Eine kleine Stadt steht vor riesigen Veränderungen

Mit der Überbauung des Expo-Areals und der Autobahnumfahrung stehen Nidau grosse Veränderungen bevor. Die Projekte spalten Parteien und Volk – vor den Wahlen.

Nidaus Stadtpräsidentin Sandra Hess (FDP).

Nidaus Stadtpräsidentin Sandra Hess (FDP).

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Mit 7000 Einwohnern ist Nidau an sich ein Dorf. Biels Nachbargemeinde pocht jedoch stolz auf ihr historisches Stadtrecht. Seit 15 Jahren nennt sich das Gemeindeoberhaupt Stadtpräsident respektive Stadtpräsidentin, und das Parlament heisst nicht Grosser Gemeinderat, sondern Stadtrat. Tatsächlich erscheint einem Nidau nicht als Dorf.

Längst ist der Siedlungsraum mit Biel, Brügg, Port und Ipsach verschmolzen, und das Hochhausquartier Weidteile wirkt für schweizerische Verhältnisse fast grossstädtisch. Mit einer Sozialhilfequote von 10 Prozent und einem Ausländeranteil von fast einem Viertel beschäftigen Nidau vor allem städtische Probleme.

Eigentlich ist Nidau fertig gebaut. Eingezwängt zwischen Bielersee, Zihl und Nidau-Büren-Kanal, hat die nur 1,5 Quadratkilometer kleine Gemeinde kaum Entwicklungspotenzial. Und doch steht sie mit zwei riesigen Bauprojekten vor grossen Veränderungen. In Seenähe, wo einst die Pavillons der Expo-Arteplage standen, soll das neue Quartier Agglolac für 2000 Personen entstehen.

Der Plan: Eine private Immobilienfirma kauft das Land und baut darauf für 400 Millionen Franken Mehrfamilienhäuser sowie ein 70-Meter-Hochhaus. Die Erschliessung sowie die ausgedehnten öffentlichen Freiflächen finanziert die Kleinstadt durch den Verkauf des Landes.

Das zweite Grossprojekt soll die Gemeinde vom Verkehr entlasten. Der Bau der 2,2 Milliarden Franken teuren Westumfahrung von Biel betrifft Nidau ganz besonders. Die Autostrasse, die heute von Bern her mitten durch das Weidteile-Quartier führt, soll tiefergelegt und überdeckt werden. Damit wird ein Drittel der Stadtbevölkerung vom Verkehrslärm befreit. Zudem soll der Zubringer vom rechten Bielerseeufer mit seinem 1750 Meter langen Port-Tunnel den Durchgangsverkehr im Städtchen reduzieren.

Sandra Hess, Stadtpräsidentin seit vier Jahren, steht hinter den Projekten und hat geholfen, beide voranzutreiben. «Agglolac und der Westast werden die Stadtentwicklung positiv beeinflussen», sagt die FDP-Politikerin. Doch damit vertritt sie nur einen Teil der Einwohnerschaft. Gegen Agglolac hat sich ein überparteiliches Komitee formiert.

Kritisiert werden unter anderem die dichte Bebauung und der Landverkauf an eine Privatfirma. «Nein zur Agglolac-Betonwalze. Ja zu einer vernünftigen Überbauung ohne Gigantismus», fordert etwa die SVP. Nur Freisinn und BDP unterstützen das Projekt vorbehaltlos.

Riss geht durch Parteien

Beim Westast wird der Widerstand vor allem von Biel aus koordiniert. Dem Komitee Westast so nicht! gehören aber auch viele Nidauer an. «Der Westast ist definitiv keine Lösung für die Verkehrsprobleme», sagt etwa die grüne Stadträtin Carine Stucki-Steiner. Von den Ortsparteien unterstützen FDP, BDP und EVP die Umfahrung. In kaum einer Partei sind die Meinungen allerdings einheitlich.

Die SP etwa ist dermassen uneins, dass sie sich weder bei Agglolac noch beim Westast auf eine klare Haltung einigen konnte. «Bei uns gibt es bei beiden Projekten Gegner und Befürworter», sagt SP-Fraktionspräsident Tobias Egger, der selber bei Agglolac zu den Kritikern und beim Westast zu den verhaltenen Befürwortern gehört.

Die Generationenprojekte spalten Parteien und Bevölkerung. Umso erstaunlicher ist es, dass Sandra Hess am kommenden Wochenende nicht um ihre Wiederwahl bangen muss. Mangels Gegenkandidaten wurde sie bereits in stiller Wahl bestätigt. «Ich werte das als Zeichen der Wertschätzung und des Vertrauens», sagt sie.

Obschon starke Kräfte wie SP oder SVP ihre Linie nicht teilen, fordern sie die Amtsinhaberin nicht heraus. Der Grund ist banal: Man hat schlicht niemanden gefunden, der sich zur Verfügung gestellt hätte. «In der FDP-Hochburg Nidau wäre eine Kampfwahl für uns sowieso aussichtslos», sagt SVP-Präsident Roland Lutz.

Bleiben die Gemeinde- und die Stadtratswahl, wo es allerdings für die Bevölkerung gerade in Bezug auf die Grossprojekte teilweise nicht leicht ist, die Kandidatinnen und Kandidaten zu verorten. Denn viele schneiden die Themen Westast und Agglolac gar nicht erst an, sondern konzentrieren sich lieber auf Schulraumplanung, Kita-Plätze oder die Sanierung der Ortsdurchfahrt.

«Die Grossprojekte brauchen einen langen Atem», sagt Sandra Hess. An der Autobahn werde schon seit 50 Jahren geplant, und über die Zukunft des Expo-Areals mache man sich Gedanken, seit die Landesausstellung 2002 ihre Tore geschlossen habe. Wegen der Komplexität und Langfristigkeit bestehe die Gefahr, dass die Themen etwas in den Hintergrund gerieten und sich die Parteien auf kurzfristigere Projekte konzentrierten. Entscheidend sei für sie aber, dass schliesslich das Volk über Agglolac werde abstimmen können, so Hess. Zur Autobahnumfahrung wird es allerdings keine solche Volksabstimmung geben.

Der Bund

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