Die Schnauze voll vom Macho-Troll

Ein Heer von Freiwilligen will künftig Online-Kommentarschreibern Paroli bieten, wenn diese mit Sexismus statt Argumenten agieren. Das soll mit «Liebe statt Hass» geschehen – und mit Geld der Stadt Bern.

Die Bernerin Sophie Achermann will im Internet für mehr Anstand sorgen.

Die Bernerin Sophie Achermann will im Internet für mehr Anstand sorgen. Bild: Adrian Moser

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Zum Beispiel Tamara Funiciello. Wenn Zeitungen über politische Forderungen der Juso-Präsidentin und Grossrätin schreiben, fühlen sich zahlreiche Männer bemüssigt, ihre äussere Erscheinung zu bewerten. Auf Facebook und Twitter oder in den Kommentarspalten der Onlinemedien, also in aller Öffentlichkeit – und teils sogar unter dem richtigen Namen. Funiciello ist eines der Lieblingsopfer von rechten Wutbürgern – aber sie ist beileibe keine Ausnahme. Sämtliche angefragten Berner Nationalrätinnen ausser Nadja Pieren (SVP) wurden nach eigenen Angaben schon Zielscheibe sexistischer Kommentare. Auch eine Auswertung des «Bund» von Februar zeigte, dass Bundesrätinnen öfters beleidigt werden als ihre männlichen Kollegen.

Doch damit soll jetzt Schluss sein. Alliance F, der Dachverband der Schweizer Frauenorganisationen, lanciert ein gross angelegtes Projekt gegen sexistische Onlinekommentare. Das Ziel: Ein Heer von Freiwilligen soll sich in die Onlinediskussionen einschalten und koordiniert Gegensteuer geben. «Wir wollen verhindern, dass solche Kommentare unwidersprochen publiziert werden können», sagt Sophie Achermann, Geschäftsführerin von Alliance F.

Keine politische Diskussionen

Die junge Bernerin beschäftigt sich schon länger mit Sexismus im Internet. Vor drei Jahren leitete sie an einer UNO-Konferenz in New York einen Workshop zum Thema. «Alle anwesenden Jugendlichen hielten Onlinesexismus für ein Problem, doch niemand hatte eine Lösung dafür», sagt sie bei einem Treffen. Inspiration für das Projekt erhielt Achermann unter anderem vom deutschen Fernsehmoderator Jan Böhmermann. Dieser gründete Anfang Jahr ein Netzwerk von Onlineaktivisten, um rechten Trolls etwas entgegenzuhalten. Auch die Juso Schweiz koordiniert bereits verbündete Kommentarschreiber.

Wie Achermann betont, ist das Alliance-F-Projekt aber nicht politisch gefärbt. «Uns geht es um frauenfeindliche Kommentare – egal aus welcher Richtung diese kommen.» Zudem wolle man auch keine inhaltlichen Diskussionen führen, sondern auf anständige Weise die Verfasser darauf aufmerksam machen, dass solche Ausdrucksweisen nicht angebracht seien. «Wir werden mit Liebe auf den Hass reagieren», sagt sie.

Doch funktioniert das? Der bekannte Leitspruch «don’t feed the troll» (Trolle nicht füttern) rät schliesslich zum Ignorieren von Hasskommentaren und nicht dazu, sie mit Aufmerksamkeit noch weiter zu animieren. «Das ist überholt», sagt Achermann. Das Ziel sei ohnehin nicht, die Kommentarschreiber zu bekehren, was laut der Bernerin wohl aussichtslos wäre. «Eigentlich geht es um die Leserinnen und Leser dieser Kommentare, insbesondere um die Jungen.» Wenn Hasskommentare unwidersprochen stehen blieben, führt Achermann weiter aus, bekämen die Lesenden das Gefühl, dass eine solche Ausdrucksweise legitim oder gar mehrheitsfähig sei.

Sie verweist auch auf ein Phänomen, das als Schweigespirale bezeichnet wird: Gerade in den Kommentarspalten von «20 Minuten» und «Blick» dominieren äusserst rechte Positionen. So entsteht der Eindruck, dass die grosse Mehrheit der Bevölkerung so denkt wie die Mehrheit der Kommentarschreiber – was dazu führt, dass sich Personen anderer Gesinnung nicht an der Diskussion beteiligen.

Doch was sind das überhaupt für Leute, die Politikerinnen mit sexistischen Beleidigungen eindecken? Die Wissenschaft weiss darüber wenig, da der Zugang zu den Urhebern fehlt (Interview rechts). «Die meisten sexistischen Kommentare werden von Schweizer Rentnern verfasst», sagt hingegen Jolanda Spiess-Hegglin auf Anfrage. Die ehemalige grüne Zuger Kantonsrätin musste sich wie keine andere Schweizerin mit Hasskommentaren auseinandersetzen, nachdem sie öffentlich den Verdacht geäussert hatte, dass ihr an einer Parlamentsfeier K.-o.-Tropfen verabreicht worden seien.

Mit ihrem Verein Netzcourage berät sie heute Opfer von Hasskampagnen – und geht, wenn nötig, auch juristisch gegen die Urheber vor. «Am effizientesten sind Vergleichsverhandlungen im Beisein eines Staatsanwalts», sagt Spiess-Hegglin. Mittlerweile hat sie schon Dutzende solcher Treffen hinter sich. «Bis auf eine Person haben danach alle aufgehört, im Internet zu hetzen.» Einige seien mittlerweile gar ihrem Verein beigetreten.

Viele Interessierte, wenig Geld

Netzcourage und Alliance F werden punktuell zusammenarbeiten, wie Achermann sagt. «Wir fokussieren auf widerwärtige, aber strafrechtlich unproblematische Kommentare.» Sollten Kommentare strafrechtlich relevant sein, werde man Netzcourage informieren.

Derzeit ist es aber noch nicht so weit. Damit das Projekt auch tatsächlich zustande kommt, braucht es noch weitere Geldgeber. Zugesagt haben bereits die Städte Bern, Thun und Biel. Der Berner Gemeinderat hat 20'000 Franken gesprochen – allerdings unter dem Vorbehalt, dass sich andere Städte in ähnlichem Ausmass beteiligen. Der Stadtberner Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP) begründet den Zustupf mit dem «innovativen und vielversprechenden Ansatz» des Projekts. «Der Gemeinderat hat ein grosses Interesse daran, dass gegen Hate-Speech und Frauenhass vorgegangen wird – auch online.»

Weniger Sorge als das Geld bereitet Achermann die Suche nach Freiwilligen. Bereits auf einen ersten Aufruf hätten sich mehrere Dutzend interessierte Frauen und Männer gemeldet, sagt sie. «Wir werden problemlos 100 Leute zusammenbringen.» Sie hofft, Ende dieses Jahres loslegen zu können. (Der Bund)

Erstellt: 02.08.2018, 06:55 Uhr

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Politikerinnen zu sexistischen Kommentaren

«Trolle nicht füttern»

Bei FDP-Nationalrätin Christa Markwalder sind sexistische Kommentare «nicht an der Tagesordnung» - doch auch sie erhalte regelmässig frauenfeindliche Nachrichten. Zwar betreffe das Phänomen des Hate-Speech auch Männer. Die Hemmschwelle, Frauen zu attackieren, sei aber tiefer. Markwalder handelt nach dem Motto «dont feed the troll», wie sie sagt. Auf ihrer Facebook-Seite lässt sie diffamierende Kommentare unbeachtet stehen, bei E-Mails gehe sie «grosszügig mit der Delete-Taste» um. «Ich versuche jedenfalls, die Leute nicht noch zu animieren.» Einmal habe sie über Twitter eine Morddrohung erhalten - die Urheberin stellte sich letztlich als 14-jähriges Mädchen heraus. Gesetzlichen Massnahmen steht sie skeptisch gegenüber. Sie habe zwar die Ausweitung der Rassismus-Strafnorm auf Homophobie unterstützt, finde aber auch, dass sich nicht jedes Problem mit dem Strafrecht lösen lasse. Umso mehr befürwortet sie das Projekt von Alliance F. «In der heutigen Zeit braucht es Gegensteuer für all die Anfeindungen im Internet.» Das sei auch effizienter, als einfach das Strafrecht zu verschärfen. (chl)

«Keine Teflonhaut-Politiker»

Flavia Wasserfallen ist zwar erst seit kurzem Nationalrätin, auf der politischen Bühne bewegt sich die SP-Frau aber schon länger. Sie hat darum auch ihre Erfahrungen mit sexistischen Onlinekommentaren gemacht: «Offenbar gibt es Leute, die sich schon provoziert fühlen, wenn sich eine Frau politisch exponiert.» Sexistische und beleidigende Kommentare auf ihrer Facebook-Seite löscht sie. Wenn die Kommentare zudem bedrohend sind, rät sie zur Anzeige. Selber ging sie einmal wegen einer Droh-SMS «im Graubereich» zur Polizei, die laut Wasserfallen aber nur bescheidenes Interesse aufgebracht habe. Die Gefahr bestehe, so Wasserfallen, dass sich Politiker zunehmend eine «Teflonhaut» zulegen müssten. «Ich möchte keine Politiker, die alles an sich abprallen lassen, sondern solche, die menschlich bleiben.» Wasserfallen begrüsst die Aktion von Alliance F - und zeigt sich offen für Gesetzesverschärfungen. Neben der Ausweitung der Antirassismus-Strafnorm könne sie sich auch Gesetze vorstellen, die Facebook zur Herausgabe von Daten der Urheber zwingen. (chl)

«Wegen Äusserem heruntergeputzt»

EVP-Nationalrätin Marianne Streiff ist immer wieder mit beleidigenden Kommentaren konfrontiert. «Öfters als mein Geschlecht wird aber mein christlicher Hintergrund thematisiert.» Allerdings habe sie auch beobachtet, dass Frauen häufiger zur Zielscheibe werden als Männer. Sie würden etwa «wegen des Äusseren heruntergeputzt» oder einfach ins Lächerliche gezogen. «Offenbar fällt es gewissen Männern schwer, die Autorität von Frauen zu akzeptieren - etwa, wenn sie ein Amt haben, souverän auftreten oder einfach erfolgreich sind.» Streiff sagt, sie erhalte bisweilen auch Hasskommentare von Frauen: «Das trifft mich.» Grundsätzlich versuche sie, auch auf sehr kritische Kommentare zu antworten. «Wenn es sich aber nur um eine Beleidigung handelt, lösche ich die Kommentare konsequent.» Einmal habe sie auch ein Drohschreiben erhalten, in welchem ihr empfohlen worden sei, ihre Töchter im Auge zu behalten. «Ich habe eine Anzeige geprüft, aber aufgrund der Anonymität des Schreibens darauf verzichtet.» Streiff würde eine Ausweitung der Rassismus-Strafnorm unterstützen. (chl)

«Kein Mimöseli»

Die SVP-Frau Nadja Pieren ist die einzige der angefragten Nationalrätinnen, die nie mit sexistischen Onlinekommentaren konfrontiert wird. «Ich bin auch nicht so ein Mimöseli», sagt sie. Auf ihrer Facebook-Seite seien links- und rechtsextreme Kommentare das grössere Problem. Was sie aber bemerke, sei eine Abnahme von Anstand und Respekt im Internet. «Doch das ist unabhängig vom Geschlecht und von der politischen Ausrichtung des Gegenübers.» Beleidigende Kommentare auf ihrer Facebook-Seite lösche sie einfach. Einmal habe sie sich aufgrund einer Drohung bei der Polizei gemeldet. Diese habe den «polizeilich bekannten» Urheber ausfindig gemacht, aber für ungefährlich befunden. Gesetzliche Verschärfungen erachtet Pieren für unnötig. «Wer persönlich beleidigt wird, hat heute schon die Möglichkeit, dagegen vorzugehen.» Auch für die Aktion von Alliance F hat sie wenig Sympathie. Wer mit einem Kommentar Mühe habe, dürfe sich zwar einmischen. «Koordiniert finde ich das komisch.» Und gar nicht gehe, wenn «die öffentliche Hand» das Ganze noch finanziere. (chl)

«Gute Blockade aufgebaut»

Nationalrätin Aline Trede (Grüne) ist phasenweise täglich sexistischen Onlinekommentaren ausgesetzt, wie sie auf Anfrage sagt. In der letzten Legislatur habe sie sich zum Ziel gesetzt, alle zu beantworten, die halbwegs anständig verfasst worden sind. «Ich habe aber gemerkt, dass dies nichts nützt und mir viel Energie nimmt», sagt Trede. Viele der Urheber hätten zudem nicht die intellektuellen Fähigkeiten, um eine Diskussion führen zu können. Nun lasse sie die Kommentare etwa auf Facebook bewusst stehen, «damit alle sie sehen». Selber lässt sie sich dadurch nicht einschüchtern. «Ich habe mir eine ziemlich gute Blockade aufgebaut.» Anzeige eingereicht habe sie noch nie, obwohl durchaus schon strafrechtlich relevante Kommentare dabei gewesen seien. Eigentlich hielte sie dies aber für den richtigen Weg. Insbesondere die Arbeit von Netzcourage (Artikel oben) lobt Trede: «Das hat schon manche Person zur Vernunft gebracht.» Auch für das Projekt von Alliance F zeigt sie Sympathie. Schliesslich seien die Trolle zum Teil ebenfalls sehr gut organisiert. (chl)

Reconquista Internet: 62'000 Onlineaktivisten

In Deutschland versucht derzeit die Bürgerrechtsbewegung Reconquista Internet das Netz «zurückzuerobern». Ins Leben gerufen wurde die Bewegung im April dieses Jahres von Fernsehmoderator Jan Böhmermann als Reaktion auf die Enttarnung von «Reconquista Germanica», einem einst geheimen Netzwerk von rechten und rechtsextremen Internet-Trollen. Reconquista Internet hatte bereits einen Monat nach der Gründung 62'000 Mitglieder. Das erklärte Ziel der Bewegung ist eine «Zivilisierung des gesellschaftlichen Diskurses in den sozialen Netzwerken» – und nicht die Gründung einer linken Trollfabrik.

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