Die Stadt, in der die SVP den Ton angibt

Im Unterschied zu anderen Städten wählen Thunerinnen und Thuner mehrheitlich bürgerlich. Möglich machen das Parteien, die pfleglich miteinander umgehen. Eine Spurensuche.

Der Thuner Stadtpräsident Raphael Lanz im neuen Schlossberg-Parking, das er kurz vor den Wahlen noch einweihen kann.

Der Thuner Stadtpräsident Raphael Lanz im neuen Schlossberg-Parking, das er kurz vor den Wahlen noch einweihen kann. Bild: Adrian Moser

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Was macht Thun aus? Der Waffenplatz, das Schloss, der See, die Berge oder der Mühleplatz mit seinen Restaurants im Bälliz? Und weshalb tickt Thun anders? Immerhin widersetzt sich die Stadt dem politischen Megatrend hin zu rot-grünen Mehrheiten. Seit acht Jahren ist mit Raphael Lanz ein SVPler deren Stadtpräsident, im Parlament stellt die Volkspartei die stärkste Fraktion.

Daran wird sich bei den Gemeindewahlen vom 25. November wenig ändern. Jedenfalls, wenn Lanz’ Vorgänger, der Sozialdemokrat Hansueli von Allmen, recht behält.

Thun von fern

Wer von aussen kommt, sieht der Stadt nicht an, dass sie ein Sonderzüglein fährt. 2010 übernahmen die Bürgerlichen mit dem Stadtpräsidium gleichzeitig die Regierungsmehrheit.

Dem Zürcher Werber Christoph Bürge, dessen Büro sich 2017 an der Ausschreibung um ein neues Erscheinungsbild für die Stadt beteiligte, fiel zwar «die eigenständige Persönlichkeit» auf. Bürgerlicher als andere Städte kam ihm Thun deswegen nicht vor. Angetan haben es ihm die kleine, authentische Altstadt und die aufkeimende Urbanität. Die Stadt biete alles: Lebensqualität, Kunst und Kultur. Zudem mache sie die Nähe zum See, zu den Bergen attraktiv für Outdoor-Fans, die dennoch gerne in einer Stadt lebten. Was Bürge sieht, überzeugt offenbar auch Zuzüger. Heute wohnen 44000 Personen in der elftgrössten Stadt der Schweiz.

Am Ende machte dann nicht eine Zürcher, sondern doch eine Berner Werbeagentur das Rennen. So viel lässt sich Stadtpräsident Raphael Lanz entlocken. Doch wie sich Thun künftig selber darstellen will, verrät er nicht, obwohl Konzept und Claim des Auftritts stehen. Enthüllen darf das Geheimnis erst die neue Regierung – mit grosser Wahrscheinlichkeit weiterhin unter Lanz’ Führung.

Thun im Zoom

Die Thunerinnen und Thuner seien nämlich im Grossen und Ganzen zufrieden, beobachtet von Allmen, der von 1991 bis 2010 Stadtpräsident war. Sie verspürten kaum Lust auf einen politischen Wechsel – wohl auch wegen ihres eher behäbigen Naturells. Allenfalls werde Links-Grün etwas zulegen. Eine Rolle möge dabei spielen, dass keine grössere Stadt einen so hohen Rentneranteil habe wie Thun. Nicht dass die Leute abwanderten, nein, die Zuzüger seien einfach schon nicht mehr jung. Von Allmen pflegte jeweils zu sagen: «Wer alt werden will, kommt nach Thun.» Die lange Geschichte als Stadt mit der grössten Militärpräsenz in der Schweiz hinterlässt ebenfalls Spuren. Und im Gegensatz zu den meisten Städten nimmt der Anteil an Velofahrern und Fussgängern ab und jener der Autos zu. 2005 sah dies noch anders aus. Damals war Thun noch vorn dabei, wie sich von Allmen erinnert.

Auf eine abschliessende Erklärung will er sich aber nicht festlegen. Lanz seinerseits, ganz der Wahlkämpfer, ortet die Gründe in «guter und pragmatischer bürgerlicher Politik» und einer SVP, die wie in vielen anderen bernischen Gemeinden seit langem in der Verantwortung stehe. Im Klartext bedeutet das keine markige Opposition, sondern lösungsorientierte Realpolitik. Wo sich in anderen Städten die Blöcke Grabenkämpfe um Fussgängerzonen lieferten, trügen in Thun alle mit, wenn aktuell oberirdische Parkplätze unter den Boden ins neue Schlossberg-Parking verlegt würden.

Für seinen Vorgänger von Allmen ist das dann doch ein bisschen dick aufgetragen. Möglich geworden sei dieser Kompromiss beim Parkplatzstreit erst durch das Entgegenkommen von SP und Grünen. Wahr sei hingegen, dass man in Thun seit jeher pfleglich miteinander umgehe. Diese vermittelnde Politik habe Lanz beibehalten.

Und Lanz tut mehr als das. Er ist Politprofi genug, um die richtigen Schlüsse aus den Thuner Befindlichkeiten zu ziehen. Geschmeidig macht er bei urbanen Entwicklungen mit. Er fährt Velo, fördert eine Siedlungsentwicklung gegen innen und Aussenbestuhlungen von Restaurants auf dem Mühleplatz. Sein bürgerliches Profil schärft er im Grossen Rat, in dem er seit 2014 sitzt. Dort unterscheidet er sich kaum von einem linientreuen SVPler. Daraus macht er auch keinen Hehl. Arbeiten in einer Regierung sei nicht das Gleiche wie Politisieren im kantonalen oder eventuell bald im nationalen Parlament. Als langjähriger Richter weiss er beispielsweise, wie schwierig kategorische Rechtsvorgaben sind. Dennoch sprach er sich für die 2016 abgelehnte Durchsetzungsinitiative aus. Im Gespräch betont er dagegen seine Erfahrung als Zivilrichter. Wie damals müsse er auch als Lokalpolitiker tragfähige Kompromisse aufgleisen. Mehr will er zu Ungereimtheiten in seinen unterschiedlichen Funktionen nicht sagen.

Über Thun hinaus

Im flauen Wahlkampf wurde Lanz nie richtig herausgefordert. Er hat sowieso höhere Ziele: Ende 2019 möchte er den 2015 verpassten Sprung in den Nationalrat schaffen. Er will dort «seine breite Erfahrung einbringen sowie den Kanton Bern und die Region Thun vertreten». Aber vielleicht entwächst der ambitionierte Politiker dieser lokalen Bühne auch. Auf Nachhaken schliesst er dies jedenfalls nicht aus.

Angesichts dieser Aussichten kann Lanz es verschmerzen, wenn die Präsentation des neuen Thuner Erscheinungsbildes erst 2019 erfolgt und ihm in diesen Wahlen nichts mehr nützt. Zumal sich schon morgen Samstag eine andere Gelegenheit bietet: Lanz eröffnet das neue Parkhaus Schlossberg mit einem Volksfest. Der alte Politfuchs von Allmen nimmts schmunzelnd zur Kenntnis.

(Der Bund)

Erstellt: 09.11.2018, 06:45 Uhr

Wie die Thuner SP ihre Vormacht einbüsste

Thun ist bürgerlich – durch und durch: Während fast alle grösseren Schweizer Städte rot-grün dominiert sind, hat Thun eine bürgerliche Regierungs- und eine bürgerliche Parlamentsmehrheit. Mehr noch: Stärkste Partei ist nicht die urbane SP, sondern die ländliche SVP. Bei den letzten städtischen Wahlen vor vier Jahren kam die SVP auf 26,4 Prozent Wähleranteil, die SP auf lediglich 20,6 Prozent.

Ein Vergleich verdeutlicht die Thuner Besonderheit: Selbst in kleinen Zentren ist die SP stärkste Kraft. In Burgdorf kommt sie auf 27,1 Prozent (SVP 17,8). Und auch in Langenthal, wo die SVP ähnlich stark ist wie in Thun, liegt die SP trotzdem klar vorne (27,8 zu 25,2 Prozent).

Auch national fällt Thun aus der Norm, jedenfalls was die Stadtregierungen anbelangt. Von den 15 grössten Schweizer Städten werden 13 von Rot-Grün regiert. Nebst Thun hat nur Lugano mit der starken Lega ebenfalls eine bürgerliche Stadtregierung.

Die SVP ist seit elf Jahren die Nummer eins in Thun. 2006 waren die Sozialdemokraten mit damals noch 25,5 Prozent Wähleranteil letztmals stärker. Bereits ein Jahr später kehrte die Stimmung: Bei den Nationalratswahlen fiel die SP in der Wählergunst deutlich hinter die SVP zurück.

SP kann Hoffnung schöpfen

Ein Grund waren die erstarkten Grünen, die damals über 5 Prozentpunkte zulegten. Die SP verlor aber auch an die Mitte. Das zeigte sich 2010, als die Grünen bereits wieder etwas schwächelten, die SP aber noch einmal fast 6 Prozentpunkte einbüsste. Der SP setzten vor allem die Grünliberalen, aber auch die BDP stark zu. Die SVP dagegen wuchs trotz BDP-Abspaltung weiter. Indem sie sich frühere Wähler der Schweizer Demokraten und anderer rechter Splitterparteien einverleibte, vermochte sie die BDP-Konkurrenz mehr als zu kompensieren.

Für die Wahlen am 25. November darf die SP nun aber etwas Hoffnung schöpfen. Grund dafür sind die Grossratswahlen vom Frühling: Die SP legte erstmals seit 2006 in Thun wieder richtig zu. Gleichzeitig wurde der Höhenflug der lokalen SVP gestoppt, sie büsste 2,5 Prozentpunkte ein. (soh)

Regieren erstmals die Grünen mit?

Ursula Haller hatte in der Thuner Exekutive einst für die bürgerliche Wende gesorgt. Vor 20 Jahren gewann sie für die SVP einen zweiten Gemeinderatssitz und beendete damit eine achtjährige Episode mit linker Mehrheit. Haller ist längst nicht mehr in der SVP und auch nicht mehr im Gemeinderat, die bürgerliche Mehrheit aber hat weiter Bestand. 2 SVP, 1 CVP und 2 SP lautet seit vier Jahren die Formel.

Der Gemeinderat wird im Proporz gewählt: Rechts treten SVP und FDP gemeinsam an, links SP und Grüne. Der CVP-Sitz wurde in einer Mitte-Allianz mit BDP, EVP, GLP und EDU errungen. Die drei Blöcke treten unverändert an.

Spannung gibt es, weil ein SP-Sitz frei wird. Die Grünen haben gute Chancen, diesen zu erobern und in Thun erstmals mitzuregieren. 2014 fehlten ihnen nur gerade 40 Stimmen zum Erfolg. Ihre Spitzenkandidatin, Grossrätin Andrea de Meuron, führt einen auffällig aktiven Wahlkampf. Die Sozialdemokraten versuchen, den Sitz mit Pfarrerin Margrit Schwander zu verteidigen. Der zweite SP-Sitz ist mit dem Bisherigen Peter Siegenthaler nicht gefährdet.

Auch CVP-Mann Konrad Hädener hat dank breitem Mitte-Bündnis intakte Wiederwahlchancen. Gefahr droht ihm allenfalls von rechts. Das SVP/FDP-Bündnis war 2010 nicht allzu weit von einem dritten Sitz entfernt. FDP-Grossrat Carlos Reinhard versucht, für die Freisinnigen den historischen Sitzverlust von 2010 wettzumachen, als sie aus der Regierung flog. Nicht ganz ausgeschlossen ist indes, dass Reinhard nicht dem CVP-Mann, sondern SVP-Gemeinderat Roman Gimmel gefährlich werden kann.

Völlig ungefährdet ist SVP-Stadtpräsident Raphael Lanz. Sein parteiloser Herausforderer Matthias Zellweger (früher FDP) ist chancenlos. (soh)

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