«Die Löhne in der ganzen Volksschule sind zu tief»

Der «Bund»-Artikel über die Lohnunterschiede zwischen Sekundar- und Primarstufe sorgt für Wirbel.

Kindergärtner und Primarlehrerinnen sind heute im Kanton Bern vier Gehaltsklassen tiefer eingereiht als ihre Kolleginnen und Kollegen auf der Sekundarstufe. (Symbolbild)

Kindergärtner und Primarlehrerinnen sind heute im Kanton Bern vier Gehaltsklassen tiefer eingereiht als ihre Kolleginnen und Kollegen auf der Sekundarstufe. (Symbolbild)

(Bild: Keystone Gaetan Bally)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Kindergärtnerinnen und Primarlehrpersonen verdienen heute pro Monat 1000 bis 1600 Franken weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen auf der Sekstufe. «Der grosse Unterschied ist nicht mehr gerechtfertigt», sagte Erziehungsdirektor Bernhard Pulver im «Bund» vom Montag und lancierte gleich selber eine Lohndebatte. Bei den Betroffenen hat dies heftige Reaktionen ausgelöst und Bildung Bern den Vorwurf eingetragen, sich zu wenig zu engagieren. Christoph Michel, Leiter Gewerkschaft beim Berufsverband, nimmt Stellung.

Der Erziehungsdirektor stellt öffentlich fest, dass der grosse Lohnunterschied zwischen Primar- und Sekundarlehrpersonen nicht mehr gerechtfertigt ist. Warum kämpf der Berufsverband Bildung Bern nicht gegen diese Ungerechtigkeit?
Christoph Michel: Das tut er sehr wohl. Wir haben die Forderung nach Angleichung auch schon mehrfach mit Nachdruck deponiert. Im interkantonalen Vergleich sind jedoch die Löhne in der ganzen bernischen Volksschule zu tief. Daher ist der Ausgleich zwischen den Stufen nur ein Schritt.

Was machen Sie aktuell, um dieses Ziel zu erreichen?
Der Bericht des Regierungsrats zu den Anstellungsbedingungen der Lehrpersonen wird demnächst der Öffentlichkeit vorgestellt. Wir haben schon im Vorfeld unsere Anliegen eingebracht und werden nach der Publikation weiter für gerechte Löhne kämpfen.

Was heisst das konkret?
Wir müssen Prioritäten setzen. Für uns ist eine kontinuierliche Lohnentwicklung für alle Bildungsstufen zentral. Weiter ist klar, dass es die Annäherung zwischen Primar- und Sekstufe braucht. Es gibt fundierte Funktionsbewertungen, die aufzeigen, dass die Arbeit auf beiden Stufen vergleichbar ist.

Der Lehrerverband im Kanton Aargau versucht, auf juristischem Weg die Ungerechtigkeit zu beseitigen. Warum tut das Bildung Bern nicht?
Wir verfolgen den Fall sehr genau und warten gespannt auf das Bundesgerichtsurteil zur Aargauer Klage. Es macht aber keinen Sinn, zwei solche aufwendigen Verfahren anzustrengen.

Aktuell sind Sekundarlehrpersonen in der Gehaltsklasse 10 und Primarlehrpersonen in Klasse 6 eingeteilt. Was wäre für Sie gerecht?
Aufgrund der Funktionsbewertungen müssten beide ähnlich entlöhnt werden. Da Sekundarlehrpersonen jedoch eine längere Ausbildung machen müssen, ist ein Unterschied bis zu zwei Gehaltsklassen wahrscheinlich gerechtfertigt.

Eine Gehaltsklasse mehr für die Primarlehrpersonen würde 20 Millionen Franken pro Jahr kosten. Ist eine Anpassung realistisch, während der Kanton bereits das nächste Sparpaket schnürt?
Die Löhne für die ganze Volksschulstufe müssen angehoben werden, damit wir im interkantonalen Vergleich wieder konkurrenzfähig werden. Somit reden wir schnell von 60 und nicht von 20 Millionen Franken. Natürlich wird es schwierig, das als Paket durchzubringen. Wenn in einem ersten Schritt die Primarstufe angehoben wird, darf man danach aber nicht stehen bleiben. Ich denke, der Politik und auch dem Stimmvolk leuchtet dies ein.

Sind die Primarlehrpersonen bereit, für einen gerechteren Lohn zu kämpfen, so wie dies einst die Kindergärtnerinnen getan haben?
Ja, ich gehe sehr davon aus.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt