Die Teenagerjahre verpasst

Eine Hirnverletzung verändert alles: Es gibt unsichtbare Handicaps, die nie ganz verschwinden. Zwei junge Menschen berichten über ihren langen Weg zurück in ein anderes Leben.

Nach dem Schicksalsschlag müssen sich Tatjana Jovanovic und Manuel Krieg ihre Unabhängigkeit hart erkämpfen.<p class='credit'>(Bild: Franziska Scheidegger)</p>

Nach dem Schicksalsschlag müssen sich Tatjana Jovanovic und Manuel Krieg ihre Unabhängigkeit hart erkämpfen.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Simon Wälti

Eine Kollegin schlief im Februar 2012 am Steuer ihres Wagens ein und verursachte bei Lyss auf der Autobahn einen Unfall. Tatjana Jovanovic war Beifahrerin und prallte mit dem Kopf gegen einen Innenpfosten. Ein Kollege schoss im Schulsport beim Fussballspielen im November 2011 aufs Tor und traf Manuel Krieg am Hals. «Zuerst war mir nur ein wenig ‹sturm›», sagt der heute 23-Jährige. «Ich dachte mir nicht viel dabei.» Erst eine Woche später wurde es ernst. Da kippte er bei einem Handballmatch, als er auf der Bank sass, plötzlich um: ein Schlaganfall. «Ich habe noch gesehen, wie die Sanität kam.»

Tatjana, heute 21-jährig, erzählt über ihren Unfall: «Zuerst war ich noch bei Bewusstsein, konnte aus dem Auto aussteigen und rief sogar meine Mutter an.» Einige Minuten später, als Hilfe nahte, verlor sie das Bewusstsein: eine Hirnblutung. So endete für die beiden jungen Menschen, die am Gymnasium Kirchenfeld in Bern zur Schule gingen, die Unbeschwertheit.

«Ein jahrelanger Kampf»

Am Anfang sass Manuel im Rollstuhl, er konnte das rechte Bein und den rechten Arm nicht bewegen und auch nicht sprechen. Tatjana erging es ähnlich: Sie hatte Mühe, die richtigen Worte zu finden, ihr rechter Arm zeigte Lähmungserscheinungen. «Üben, üben, üben», sagt die junge Frau, «nur durch Training verbessert sich die Situation.» Doch es ist ein langer Weg zurück – und der Weg führt nicht ins gleiche Leben. Nachher ist alles anders: Handicaps bleiben zurück. Tatjana und Manuel ermüden schneller, können sich weniger lang konzentrieren, brauchen mehr Pausen, können weniger gut mit Stress oder mit Lärm umgehen. Ihre Eltern müssen sie unterstützen. «Je nach Tagesform kann ich besser oder schlechter formulieren», sagt Manuel. Tatjana wiederum schreibt nun mit der linken Hand, weil ihr das Schreiben mit der rechten Hand schwerer fällt. «Es ist ein jahrelanger Kampf, und wir haben dabei unsere Teenagerjahre verpasst», sagt sie. Sie sei aber erleichtert, dass die schlimmste Zeit hinter ihr liege.

Manuels Mutter, Anita Haegeli, erzählt, es sei eine schwierige und belastende Zeit gewesen. Dabei habe sich gezeigt, dass die finanzielle Unterstützung für junge Menschen in der Ausbildung oft nicht ausreiche. «Es gibt eine Deckungslücke, weil sie nicht der Unfallversicherung unterstellt sind.» Zudem werde ein Schlaganfall grundsätzlich als Krankheit und nicht als Unfall eingestuft. «Ein Wettlauf mit den Versicherungen begann», sagt Anita Haegeli, die in Münchenbuchsee lebt. «Ein solcher Schicksalsschlag ist eine extreme Herausforderung für die Eltern.» Sie gründete deshalb letztes Jahr den Verein Wurzelflug, der in Not geratene Menschen unterstützt, die in jungen Jahren eine Hirnverletzung erlitten haben. Oft erhielten diese auch nur eine minimale IV-Rente, ähnlich sehe es bei den Ergänzungsleistungen aus. Rehabilitation, Therapien und Medikamente seien aber kostspielig. Manchmal brauche es auch einen Zustupf, um die soziale Integration der jungen Menschen zu fördern. «Ziel ist es, dass die Betroffenen ein selbstbestimmtes Leben ohne Unterstützung durch die Eltern führen können», sagt Anita Haegeli. Um Geld zu sammeln, läuft derzeit ein Crowdfunding-Projekt.

Das Leben neu aufgleisen

Im Unterschied zu anderen Handicaps sieht man den beiden jungen Menschen ihre Einschränkung nicht auf den ersten Blick an. Deshalb mussten und müssen sich Manuel und Tatjana häufig erklären – auch gegenüber Freundinnen und Freunden. «Das war manchmal mühsam, aber meine Freunde haben mich so akzeptiert wie ich bin», sagt Tatjana. Sie sei ein sehr positiver Mensch. Da jedoch die Belastbarkeit durch den Unfall stark abnahm, war es schwierig, eine passende Ausbildung zu finden. Die Träume und Pläne von früher wurden Makulatur – sie wäre gerne Innenarchitektin geworden.

Tatjana Jovanovic bewarb sich an zahlreichen Orten, eine 100-Prozent-Anstellung kam für sie aber nicht infrage. «Ich brauche einen geschützten Bereich», sagt sie. An der Feusi absolviert sie zurzeit eine Handelsschule, danach kann sie bei der Fenaco-Landi-Gruppe in Bern ein Praktikum beginnen. Auch für Manuel Krieg hat sich die beharrliche Suche gelohnt. Er konnte bei der Stadtverwaltung Bern schnuppern, nachdem er zuerst eine Absage erhalten hatte. Im August kann er nun eine zweijährige Lehre mit Berufsattest in der Präsidialdirektion beginnen. «Ich muss und will mein Leben neu aufgleisen», sagt er voller Zuversicht. Von Enttäuschungen werden sich die beiden nicht so schnell entmutigen lassen.

www.wurzelflug.ch– Crowdfunding-Projekt

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