Die populärsten Nationalräte

Der Freisinnige Christian Wasserfallen hat am meisten Stimmen von parteifremden Wählern erhalten. Das zeigen die Zahlen für den Panaschierstimmentausch unter den Parteien.

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Die Zahlen sind verblüffend ähnlich: 2011 holte der Freisinnige Christian Wasserfallen auf 1000 Listen 139,2 Panaschierstimmen. 2015 minim mehr, nämlich 139,6. Auf Rang 2 folgen bei den neuesten Wahlen gleichauf die Grüne Regula Rytz und der Sozialdemokrat Matthias Aebischer mit je 118,4 Stimmen. Beide verbesserten sich gegenüber 2011 klar; Rytz kam damals auf Rang 19, Aebischer auf Rang 13. Auf Rang 4 platzierte sich Christa Markwalder (FDP) mit 103,3 Stimmen – ihrer Popularität schadeten die Kasachstan-Wirren somit ganz offensichtlich kaum, sie verbesserte sich gegenüber 2015 sogar um zwei Ränge.

Auf Rang 5 folgt mit Christine Häsler bereits die zweite Grüne, auf Rang 6 mit Evi Allemann die erste der SP-Frauenliste. Und SVP-Fraktionschef Adrian Amstutz, der mit 163 442 das mit Abstand höchste Stimmentotal realisierte, hat mit dem Wert von 92,6 und Rang 7 auch nach Panaschierstimmen ein gutes Resultat erzielt. Gegenüber 2011 verbesserte er sich um vier Ränge.

Trede populär, aber nicht gewählt

Der populärste Politiker der BDP, Hans Grunder, belegt mit 89,4 Panaschierstimmen auf 1000 Listen Platz 8, Albert Rösti, inzwischen Parteipräsident der SVP Schweiz, mit 83,6 Stimmen Rang 9. Aline Trede auf Platz 10 ist als erste unter den Top 30 nicht in den Nationalrat gewählt worden. Sie hat zwar ein gutes persönliches Resultat erzielt, wurde aber Opfer der Tatsache, dass die Grünen einen Sitz verloren.

Ein gutes persönliches Resultat erzielte auch der Berner Gemeinderat Reto Nause auf Platz 16, dessen Partei, die CVP, mit einem Stimmenanteil von lediglich 1,8 Prozent die Hürde für einen Sitzgewinn (3,85 Prozent) aber bei weitem verfehlte.

Unmittelbar vor Nause auf Rang 15 rangiert der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP), der sich gegenüber seinem Resultat vor vier Jahren (Rang 22) deutlich verbessern konnte. Der eigentliche Überraschungsmann in dieser Tabelle ist aber Philipp Jutzi, der mit dem Wert von 33,6 auf Rang 24 kam. Seine Einmann-Liste brachte es zwar auf bloss 0,3 Prozent der Stimmen, er aber wurde vor allem von den Wählern der SVP, die mit Jutzis Liste eine Listenverbindung eingegangen war, rund 6000 Mal panaschiert.

Kiener Nellen abgerutscht

Die Tabelle der populärsten 30 offenbart einige weitere aufschlussreiche Resultate. Margret Kiener Nellen (SP), die in der Rangliste 2011 noch den 12 Platz belegte, rutscht vier Jahre später auf Rang 23 ab, was wohl der öffentlichen Debatte um ihre Steuererklärung 2011 geschuldet ist. Heinz Siegenthaler (BDP, Rang 26) verpasste wie Aline Trede die Wiederwahl, weil seine Partei einen Sitzverlust verzeichnete. Claudine Esseiva (FDP) profitierte zweifellos von ihrer Kandidatur für den Ständerat, weil die FDP aber auf zwei Mandaten stehen blieb, blieb auch ihr der Einzug in den Nationalrat versagt.

Raphael Lanz weit vor Erich Hess

Besonders bemerkenswert ist auch die Stimmenzahl des Thuner Stadtpräsidenten Raphael Lanz: Er kam mit 30,9 Panaschierstimmen auf 1000 Listen auf Rang 28, belegt aber in der Endabrechnung SVP intern nur den zweiten Ersatzplatz. Das heisst: Er war bei den Nicht-SVP-Wählerinnen und Wählern populär, leicht populärer als seine in den Nationalrat gewählten Parteikollegen Manfred Bühler und Werner Salzmann und viel populärer als der ebenfalls gewählte Erich Hess. Hess ist auch der einzige der 25 Berner Gewählten, der es nicht unter die Liste der 30 Populärsten schaffte. Er erscheint mit mageren 15,8 Panaschierstimmen erst auf Rang 45. Besser als er sind fünf weitere SVP-Kandidierende platziert: Anne-Caroline Graber (auf Rang 31), Lars Guggisberg (Rang 34), Peter Brand (Rang 40), Christian Hadorn (Rang 42) und der Innertkircher Gemeindepräsident Walter Brog (Rang 44).

Taktik der Jungen SVP erfolgreich

Erich Hess verdankte seine Wahl vor allem der Liste der Jungen SVP. Von ihr erhielt er über 4000 Stimmen – mehr als jeder andere SVP-Kandidat. Diese Stimmen verschafften ihm den Vorsprung gegenüber den nach Panaschierstimmen vor ihm platzierten SVP-Kandidaten. Die Taktik der Jungen SVP, vier Zeilen auf ihrer Liste leer zu lassen und gezielt dafür zu werben, sie mit den Kandidaten Erich Hess und Thomas Fuchs von der SVP-Hauptliste zu füllen, ist also im Fall von Hess aufgegangen. Fuchs hingegen fiel auch SVP-intern weit zurück.

Der dritthöchsten Stimmenzahl für ihn bei der Jungen SVP (hinter Hess und Amstutz) steht der fünftletzte Platz bei den Stimmen von der SVP-Hauptliste gegenüber. In der Rangliste nach Panaschierstimmen belegt Fuchs lediglich Rang 52. (Der Bund)

Erstellt: 09.07.2016, 08:53 Uhr

Daten

Langsamer Kanton Bern

Das Bundesamt für Statistik (BFS) hat die Zahlen für den Panaschierstimmentausch der Nationalratswahlen im Kanton Bern vor kurzem auf seiner Website aufgeschaltet. Das ist reichlich spät, aber nicht etwa ein Versäumnis des BFS: Während in den anderen Kantonen diese Zahlen ein, zwei Tage nach den Wahlen von den kantonalen Statistikämtern veröffentlicht werden (auch im bevölkerungsreichen Kanton Zürich), wird das Zahlenmaterial im Kanton Bern nicht erfasst, sondern nach Neuenburg geschickt und dem BFS zur nachträglichen Auswertung überlassen. Dem Vernehmen nach haben die Berner Verantwortlichen jetzt aber ins Auge gefasst, es bei den nächsten Nationalratswahlen im Jahr 2019 bei der Auswertung der detaillierten Resultate den anderen Kantonen gleichzutun. (bur)

Amstutz und Wasserfallen

Stimmentotal und Panaschierstimmen

Wie das Beispiel von Adrian Amstutz zeigt, ist die Rangliste nach Panaschierstimmen eine völlig andere als eine Rangliste nach dem Stimmentotal. Die SVP war die mit Abstand stärkste Partei. Sie verteilte ihre Kandidaten mit effektiven Wahlchancen im Gegensatz zur zweitstärksten Partei, der SP, nicht auf zwei starke Listen. So war von vornherein klar, dass die SVP-Kandidaten die höchsten Stimmenzahlen erreichen würden. Nach dem Stimmentotal besetzten die SVP-Kandidaten die ersten 19 Ränge, von Adrian Amstutz mit 163'442 Stimmen bis Peter Brand mit 83'166 Stimmen. Erst auf Rang 20 figuriert der beste Nicht-SVPler, nämlich Christian Wasserfallen (FDP) mit 81'627 Stimmen. Das Stimmentotal reflektiert also zur Hauptsache die Stärke der eigenen Partei. Dagegen hängt die Zahl der Panaschierstimmen von der Unterstützung durch die Wählerschaft der anderen Parteien ab und stellt damit den besten Gradmesser der Popularität dar.

Zu beachten sind beim Vergleich der Panaschierstimmenzahlen allerdings zwei Dinge: Wenn Parteien mit mehreren Listen antreten (wie im Fall der SVP mit einer Hauptliste und einer Liste Junge SVP) gibt es unechte Panaschierstimmen: Das sind jene Stimmen, die von der Jungen SVP zur SVP-Hauptliste fliessen (und umgekehrt). Sie werden nicht als echte Panaschierstimmen gezählt, weil sie beim Auszählen letztlich bei der SVP verbleiben. Echte Panaschierstimmen dagegen sind jene Stimmen, die den abgebenden Parteien effektiv verloren gehen (etwa Stimmen von der SVP zur BDP).

Beim Vergleich dieser echten Panaschierstimmen über alle Parteien hinweg muss eine rechnerische Korrektur gemacht werden: Schwächeren Parteien steht eine grössere Zahl potenzieller Panaschierstimmenlieferanten gegenüber als stärkeren Parteien. Panaschierstimmen für EVP-Kandidaten zum Beispiel konnten von 340'053 Listen kommen (Total Listen 354'027 minus 13'974 EVP-Listen), die Panaschierstimmen für SVP-Kandidaten dagegen nur von 238'234 Listen (Total Listen 354'027 minus 115'793 SVP-Listen). Die Zahl der Panaschierstimmen muss also auf Stimmen je 1000 Listen umgerechnet werden.

In einer solchen Rangliste nach Panaschierstimmen auf 1000 Listen werden die Stimmenzahlen für Kandidierende aller Parteien vergleichbar. Das zeigt sich auch in der Tabelle der besten 30 der Wahlen 2015: Vertreten sind alle grösseren Parteien (SVP 9-mal, SP 6-mal, BDP 4-mal, FDP und Grüne 3-mal, GLP 2-mal) und daneben auch die kleineren EVP, CVP und Jutzi je einmal. Auch die Verteilung nach Geschlechtern mit 18 Männern und 12 Frauen ist gemessen an der Berner Vertretung im Nationalrat (15 Männer, 10 Frauen) relativ ausgewogen. (bur)

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