«Eine Höhle ist kein Spielplatz»

Mit dem Forscher in die Berner Höhlen: Ein Experte erklärt, warum wir dunkle Grotten faszinierend finden.

So hell beleuchtet wie die Beatushöhlen im Berner Oberland sind Höhlen normalerweise nicht.(Symbolbild)

So hell beleuchtet wie die Beatushöhlen im Berner Oberland sind Höhlen normalerweise nicht.(Symbolbild) Bild: Patrick Hürlimann

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Herr Amacher, über zwei Wochen waren in Thailand Jugendliche in einer Höhle eingeschlossen. Sie bieten in Bern in den Ferien für Schüler Höhlenforscherkurse an. Ein ungünstiger Moment?
Die Ferienkurse sind ausgebucht, und bisher hat niemand bedenken angemeldet. Es ist eine geführte Tour mit diplomierten Höhlenführern, die Verhältnisse sind ganz anders als in Thailand. Falls das Thema von Eltern angesprochen werden sollte, werden wir selbstverständlich darauf eingehen. Ich habe die Rettungsaktionen mitverfolgt. Der Vorfall ist natürlich tragisch, die Kinder tun mir leid. Es ist auch schlimm, die Perspektive der Eltern einzunehmen. Die Ungewissheit, ob alles gut kommt, und das Wissen, das man selber nichts tun kann.

Ist ein Szenario wie in Thailand auch bei uns denkbar?
Nicht in diesem Ausmass. Aber auch bei uns kann nie ganz ausgeschlossen werden, dass nicht alles so läuft, wie geplant. Das hat man im Januar gesehen, als acht Männer während mehrer Tage im Muothataler Hölloch eingeschlossen waren. Aber auch da bestand keine direkte Gefahr für die Betroffenen.

Was für Gefahren lauern denn in unseren Höhlen?
Die grösste Gefahr ist das Wasser. Wasser ist unberechenbar, man kann wenig Einfluss darauf nehmen. Umso wichtiger ist die präzise Planung. Dazu gehört auch, die Wetterverhältnisse abzuklären. Und da gilt ganz klar: Im Zweifelsfalle auf die Höhlentour verzichten. Weitaus gefährlicher als die Höhlen an sich ist aber der Faktor Mensch.

Wie meinen Sie das?
Objektive Gefahren kann man gut abschätzen. Aber Menschen überfordern sich, kennen ihre Grenzen nicht. Das fängt an bei ungenügender Ausrüstung oder mangelhafter Kondition. Im schlechtesten Fall entwickeln sich Dynamiken, die sich auf die ganze Gruppe auswirkt. Da liegt es am Höhlenführer, frühzeitig einzugreifen. Die Höhle ist kein Spielplatz.

Gehen wir vom Extremfall aus: Man ist in einer Höhle eingeschlossen. Was ist zu tun?
Man sollte sich in jedem Fall vorgängig gut ausrüsten und Helm, Lampe, geeignete Kleidung und Nahrung mitbringen. Wichtig ist, dass man mitteilt, wohin man geht und wann man wieder draussen sein sollte. Im Notfall werden Höhlenrettungsteams losgeschickt. Das ist aufwändig, funktioniert aber gut.

Sie bieten Höhlentouren als Teambuilding-Events an. Wie soll das einen zusammenschweissen?
Wer sich in eine Höhle begibt, verlässt auch seine Komfortzone. Man erhält uniformierte Kleidung und ist mit allen per Du. Manchmal müssen bewusst auch Statussymbole abgegeben werden: Uhren, Handys, Portemonnaie. Man streift seine Rolle ab und wird zum Menschen. Für viele ist das gar nicht so einfach.

Was geschieht in den Köpfen, wenn wir eine Höhle betreten?
Die Höhle ist etwas Archaisches. Es ist eine andere Welt, weg von Lärm, Hektik und Erreichbarkeit. Viele Menschen schätzen das, sie fühlen sich im Dunkeln geborgen und geniessen es, unterzutauchen.

Das klingt romantisch. Was ist mit Angstgefühlen?
Höhlen hatten schon immer eine ambivalente Wirkung auf den Menschen. Sie wirken anziehend, lösen aber auch Ängste aus. Deshalb kann man dort viel lernen: Hier draussen kann ich den Dingen aus dem Weg gehen. Aber drinnen geht das nicht. Die Ängste kommen einfach, das kannst du nicht steuern. Kann man diese Ängste dann überwinden, macht das einen glücklich.

Früher dienten Höhlen den Menschen als Wohnung. Was ist heute ihre Funktion?
Es gibt ja heute noch Höhlen-Wohnungen, etwa im Lindental. In Frankreich zum Beispiel sind Höhlen für die Regionen wichtige Einnahmequellen. Das ist bei hier weniger der Fall. Bei uns sind Höhlen vor allem Sport- und Forschungsobjekte. (Der Bund)

Erstellt: 10.07.2018, 17:59 Uhr

Gerhard Amacher ist Höhlenführer und Geologe.

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