«Die Spitex ist für uns unverzichtbar»

Die Ärztegesellschaft des Kantons Bern mit ihren rund 4000 Mitgliedern will Sparmassnahmen bei der Spitex verhindern. Beat Gafner, Präsident der Ärztegesellschaft, befürchtet eine Kostenverlagerung.

Die Spitex sorgt für die zuverlässige Ausführung der verordneten Pflege. Die Ärzte rechnen mit einer Zunahme der stationären Aufenthalte.

Die Spitex sorgt für die zuverlässige Ausführung der verordneten Pflege. Die Ärzte rechnen mit einer Zunahme der stationären Aufenthalte.

(Bild: Gaetan Bally / Keystone)

Simon Wälti

Herr Gafner, die Ärztegesellschaft des Kantons Bern ergreift Partei für die Spitex. Warum?
Ich bin selber ein klassischer Hausarzt und führe seit 30 Jahren eine Klinik in Niederscherli in der Gemeinde Köniz. Die Spitex übernimmt vielfältige Aufgaben. Hausärzte, aber auch Spezialisten arbeiten tagtäglich eng mit der Spitex zusammen. Der Entscheid fiel im Vorstandsausschuss, nachdem wir Spitex-Vertreter angehört hatten. Zudem sind viele Ärzte auch in den Vorständen von Spitexorganisationen tätig.

Ist diese Stellungnahme gegen die geplante kantonale Sparmassnahme ein Novum oder ein Sonderfall?
Es ist nur bedingt ein Novum, wir haben uns auch schon früher zu Tätigkeiten anderer Berufsgruppen wie die der Praxisassistentinnen oder der Pflegefachpersonen zum Beispiel in Vernehmlassungen geäussert. Bei der Spitex ist aber durch die langjährige enge Zusammenarbeit ein Sonderfall gegeben. Die Spitex ist für uns unverzichtbar für die zuverlässige Ausführung der verordneten Pflege. Ihre Mitarbeitenden sind wertvolle Übermittler medizinischer Kriterien. Ohne die Spitex erhielte ich viele Informationen zu spät oder gar nicht.

Wo zeigt sich die enge Verzahnung von Ärzten und Spitex im Alltag?
Der Arzt delegiert viele grundpflegerische und therapiespezifische Tätigkeiten und kann so schwierig zu organisierende und für die Betroffenen mühsame Arztbesuche in der Praxis vermeiden. Gleichzeitig ist durch den regelmässigen Spitexbesuch eine Beurteilung der häuslichen Lebensbedingungen gewährleistet, sodass Verschlechterungen in Krankheitsverläufen oder Lebensbedingungen erkannt werden. So kann der Arzt frühzeitig und situationsgerecht reagieren.

Was sind typische Tätigkeiten, welche die Spitex übernimmt?
Es gibt viele Beispiele: die Abgabe von Medikamenten und Kontrolle der Einnahme, die Applikation von Spritzen, das Anziehen von Kompressionsstrümpfen, der regelmässige Verbandwechsel, die Überwachung des Blutdruckes und die einfache Beurteilung der Kreislaufverhältnisse. Zudem die Blutzuckermessung sowie die Applikation von Insulin, die Körperpflege und vieles mehr.

Der Kanton will bei der Spitex 8 Millionen Franken sparen. Wie einschneidend wäre das?
Das wäre sehr einschneidend. Die Spitex wird durch das Sparpaket übermässig stark getroffen. Schon heute sind zahlreiche Spitexeinsätze nicht kostendeckend. Die Finanzierungslücke würde anwachsen. Es wäre mit einer Zunahme der Spitalaufenthalte zu rechnen. Die Maxime des Kantons «ambulant vor stationär» würde ad absurdum geführt. Zudem müsste bei den Spitexeinsätzen die Behandlungszeit weiter eingeschränkt werden, so ginge viel Qualität verloren. Die Eigenständigkeit älterer Leute in ihrer gewohnten Umgebung würde gefährdet.

Sie glauben, dass es gar nicht zum gewünschten Spareffekt kommt?
Nein, die Folge ist eine teure und unerwünschte Kostenverlagerung, da die Hausbetreuung weitaus günstiger ist als eine Spitalversorgung. Es könnte zu einem höheren Bedarf an Ergänzungsleistungen führen. Dadurch würden Prämien- und Steuerzahler im Endeffekt stärker belastet. Wir haben den Eindruck, dass man diese Kostenverlagerungen entlang der Patientenpfade lieber nicht zu genau anschauen will. Das Interesse an einer gesamtwirtschaftlichen Kostenbeurteilung ist oft ungenügend.

Wie werden die Ärzte die Spitexorganisationen unterstützen?
Die Ärztegesellschaft gedenkt nicht, sich an Aktionen auf der Strasse zu beteiligen. Wir unterstützen aber die Meinungsbildung und versuchen, unseren Einfluss im Grossen Rat geltend zu machen. Einige Parlamentarier sind selber Ärzte oder Ärztinnen. Ich bin zudem Mitglied im leitenden Ausschuss der Berner KMU.

Der Kanton will auch die finanzielle Beteiligung der Patienten erhöhen und so 13 Millionen Franken sparen. Ist die Ärztegesellschaft auch gegen diese Massnahme?
Nein. Wir glauben, dass eine Beteiligung an einer Erhöhung zumutbar ist, aber nicht in diesem Ausmass. Es ist ein bewährtes Prinzip in der Schweiz, dass die Kosten auf verschiedene Träger aufgeteilt werden.

Der Bund

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