Die Polizei muss ihren Spielraum nutzen

Auf die bernische Bevölkerung kann die Arbeit der Medienstelle der Kantonspolizei mitunter negative Auswirkungen haben.

Adrian M. Moser@AdrianMMoser

Die Arbeit der Medienstelle der Berner Kantonspolizei ist eine Gratwanderung. Sagt sie zu viel, kann sie Ermittlungen gefährden oder Opfer erkennbar machen. Sagt sie zu wenig, hält sie Informationen zurück, die von öffentlichem Interesse sind. Die «Bund»-Auswertung legt den Schluss nahe, dass Letzteres weitaus häufiger der Fall ist. Damit stellt die Polizei die Realität verzerrt dar – mit negativen Auswirkungen auf die bernische Bevölkerung.

Unter den Mitteilungen, die die Polizei aktiv verbreitet, sind vor allem solche über Verkehrsunfälle und Brände. Andere, zum Teil viel schwerere Delikte wie häusliche Gewalt und Vergewaltigungen kommen praktisch nie vor. Die Medienstelle argumentiert, Brände und Unfälle seien sichtbar und führten deshalb zu mehr Anfragen von Bürgerinnen und Journalisten. Häusliche Gewalt und Vergewaltigungen dagegen geschähen im Versteckten und seien ausserdem aus Datenschutzgründen heikel. Das stimmt – deshalb über gewisse Delikte kaum zu berichten, ist aber problematisch. Natürlich entscheidet am Ende die Redaktion, ob sie eine Mitteilung weiterverbreitet oder nicht. Dennoch hat die Polizei grossen Einfluss auf die Berichterstattung. Denn nur über das, was die Redaktion weiss, kann sie auch berichten.

Auch bei häuslicher Gewalt oder Sexualdelikten gäbe es Möglichkeiten, die Öffentlichkeit zu informieren, ohne die Opfer zu gefährden. Die Polizei kann eine Vergewaltigung vermelden, ohne den genauen Tatort zu nennen. Und über häusliche Gewalt könnte sie zusammenfassend berichten, etwa indem sie mitteilt, wie viele Fälle es in einem Monat gegeben hat. Wie bei Einbrüchen, wo die Polizei genau so vorgeht, hätte das eine präventive Wirkung. Nachbarn könnten eher aufmerksam werden, und potenzielle Belästiger fühlten sich stärker beobachtet, wenn ihnen bewusst wäre, dass die Polizei täglich wegen solcher Delikte ausrückt. Die Polizei muss ihren Spielraum besonders bei diesen heiklen Delikten nutzen, um das zu tun, was ihre edelste Aufgabe ist: die bernische Bevölkerung zu schützen.

DerBund.ch/Newsnet

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