«Es droht ein Borkenkäfer-Extremjahr»

Der Klimawandel werde die bernischen Wälder «umbauen», sagt Forstmeister Stefan Flückiger. Der Borkenkäfer ist dabei nur eine von vielen Folgen der wärmeren Temperaturen.

Geschlagenes Holz im Könizbergwald, der von Stefan Flückigers Team bewirtschaftet wird.

Geschlagenes Holz im Könizbergwald, der von Stefan Flückigers Team bewirtschaftet wird.

(Bild: Adrian Moser)

Noah Fend@noahfend

Herr Flückiger, kam nach dem Hitzesommer 2018 nun der trockene Winter?
Wir haben den Eindruck, ja. Die Bodenwasserspeicher sind nach dem trockenen Sommer noch nicht wieder aufgefüllt. In den letzten 18 Monaten hatten wir deutlich weniger Niederschlag als gewöhnlich.

Wie äussert sich das im Wald?
Vor allem grosse, alte und dicke Bäume leiden darunter. Betroffen sind nicht wie beim Borkenkäfer nur Nadel-, sondern auch Laubbäume. Sie sterben teilweise ab, weil sie schlicht zu wenig Wasser bekommen. Sie können nicht mehr genügend Feinwurzeln generieren.

Im Tessin herrscht aktuell Waldbrandgefahr. Wie steht es um die bernischen Wälder?
Derzeit schätzen wir die Waldbrandgefahr in den bernischen Wäldern als gering ein. Der Boden ist noch leicht feucht von den letzten Niederschlägen. Wenn nun aber weitere trockene Wochen folgen, kann sich die Situation in kurzer Zeit verändern.

Sind extreme Wetterverhältnisse wie in den vergangenen Monaten eine Ausnahmeerscheinung?
Nein, wir stellen uns in Zukunft vermehrt auf Witterungsextreme wie Trockenheit oder Stürme ein und stützen uns dabei auf Klimaszenarien aus der Forschung. Wir haben unsere gesamte Betriebsplanung auf Anfang 2018 angepasst. Das Credo lautet «Anpassung der Wälder an den Klimawandel.»

Was bedeutet das konkret?
Grundsätzlich beinhaltet unsere Planung drei Kernthemen. Wir müssen einerseits unsere Wälder mit klimatauglichen Baumarten verjüngen. Zweitens müssen wir schauen, dass unsere Bäume sehr vital sind. Sie müssen also genügend Licht und starkes Wurzelwerk haben. Schliesslich müssen wir die sogenannten Hochrisiko-Waldbestände schneller in die nächste Generation überführen.

Nach dem stürmischen Winter 2018 wurde viel abgeholzt. Hat sich der Holzmarkt vom Überfluss an Sturmholz erholt?
Nein, grosse Teile des Sturmholzes konnten nicht verkauft und verarbeitet werden, weil es nicht gleich verwendet werden kann wie normales Holz. Die Nachfrage nach gesundem Holz konnte in den letzten Monaten hingegen kaum gestillt werden.

Und nun droht schon wieder ein Borkenkäfer-Jahr.
Das ist so. Wir rechnen mit mindestens gleich viel Borkenkäfer-Holz wie letztes Jahr, da haben wir allein in den Wäldern der Burgergemeinde rund 16 000 Kubikmeter Holz gefällt wegen des Käfers. Kühlt es im März und April nicht nochmals ab, steht uns ein Extremjahr bevor, in dem der Borkenkäfer nicht statt wie üblich zwei bis drei Generationen, sondern bis zu deren vier produzieren kann. Die Holzmärkte wären kaum in der Lage, dieses Holz aufzunehmen.

Und was bedeutet das für Sie?
Wir haben entsprechend vorgesorgt und in Systeme investiert, die befallene Bäume vor Ort entrinden können. Ohne Rinde stellt der Borkenkäfer für den Baum kein Risiko mehr dar. Auch eine kontinuierliche Abfuhr von befallenem Holz ist geplant.

Der Kanton Bern kündigte an, mit finanziellen Anreizen Wälder im Mittelland besser vor dem Käfer schützen zu wollen. Wie finden Sie die Idee?
Schauen wir uns genauer an, in welchen Waldgebieten die neuen Beiträge gesprochen wurden, stellen wir fest, dass diejenigen Waldgebiete der Burgergemeinde Bern, die letztes Jahr am stärksten befallen waren, nicht in den Genuss dieser Schutzbeiträge kommen.

Die Zusatzmassnahmen sind also wirkungslos?
Das kann ich nicht beurteilen. Ich stelle einfach fest, dass zum Beispiel der Bremgarten-, der Könizbergwald und der Forst nicht in den Zusatzbeiträgen integriert sind.

Sie werden sich daran also nicht beteiligen.
Die Burgergemeinde orientiert ihre Waldüberwachung nicht beitragsgestützt, sondern an langfristigen Zielen. Insofern ändern wir an unserer Überwachung der Wälder nichts.

Hitze, Stürme, Borkenkäfer: Macht der Klimawandel unsere Wälder kaputt?
Nein, er baut unsere Wälder um. Laut Klimaszenarien haben wir bis 2060 hier Verhältnisse wie aktuell am Lago Maggiore. Und da wachsen heute auch Bäume, einfach nicht dieselben wie bei uns. Deshalb wird die Anpassung der Wälder an den Klimawandel ein zentrales Thema bleiben.

Der Bund

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