Ennet der Grenze locken höhere Löhne

Der frühere Erziehungsdirektor Bernhard Pulver wollte kurz vor seinem Abtritt die Lehrerlöhne erhöhen. Der Regierungsrat blockte ab.

Berner Primarlehrerinnen und Primarlehrer erhalten weniger Lohn als ihre Solothurner Berufskollegen.

Berner Primarlehrerinnen und Primarlehrer erhalten weniger Lohn als ihre Solothurner Berufskollegen. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Lengnaus Schulleiter Simon Läderach hat Mühe, die Stellen zu besetzen. Im Sommer blieben vier offen – Studierende sprangen ein. Seine Gemeinde ist damit überproportional vom Lehrermangel betroffen. Für Läderach ist klar: Die nur 500 Meter entfernt liegende Kantonsgrenze zu Solothurn spielt eine wichtige Rolle. Gleich dahinter verdienen Primarlehrerinnen und -lehrer, die elf Jahre auf dem Beruf arbeiten, pro Monat 1600 Franken mehr. Bei Junglehrern beträgt die Differenz 540 Franken. «Mittlerweile bewirbt sich die Schule bei angehenden Lehrerinnen und Lehrern und nicht umgekehrt», sagt er.

Zwar kann die Pädagogische Hochschule Bern steigende Studierendenzahlen vermelden. Gleichzeitig gehen aber viele gestandene Lehrpersonen in Pension, und die Schülerzahlen steigen. Laut dem Bundesamt für Statistik wird die Zahl der Schülerinnen und Schüler in der obligatorischen Volksschule in zehn Jahren um bis zu 10000 oder rund 16 Prozent ansteigen. Das Problem des Lehrermangels wird der Kanton Bern also nicht so schnell los.

Geheimer Entscheid

Im Frühjahr wollte der damalige Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) kurz vor seinem Abtreten noch Gegensteuer geben und die Primarlehrerinnen und -lehrer in eine höhere Lohnklasse befördern. Das hätte jährlich wiederkehrend 19 Millionen Franken Mehrkosten bedeutet. Doch Pulver lief im bürgerlich dominierten Regierungsrat auf. Öffentlich kommuniziert wurde dieser Entscheid nicht.

Indirekt tut dies nun die Erziehungsdirektion: Auf Anfrage schreibt sie, die Heraufstufung hätte monatlich 250 bis 390 Franken mehr Lohn bedeutet.

Roland Näf, SP-Fraktionschef im Grossen Rat und Schulleiter in Muri bei Bern, kann da nicht länger zusehen. Die fehlende Auswahl werde zum Qualitätsproblem, warnt er. Die Anstellungsbedingungen müssten dringend besser werden – auch beim Lohn.

Daniel Bichsel (SVP), Finanzkommissionspräsident und Präsident des Vereins bernischer Gemeinden, sieht das anders. Immerhin seien die Lehrerlöhne über das ganze Kantonsgebiet harmonisiert. Für andere Gemeindeangestellten gelte nichts dergleichen. Diese Errungenschaft komme nicht nur Lehrern zugute. Sie hebe auch die Chancen abgelegener Gemeinden auf dem Arbeitsmarkt. Die Lehrerlöhne tragen zu 70 Prozent der Kanton und zu 30 Prozent die Gemeinden. Um die Attraktivität Berns zu steigern, stehen für Bichsel nicht primär höhere Löhne im Fokus. Zuerst müssten die Steuern runter. Denn auch da steht Bern schlechter da als die Konkurrenz.

Lehrer im Amt halten

Die Erziehungsdirektion ist sich der insgesamt angespannten Situation bewusst. Der Regierungsrat giesst derweil Öl ins Feuer. Im Budget will er das Kostenwachstum bei den Lehrerlöhnen um jährlich 12 Millionen abbremsen. Mit diesem Geld werden lohnmässig besonders benachteiligte Lehrkräfte seit 2015 wieder an die im Lohnsystem vorgesehene Gehaltsentwicklung herangeführt (siehe Text rechts).

Die Erziehungsdirektion hat seit dem Scheitern Pulvers keine alternative Strategie zur Bekämpfung des Lehrermangels vorgelegt. Man wolle Lehrer durch gute Betreuung der Einsteigerinnen und Einsteiger im Beruf behalten, zudem wolle man Teilzeitangestellte motivieren, ihr Pensum aufzustocken, lässt Generalsekretär Marcel Cuttat einzig ausrichten.

«Das reicht nicht», stellt Anna-Katharina Zenger vom Berufsverband Bildung Bern fest. Die Situation bei den Löhnen der Primarlehrer sei «dramatisch». Das Lengnauer Beispiel deckt sich mit Rückmeldungen von Schulen aus dem Oberaargau. Das Solothurner Volksschulamt kann auf Anfrage nicht beziffern, wie viele Berner Lehrer im Kanton Solothurn arbeiten. Einen Lehrermangel gebe es in Solothurn aber nicht.

Schulleiter Simon Läderach hingegen hat derweil in Lengnau bereits wieder ein Loch zu stopfen: Bis nach den Herbstferien muss er eine Lehrerin oder einen Lehrer für ein 60-Prozent-Pensum an der Unterstufe finden.

(Der Bund)

Erstellt: 17.09.2018, 06:42 Uhr

Gehaltssystem lässt sich trotz Sparmassnahme ausgleichen

Am 19. August 2015 schrieb der damalige Erziehungsdirektor Bernhard Pulver einen Brief an alle Lehrerinnen und Lehrer im Kanton Bern, auch an jene der Berufsschulen und Gymnasien. Darin stellte er in Aussicht, dass der Lohnrückstand, von dem heute immer noch rund zwei Drittel aller rund 18'000 Lehrpersonen (Primar-, Sekundar-, Gymnasial- und Berufsschullehrer) betroffen sind, bis in zehn Jahren ausgeglichen sein werde.

Im August gab nun der neue Regierungsrat bekannt, dass er die jährlich 0,3 Prozent Lohnsummenwachstum, die dies seit 2015 garantieren, streichen will. Der Berufsverband Bildung Bern reagierte mit einem Aufschrei: «Die Regierung heizt den Lehrermangel an.»

Ganz so schlimm wirken sich diese 12 Millionen Franken, um die das Lohnbudget weniger stark wachsen soll, aber nicht aus. Gemäss der Erziehungsdirektion reicht der Spielraum in den unverändert belassenen 1,5 Prozent Lohnsummenwachstum, um die Delle auszugleichen.

Statt 2022 wäre dies aber erst zwei Jahre später der Fall. Das letzte Wort in dieser Sache hat der Grosse Rat im Rahmen der Budgetdebatte im Dezember. Entstanden ist die Delle, weil der Kanton aus Spargründen vor Jahren den Lohnanstieg abbremste. Seit drei Jahren setzt er wieder genügend Mittel ein, um die vorgesehene Lohnentwicklung finanzieren zu können.

Die Eltern schätzen es, dass Nola Schibler eingesprungen ist

Nola Schibler ist eine von rund 30 angehenden Lehrerinnen und Lehrern, die im Sommer wegen des aktuellen Lehrermangels in die Bresche sprangen (wir berichteten). Sie übernahm in Lengnau eine Einschulungsklasse mit jetzt elf Schülern.

Schulleiter Simon Läderach gab das etwas Luft auf der Suche nach definitiven Lösungen. Er konnte bis zum Beginn des Schuljahres gleich vier Stellen nicht definitiv besetzen.

Steiler Einstieg

Zumindest eine der eingesprungenen Studierenden – eine kurz vor dem Abschluss stehende Lehrerin – bleibt nun in Lengnau. Eventuell klappe es auch in zwei weiteren Fällen, hofft Läderach. Doch Nola Schibler will nach diesem Quartal wieder in ihre Ausbildung einsteigen und diese beenden. «Ich müsste sonst das Studium verlängern», sagt Schibler.

Die vergangenen Wochen waren für die 24-Jährige anstrengend, aber auch erfüllend. Am Elternabend seien Väter und Mütter auf sie zugekommen und hätten ihr erzählt, dass die Kinder sie bereits ins Herz geschlossen hätten. Sie waren froh, dass die Klasse doch noch zu einer Lehrerin gekommen ist.

Dennoch will sich Nola Schibler die Zukunft offenhalten. Der Lohn sei nicht das einzige Argument für ihre spätere Stellenwahl, meint sie, aber eben doch ein relevantes Kriterium. «Ich überlege mir schon, ob ich nicht einfach fünf Minuten länger im Zug sitzen bleiben soll.»

Lohnmässig jedenfalls würde sich diese Fahrt von ihrem Wohnort Ipsach über die Kantonsgrenze hinaus nach Solothurn auszahlen (siehe Hauptartikel).

Keine Auswahl

Der Klasse bleibt sie bis zu ihrem Studienabschluss im nächsten Sommer für zwei Tage pro Woche erhalten. Schulleiter Läderach kann Schiblers Entscheidung nachvollziehen. Auch wenn er damit wieder vor einem Problem steht. Nun muss er dringend eine 60-Prozent-Stelle besetzen.

Auswahl hat er schon seit längerer Zeit keine mehr. Meist gehe auf ein Inserat bloss eine Bewerbung ein – und nicht immer passe diese dann auf die zu besetzende Stelle.

Wenn Nola Schibler ihren Abschluss an der NMS Bern gemacht hat, würde Läderach sie «mit Handkuss» definitiv einstellen.

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