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Droht an den Gymnasien ein Fächer-Streit?

Für den Informatikunterricht fordern die Gymnasien mehr Lektionen. Bürgerliche möchten im Gegenzug bei andern Fächern Lektionen streichen.

Ab der 5. Klasse bekommen die Schülerinnen und Schüler im Worbboden ihren persönlichen Mail-Account und ein eigenes Benutzerprofil.
Ab der 5. Klasse bekommen die Schülerinnen und Schüler im Worbboden ihren persönlichen Mail-Account und ein eigenes Benutzerprofil.
Franziska Rotehnbühler

Nicht nur in der Volksschule, sondern auch an den Berner Gymnasien soll künftig mehr Informatik unterrichtet werden. Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren hat beschlossen, Informatik zu einem obligatorischen Fach aufzuwerten (der «Bund» vom 28. Oktober). Mit vier Lektionen – und neuerdings auch mit Noten – wird Informatik promotionsrelevant. Wer in diesem Fach allzu schlecht abschneidet, dem droht der Gymer-Rausschmiss. Laut Erziehungsdirektor Bernhard Pulver könnte Informatik einst gar zum Grundlagenfach, also für die Maturprüfung relevant werden.

Auch der Kanton ist herausgefordert. Nicht im Fach selber natürlich, jedoch in dessen Organisation. «Für die Informatik braucht es zusätzliche Lektionen und mehr Geld», sagt Pulver. Der Kanton Bern habe die Lektionenzahl in den letzten Jahren an den Gymnasien bereits massiv reduziert und sei nun bereits unter dem schweizerischen Durchschnitt. Ähnlich äussert sich Pino Mangiarratti, Präsident von Bildung Bern und Lehrer am Gymnasium Burgdorf: «Wer im Restaurant ein Dessert will, muss es auch bezahlen können», sagt er. Zudem hätten die Berner Gymnasien mit der Einführung der obligatorischen Quarta gerade eine Reform hinter sich.

App statt Lektion?

Bei den Bürgerlichen wirft die Forderung nach zusätzlichen Informatiklektionen Fragen auf. «Ja, es braucht mehr Informatik, das ist unbestritten», sagt FDP-Grossrätin Corinne Schmidhauser, die die Feusi-Sportschule leistet. Entscheidend sei aber, wie dieser Stoff unterrichtet werden solle. «Bereits jetzt zusätzliche Stunden zu verlangen, ist klar verfrüht», sagt sie.

Dass die Lehrerinnen und Lehrer mehr Lektionen forderten, sei logisch, sagt Schmidhauser. Aber die Schüler? «Da bin ich skeptisch», sagt sie. Zudem sei die Forderung nach Zusatzlektionen der einfachste Weg. «Vielleicht helfen die neu erworbenen Informatik-Fähigkeiten, dass künftig eine Deutschlektion weniger benötigt wird», sagt sie. Ersetzt würde diese dann beispielsweise durch ein E-Learning-Tool. Bereits heute gibt es laut Schmidhauser unzählige elektronische Hilfsmittel, und laufend würden neue Apps entwickelt.

Der Vorschlag von FDP-Grossrätin Schmidhauser, Deutsch auf Kosten der Informatik zurückzubuchstabieren, ist brisant. Einen Streit der Fächer wollen die Gymnasien und auch Bildungsexperten nämlich unbedingt verhindern. Dies sagt auch Martin Lehmann, der an der Pädagogischen Hochschule Bern Informatiklehrer ausbildet und massgeblich daran beteiligt war, den schweizweit gültigen Rahmenlehrplan Informatik zu entwickeln.

«Wenn andere Fächer zurückgebunden würden, stiesse dies auf sehr viel Unverständnis», sagt Lehmann. Das neue Fach dürfe nicht auf dem Buckel der anderen realisiert werden. Vielmehr müsste die ganze Lehrerschaft die Möglichkeit erhalten, sich in Informatik weiterzubilden. Denn die Schülerinnen und Schüler sollen die neu erworbenen Informatik-Fähigkeiten in möglichst vielen Fächern einsetzen können.

Informatiker sind Mangelware

Schon nur genügend neue Informatiklehrer zu finden und diese auszubilden, ist laut Lehmann eine Herausforderung. Informatikerinnen und Informatiker seien stark gesuchte Fachkräfte. Dass für diese auch der Berufsweg als Gymnasiallehrer attraktiv sein könne, darauf müsse man die Informatiker nun erst einmal aufmerksam machen. Wenn es nach Lehmann geht, könnte eine erste Informatik-Pilotklasse bereits im Sommer 2018 starten. «Wir sind bereit, vorausgesetzt, die Politik spielt mit», sagt er. Denn die Zeit bleibe nicht stehen, ansonsten drohe die Schweiz im internationalen Vergleich den Anschluss zu verlieren. «Viele Länder kennen heute ein Obligatorium», sagt Lehmann. Und an den meisten Orten sei man daran, diese Programme auszubauen.

Die Schweiz drohe im Vergleich mit ausländischen Staaten abgehängt zu werden, sagen Experten. Mit dem Lehrplan 21 gibt der Kanton Bern nun Gegensteuer: An Primar- und Sekundarschule wird künftig massiv mehr Informatik unterrichtet. Auch an den Berner Gymnasien wird das Fach Informatik gestärkt. Wie soll der neue Informatikunterricht aussehen? Diskutieren Sie auf der Diskussionplattform Stadtgespräch mit.

  • Wie beurteilen Sie den heutigen Informatikunterricht in den Berner Schulen?
  • Wie sieht sinnvoller Informatikunterricht aus?
  • Wenn es nicht zusätzliches Geld und mehr Lektionen gibt: Welche Fächer sollen Federn lassen für die Informatik?

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