Der Kampf gegen subtile Unterdrückungsmechanismen sei ebenso wichtig wie die politische Forderung nach mehr Krippenplätzen, sagt Silvia Bühler, Leiterin der Gosteli-Stiftung.

Silvia Bühler befürchtet, dass sich die Frauenbewegung nicht so schnell erübrigt.

Silvia Bühler befürchtet, dass sich die Frauenbewegung nicht so schnell erübrigt. Bild: Adrian Moser

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Frau Bühler, sind Sie heute Nachmittag am «Strick-In» aus Anlass des internationalen Frauentags auf dem Bundesplatz anzutreffen?
Nein. Ich unterstütze zwar die Anliegen, als Leiterin der Gosteli-Stiftung sehe ich mich aber eher als Beobachterin denn als Akteurin der Frauenbewegung.

Dann können Sie sicher erklären, wo die emanzipatorische Kraft im Stricken von rosa Wollmützen liegt.
Es geht um Sichtbarkeit. Nachdem Donald Trump gewählt wurde, gingen Hunderttausende Frauen auf die Strasse. Auf den Bildern der Demonstrationen sieht man ein Meer aus pinken Hüten. Die sogenannten Pussyhats dienen seither als Zeichen der Solidarität unter Frauen und als Symbol für die Forderungen der Frauenbewegung.

Sie haben es angesprochen: Weltweit gehen Frauen wieder auf die Strasse. War die Wahl Trumps ein Segen für den Feminismus?
Nein, sicher nicht. Trump ist aber so etwas wie ein tragischer Trigger für viele Frauen. Doch auch der Rechtsrutsch in Europa und eine Rückkehr von konservativen Wertvorstellungen haben dazu geführt, dass sich zurzeit wieder eine Frauenbewegung formiert. Viele befürchten, dass Errungenschaften für Frauen, aber auch für Homosexuelle und Transpersonen oder andere Minderheiten gefährdet sind.

Feminismus schien aber bereits vor Trump wieder in Mode zu kommen. Hollywoodstars, aber auch gewöhnliche junge Frauen bezeichnen sich wieder als Feministinnen. Dabei ist die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter doch längst erreicht.
Die rechtliche Gleichstellung ist tatsächlich weit fortgeschritten. Viele junge Frauen denken darum, dass der Kampf für Geschlechtergerechtigkeit nicht mehr nötig sei. Sobald sie aber Kinder bekommen, merken sie, dass etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch lange nicht gewährleistet ist. Oder sie spüren im Berufsleben, dass sie sich viel stärker beweisen müssen als ihre männlichen Kollegen. Das Bewusstsein für solche Probleme ist gestiegen.

Viele junge Feministinnen fordern aber nicht Krippenplätze oder Lohngleichheit, sondern kämpfen allgemein gegen Sexismus oder fordern eine «gendersensible» Sprache.
Es braucht beides. Die Forderung nach Krippenplätzen oder Lohngleichheit wird von den traditionellen Frauenorganisationen vertreten und ist auch schon in der Politik angekommen. Ebenso wichtig ist aber auch eine Sensibilisierung für subtile Unterdrückungsmechanismen und der Kampf für einen Mentalitätswandel. Da leisten die aktiven junge Frauen grosse Arbeit.

«Trump ist so 
etwas wie ein 
tragischer Trigger für viele Frauen»

Mit den ursprünglichen Anliegen der Frauenbewegung hat das nicht mehr viel zu tun.
Doch. Beim Feminismus geht es im Kern um Gleichberechtigung und um die Freiheit, sein Leben so zu gestalten, wie man es für richtig hält. Es war in der 150-jährigen Geschichte der Schweizer Frauenbewegung auch immer üblich, dass neue Strömungen entstanden sind, die eigene Forderungen aufgestellt haben. So thematisierte etwa in den 1970er-Jahren die aufkommende Frauenbefreiungsbewegung die Abtreibungsrechte.

Inwiefern unterscheidet sich die heute aufflammende Bewegung von früheren Frauenbewegungen?
Ein entscheidender Unterschied ergibt sich aus den sozialen Medien. Die Feministinnen können sich dank den neuen Netzwerken viel besser miteinander verbinden und länderübergreifend zusammenarbeiten. Ein Beispiel dafür ist der Women’s March, der am 18. März in Zürich stattfindet und von den Anti-Trump-Demonstrationen inspiriert worden ist.

Wie lange geht es Ihrer Meinung noch, bis es keine Frauenbewegung mehr braucht?
Das dauert wohl schon noch zwei bis drei Generationen. Am Ende des 19. Jahrhunderts haben Frauen erstmals einen Wöchnerinnenschutz gefordert. Bis der Mutterschaftsurlaub realisiert war, dauerte es mehr als 100 Jahre. (Der Bund)

Erstellt: 08.03.2017, 06:52 Uhr

Silvia Bühler, Leiterin Gosteli-Stiftung

Die 38-jährige Silvia Bühler hat Informationswissenschaften und Kulturmanagement studiert. Sie leitet für die Gosteli-Stiftung das Archiv der schweizerischen Frauenbewegung in Worblaufen. Am 30. März verleiht die Burgergemeinde Bern der Stiftung den mit 100'000 Franken dotierten Kulturpreis.

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