«Ein Spital kann man schrottreif schiessen»

Werner Stadlmayr, scheidender Chefarzt der geschlossenen Geburtshilfeabteilung am Spital Riggisberg, über die Geburtshilfe im Zeitalter der Emanzipation und fragliche Anreize in der Gesundheitspolitik.

Werner Stadlmayr ist überzeugt, dass das Riggisberger Modell der Gesellschaft auch Kosten erspart hat.

Werner Stadlmayr ist überzeugt, dass das Riggisberger Modell der Gesellschaft auch Kosten erspart hat.

Sie waren bis im Sommer Chefarzt der nun geschlossenen Geburtshilfeabteilung in Riggisberg. Erinnern Sie sich an ihre letzte Geburt?
(überlegt lange) Diese ist mir im Moment nicht präsent. Ich kann mich aber sehr gut an die letzten Tage mit dem Geburtshilfe-Team in Riggisberg erinnern. Wir warteten alle, ob eine der Frauen, die bei uns zur Geburt angemeldet waren, doch noch kommen würde.

In Riggisberg leiteten ja vorab die Hebammen und nicht die Ärzte die Geburten – weshalb eigentlich?
Wir Ärzte waren bei den Geburten schon auch dabei. Unser Anliegen war es aber, als Arzt so da zu sein, dass sich die Gebärende und die Hebamme nicht gestört fühlten. Ich bin fest überzeugt, dass wenn Ärzte nur noch diejenigen Geburten sehen, die nicht gelingen, sie weniger Verständnis dafür haben, wie sie Geburten und Gebärprozesse im Guten halten können. Das Gefühl für normale Geburten ging in den letzten Jahren etwas verloren, weil die Ärzte gar nicht mehr sehen, wie eine normale Geburt abläuft.

Die Kaiserschnittrate im Kanton Bern beträgt fast 34 Prozent, und schweizweit gebärt nur noch ein Drittel aller Frauen ohne medizinische Eingriffe. Ist das schlimm?
Betrachtet man die Geburtshilfe von aussen, mag man sich fragen, warum man überhaupt noch eine natürliche Geburt fördert und generell nicht einfach einen Kaiserschnitt macht. Damit schaffen wir aber das Problem, dass sich Mutter und Kind im Gebärprozess nicht gespürt haben. Ich bin überzeugt, dass der Gebärprozess auf die Bindung beziehungsweise die Bindungsbereitschaft der Mutter und des Kinds einen Einfluss hat. Jetzt gibt es einen Teil der Frauen, die sagen, dass sie eine natürliche Geburt überhaupt nicht wollen, die sich nicht vorstellen können, dass dieser Gebärprozess einen Sinn machen könnte. Es ist wichtig, dies als eine gesellschaftliche Diskussion zu sehen.

In welchem gesellschaftlichen Zusammenhang sehen Sie dies denn?
Es gibt Frauen, die finden, dass eine spontane, ungeplante Geburt mit einer bestimmten Sicht der Emanzipation und der Berufsplanung nicht mehr vereinbar ist . Eine geplante Geburt ist vordergründig souveräner, weil man vermeintlich die Kontrolle behalten kann. Denn beim Gebären hat man den Kopf nicht immer über den Wellen, sondern es taucht einen auch unter. Man muss sich anvertrauen, ausliefern, und das gilt heute nicht mehr als souverän. Viele Frauen erleben die Schwangerschaft mittlerweile als etwas sehr Überforderndes und wollen dann nicht auch noch eine herausfordernde Geburt auf sich nehmen.

Frauen, die in Riggisberg geboren haben, bezeichnen die Beratung bei solchen Themen als einen Teil, der die Abteilung ausgezeichnet hat.
Frauen haben sich sicher deshalb für eine Geburt bei uns entschieden, aber auch, weil uns die Integration des Vaters sehr wichtig war. 50 Prozent der Väter waren in den ersten Tagen im Spital mit dabei. Wir hatten etwa eine Patientin, die einen geplanten Kaiserschnitt vor sich hatte. Sie aber wollte die Wehen abwarten und erst nach den ersten, spontanen Wehen einen Kaiserschnitt haben. Sie fand kein einziges Spital, welches ihr zusicherte, sie könne die Wehen abwarten und man mache ihr anschliessend einen Kaiserschnitt – auch mitten in der Nacht. Es war eine Wonne, die Familie nach der Geburt zusammen im Zimmer zu sehen. Das Bedürfnis, als Familie eine Geburt so erleben zu können, wird sehr unterschätzt.

Weshalb gesteht man einer Frau bei einem geplanten Kaiserschnitt nicht zu, die Wehen abzuwarten?
Weil es organisatorisch aufwendiger ist und man alles, was in der Nacht passieren könnte, vorher erledigen möchte. Zudem macht eine solche Geburt die Kosten höher, weil die Fachleute in der Nacht extra herkommen müssen.

Wenn Sie die Geburtshilfe in Riggisberg vielleicht etwas ökonomischer angegangen wären, hätte die Abteilung nicht geschlossen werden müssen.
Die Geburtenzahl war ja am Zunehmen. 2012 hatten wir 20 Prozent mehr Geburten als 2011. 20 Prozent ist eine hohe Zuwachsrate. Gleichzeitig ist durch die Einführung der Fallpauschalen der Ertrag des Spitals aber um 20 Prozent zurückgegangen. Allein durch einen planwirtschaftlichen Verwaltungsakt wurde die Fallpauschale so festgelegt, dass ein Spital erst ab 1000 oder 1200 Geburten rentieren soll. Wir hatten 352 Geburten im Jahr 2012. Eine Geburtsabteilung darf man aber nie isoliert betrachten. Wir waren Teil eines Spitals, das finanziell deutlich Fortschritte machte. Das Defizit lag vor drei Jahren bei drei Millionen, für das Jahr 2013 wurde ein Defizit von deutlich unter einer Million Franken budgetiert. Mit der Schliessung der Geburtsabteilung in Riggisberg hat man das Spital nun aber in eine ganz schwierige ökonomische Situation gebracht. Denn die Schliessung hat zu einem grossen Patientinneneinbruch geführt. Es gibt aber noch ganz andere, wirtschaftliche Aspekte.

Welche wären das?
Die Frage ist, ob wir der Gesellschaft durch die Riggisberger Art der Geburtshilfe nicht auch viele Kosten erspart haben. Im Minimum 15 Prozent aller Frauen machen nach der Geburt eine postnatale Depression durch. Bekannt ist zudem, dass die Paarzufriedenheit in den ersten zwei Jahren nach der Geburt eines Kindes signifikant abnimmt und die Trennungsrate erhöht ist. Wir haben immer mehr Kinder mit einer chronifizierten psychischen Störung und wir wissen, dass die Misshandlung von Kindern am Ende des ersten Lebensjahres zugenommen hat. Nun einfach zu sagen, die Durchorganisation der Geburt, des Zeitpunkts der Geburt und der Wochenbettdauer hätten mit den geschilderten Problemen nichts zu tun, das halte ich für falsch. Doch die Verantwortlichen in der Gesundheitspolitik sind nicht bereit, dies zu sehen. Der Betrieb als wirtschaftliche Grösse ist die Leitgrösse anstatt die Gesellschaft und das Individuum.

In Riggisberg wollten Sie ein festes Angebot für Frauen mit einer postnatalen Depression schaffen, scheiterten damit aber, weil gemäss Gesundheitsdirektion keine Zusammenarbeit mit der Psychiatrie geplant war.
Wir behandelten Frauen ausschliesslich aufgrund der Indikation eines Psychiaters. Man kann uns also nicht vorwerfen, wir hätten uns irgendwelche Indikationen zurechtgeschustert. Seitens der Psychiatrie war man froh, dass wir die Frauen aufnahmen, weil Mutter und Kind bei uns zusammen behandelt werden konnten, dies im Gegensatz zur Psychiatrie. Durch klinische Erfahrungen wissen wir heute, wenn eine Mutter während einer postnatalen Depression von ihrem Kind getrennt wird, dann ist die Suizidgefahr höher und der Heilungsverlauf schlechter. Für das Hebammen-Ärzte-Team war immer klar: Wenn die Geburtshilfe ein solches Angebot schafft, braucht es psychiatrische Kompetenzen dazu und umgekehrt. Bei der Gesundheitsdirektion sagte man aber, als wir um einen entsprechenden Leistungsauftrag anfragten: Bringen Sie uns einfach erst mal Zahlen.

Was für Zahlen?
Zur stationären Behandlungsbedürftigkeit. Man wurde den Eindruck nicht los, dass man die Angebote in Riggisberg bewusst herunterfahren und keine Angebote zulassen wollte, welche die Bedeutung von Riggisberg vergrössert hätten.

Wie konnten Sie die Behandlung bei Postnataler Depressionen denn ohne Leistungsauftrag abrechnen?
Wir bekamen eine Einweisung, machten einen Kostenantrag an die Kassen, und diese machten eine Einzelfallbegutachtung. Weil die psychiatrische Indikation gegeben war, wurde die stationäre Behandlung in diversen Fällen auch genehmigt.

Wäre das Projekt eine Chance gewesen, die ökonomische Situation von Riggisberg zu verbessern?
Davon bin ich fest überzeugt. Wir haben wirklich darauf geachtet, die Geburtshilfe in Riggisberg weiterzuentwickeln und attraktiver zu machen, um die Situation wirtschaftlich zu verbessern. In gleicher Weise hat man uns aber auch das Leben schwer gemacht, indem es für uns fast unmöglich wurde, neue Ärzte zu finden.

Weshalb haben Sie keine Ärzte gefunden?
Die Ärzte mussten fast eineinhalb Jahre ohne Vertrag arbeiten. Sie wurden zwar bezahlt, aber immer auf einer vertragslosen Basis. Bereits ab April 2012 wurden keine Verträge für Ärzte in Kaderfunktionen mehr unterschrieben bei der Spitalnetz Bern AG. Wenn ein Spital zudem dauernd in der Diskussion steht, dass es bald geschlossen wird, dann finden Sie keine Ärzte mehr. So kann man ein Spital propagandistisch schrottreif schiessen.

Sie verlassen nun die Spitalnetz Bern AG. Warum haben Sie hier keine Zukunftsperspektive mehr?
Wir waren überzeugt, nach der Schliessung der Geburtshilfeabteilung in Riggisberg irgendwo in der Landschaft der Spitalnetz Bern AG eine Riggisberg-light-Version installieren zu können, weil man die mehr als 350 Geburten pro Jahr, die in Riggisberg stattfanden, nicht verlieren wollte. Dem war aber nicht so. Ich schaute danach, ob es die Möglichkeit gibt, eine Riggisberg-light-Version in einer anderen Spital-Gruppe installieren zu können.

Sie haben dies bei der Spitalgruppe Simmental-Thun-Saanenland AG versucht
Man hat in Thun viele gute Ideen und sehr engagierte Fachleute. Ich könnte mir vorstellen, dass man in Thun parallel zum bestehenden Geburtshilfeangebot ein alternatives Angebot schaffen könnte. Ich habe mich nicht gegen Thun entschieden, weil mir irgendetwas am Spital Thun nicht gefallen hätte.

Weshalb dann?
Ich wurde vom Kantonsspital Aarau für eine Stellenbesetzung angefragt. Weil dieses eine gewisse Grösse hat, sind dort die mir wichtigen geburtshilflichen Angebote möglich. So soll die Frau weiter die Wahl haben, auch in komplexen Geburtssituationen eine vaginale Geburt versuchen zu können. Zudem kann ich meine Forschungen im Bereich «Familien-Entwicklung bei der Ankunft eines Kindes» weiterführen. Bliebe ich im Kanton Bern, käme ich nicht aus diesen Spannungen heraus, die im Zusammenhang mit der Schliessung der Geburtshilfeabteilung Riggisberg entstanden sind. Und das will ich nicht. Denn: Ich bin in erster Linie ärztlicher Geburtshelfer und nicht Politiker.

Der Bund

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