Entsorgte Hunde, ausgesetzte Kaninchen und Kleider für Katzen

Schweizweit gehen nirgends mehr Tierschutzbeschwerden ein als im Kanton Bern.

Bei den meisten gemeldeten Delikten sind Hunde betroffen.

Bei den meisten gemeldeten Delikten sind Hunde betroffen.

(Bild: Adrian Moser (Symbolbild, Archiv))

Martin Erdmann@M_Erdmann

Das Schweizer Tierschutzgesetz umfasst 46 Artikel. Darin ist festgelegt, wie mit Tieren umgegangen werden soll und welche Strafen denen blühen, die sich nicht daran halten. In der Praxis zeigt sich: Die Misshandlung von Tieren erfolgt auf unterschiedlichste Arten.

Ein eher leicht verdauliches Beispiel: Die Berner Kantonspolizei wurde vergangenen März wegen Verdachts auf Tierquälerei aktiv, weil ein Mann im Bremgartenwald drei Zwergkaninchen ausgesetzt hatte.

Ebenfalls vergleichsweise harmlos: Der Dachverband Berner Tierschutzorganisationen ging 2015 rechtlich gegen einen Onlineshop vor, der sich auf den Verkauf von Kostümen für Katzen spezialisierte. Das verstosse gegen die Würde des Tieres und sei zudem gefährlich, begründete die Organisation ihr Vorgehen in ihrem Jahresbericht.

Ein Beispiel der grausameren Art: 2013 wurde ein toter Hund in einem Abfalleimer an einer Autobahnraststätte in Ittigen gefunden. Er war von seinem Besitzer misshandelt und anschliessend getötet worden.

«Mit dem Berner Recht hätten wir untätigen Regierungsräten und unfähigen Kontrolleuren Beine gemacht.»Hansueli Huber, Schweizer Tierschutz

Obwohl sich diese Fälle in ihrer Brutalität stark unterscheiden, haben sie eines gemeinsam: Bei allen wurde die Fachstelle für Tierdelikte der Berner Kantonspolizei eingeschaltet. Sie ist für den Vollzug des strafrechtlichen Teils der Tierschutzgesetzgebung zuständig. Die Fachstelle zählt 3 Mitarbeiter, die durch 39 Tierschutzberater unterstützt werden, welche sich über den ganzen Kanton verteilen.

Wie oft die Fachstelle im vergangenen Jahr aktiv wurde, war am Montag nicht zu erfahren. Jolanda Egger, Mediensprecherin der Berner Kantonspolizei, spricht jedoch von mehreren Hundert Strafanzeigen.

Gefährliches Hundeleben

Die Anzahl der Tierdelikte habe in den vergangenen Jahren stets zugenommen, so Egger. Das ist jedoch nicht zwingend ein schlechtes Zeichen. «Dies ist unter anderem auch auf die erhöhte Sensibilität in der Gesellschaft zurückzuführen.» Drei Viertel aller bearbeiteten Misshandlungsfälle weisen eine Ähnlichkeit auf – sie alle stehen im Zusammenhang mit Haustieren. Ein Tier steht dabei ganz besonders im Fokus: «Meistens sind Hunde betroffen.»

Für Hansueli Huber, Geschäftsführer Fachbereich beim Schweizer Tierschutz STS, ist das kein Zufall. In der Schweiz gebe es über 500'000 Hunde und dementsprechend viele Hundefreunde. «Die werden bei Verstössen gegen Hunde aktiv und zeigen Zivilcourage.» Keine Selbstverständlichkeit. Denn im Nutztierbetrieb sei das anders, sagt Huber. «Kaum ein Bauer wird einen Berufskollegen den Behörden melden, der seine Tiere nicht pflegt und sie vernachlässigt.» Da schaue man lieber weg, wie es die Kollegen und Nachbarn im Pferdequäler-Fall von Hefenhofen taten.

Wäre denn ein solcher Fall auch im Kanton Bern denkbar? Huber spricht deutliche Worte: «Hätten wir Tierschützer überall das Klage- und Beschwerderecht wie in Bern, wäre ein Fall wie im Thurgau nicht möglich gewesen.» Mit dem Berner Recht hätte man den «untätigen Regierungsräten» und «unfähigen Kontrolleuren» im Landwirtschaftsamt Beine machen können.

Bern steht an der Spitze

Der Schweizer Tierschutz hat zwischen Juli 2015 und Juni 2016 208 Meldungen wegen Misshandlung oder schlechter Haltung von Tieren registriert. Was dabei auffällt: Aus keinem anderen Kanton sind so viele Beschwerden eingegangen wie aus Bern. 44 Fälle betrafen den Kanton Bern.

Hubers Erklärung dazu: «Bern ist der grösste Agrarkanton der Schweiz.» Hier gebe es viele Nutztierbetriebe. Zudem liege es auch daran, dass es im Kanton viele grössere Städte und Agglomerationsgebiete gebe, in denen wiederum viele Hunde- und Katzenhalter lebten. «Je mehr Tiere gehalten werden, desto mehr Tierschutzfälle gibt es.»

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt